Demonstration : Kein Friede über Olympia

Proteste bei der Entzündung des Feuers in Griechenland

Heikle Momente im Heiligen Hain des antiken Olympia: Erst stören drei Demonstranten die Zeremonie zur Entfachung des Olympischen Feuers, und dann will auch die Sonne, an deren Strahlen die Flamme traditionell entzündet wird, nicht so recht mitspielen. Zwar ruft die als „Hohe Priesterin“ agierende Schauspielerin Maria Nafpliotou mit flehender Stimme Apollon an, den Gott der Sonne: „Sende Deine Strahlen und wärme unsere Herzen!“ Aber das Zentralgestirn scheint nur schwach durch den wolkenverhangenen Himmel über Olympia. Lange hält Nafpliotou die silberne Olympische Fackel vergeblich in den Hohlspiegel. Schon scheint es, als müsse man auf das Ersatzfeuer zurückgreifen, das Tags zuvor bei der Generalprobe planmäßig entzündet wurde und nun in einer Schale brennt. Aber dann reißen die Wolken für einen Moment auf, das Brennglas bündelt die Sonnenstrahlen und die Flamme an der Spitze der Fackel lodert doch noch auf.

Die Erleichterung war umso größer, als die Zeremonie von einem Eklat überschattet wurde. Über 1000 Polizisten hatten die Griechen aufgeboten, eine drei Kilometer breite Sicherheitszone um das Gelände im antiken Olympia gezogen. Trotzdem gelang es drei Demonstranten, die Feier zu stören. Während der Rede des chinesischen Olympia-Chefs Liu Qi stürmten sie mit einem schwarzen Banner auf den Chinesen zu. Es waren Mitglieder der Organisation „Reporter ohne Grenzen“, darunter der Vorsitzende der Organisation, Robert Menard. Auf dem Spruchband waren die Olympischen Ringe als Handschellen zu sehen, darunter stand der Satz: „Boykottiert das Land, das die Menschenrechte mit Füßen tritt“. Nach einem heftigen Handgemenge wurden die Demonstranten von herbeigeeilten Polizisten überwältigt und abgeführt.

Für die Organisatoren der Zeremonie dürfte der Zwischenfall angesichts des massiven Polizeiaufgebots peinlich gewesen sein. Angereist waren außer einer Delegation aus China auch der griechische Präsident Karolos Papoulias, Regierungschef Kostas Karamanlis und das halbe Kabinett aus Athen. Mehrere Tausend Zuschauer

verfolgten die Feier. Auch außerhalb der Sicherheitszone gab es Proteste gegen Chinas Vorgehen in Tibet. Demonstranten entzündeten symbolisch ihre eigene Olympische Flamme. Kurz nach dem Beginn des Fackellaufs kam es zu einem weiteren Zwischenfall: Ein Mann übergoss sich mit blutroter Farbe und warf sich einem der Läufer in den Weg.

IOC-Präsident Jacques Rogge spielte wohl auf die Unruhen in Tibet an, als er in seiner kurzen Rede auf die Idee des olympischen Waffenstillstands zu sprechen kam und mahnte: „Die Spiele müssen in einer friedlichen Umgebung stattfinden.“ Die Olympischen Spiele seien „eine Macht des Guten“ und ein „Katalysator für den Wandel“, sagte Rogge, aber „kein Allheilmittel gegen alle Krankheiten“. Damit machte Rogge noch einmal klar: massiver Druck auf die Chinesen ist vom IOC nicht zu erwarten, es dürfte bei Appellen bleiben.

Unterdessen ging die Flamme auf ihren langen Weg, der zunächst sieben Tage lang durch Griechenland führen wird. Unter den Fackelläufern des ersten Tages waren auch drei Deutsche: Hockey-Olympiasiegerin Nadine Ernsting-Krienke, Fußballtrainer Felix Magath und der frühere Formel-1-Pilot Hans-Joachim Stuck. Nach dem gestrigen Zwischenfall wollen die Griechen jetzt die Sicherheitsvorkehrungen für die Übergabe des Olympischen Feuers an die Chinesen, die am Sonntag im alten Athener Olympiastadion stattfinden soll, verschärfen. Aber schon jetzt ist absehbar: die Vorfälle in Tibet werden den Fackellauf überschatten. Eine thailändische Läuferin, die das Feuer am 18. April in Bangkok tragen sollte, hat bereits aus Protest ihre Teilnahme abgesagt. Gerd Höhler, Athen

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