Zeitung Heute : Demonstrationen weiten sich auf ganze Ukraine aus Opposition verlangt von Präsident Janukowitsch

weitere Zugeständnisse und Neuwahlen.

Nina Jeglinski[Kiew]
Foto: AFP

Die regierungskritischen Proteste in der Ukraine haben sich am Sonntag ausgeweitet. Mittlerweile wird in zwölf Regionen gegen den autoritären Kurs von Präsident Viktor Janukowitsch protestiert, vielerorts werden öffentliche Gebäude besetzt. Am späten Sonntagabend drangen Demonstranten in das Justizministerium in Kiew ein. Zuvor hatten Tausende die Stadtverwaltung von Saporischschja im Südosten gestürmt. Dabei kam es zu Verletzten auf beiden Seiten. Später eroberten Truppen des Innenministeriums das Gebäude zurück und begannen wahllos Menschen abzuführen. In der Millionenmetropole Dnipropetrowsk hatten etwa 3000 Menschen versucht, in das Regierungspräsidium zu gelangen.

Am neunten Sonntag in Folge hatte die Opposition die Menschen dazu aufgerufen, sich gegen die Regierung zu wehren und auf die Straße zu gehen. In Kiew nahmen bis zu 20 000 Menschen Abschied von einem 25-jährigen Aktivisten. Seine Leiche war am Mittwoch in Kiew mit Schussverletzungen gefunden worden. An der Beisetzungsfeier nahmen die Oppositionsführer Vitali Klitschko von der Partei Udar, Arseni Jazenjuk von der Partei Julia Timoschenkos sowie Oleg Tjagnibok, Anführer der nationalistischen Swoboda-Partei, teil. „Heute ist ein Tag der Einkehr“, sagte der sonst so wortgewaltige Tjagnibok. Klitschko und Jazenjuk schwiegen.

Doch es mag noch andere Gründe für die Sprachlosigkeit gegeben haben. Am Wochenende hatte Präsident Janukowitsch der Opposition überraschend die Regierungsbeteiligung angeboten. Nachdem diese Nachricht an die Öffentlichkeit gedrungen war, entlud sich in der Kiewer Innenstadt neuer Protest. Mehrere tausend Menschen stürmten das Ukrainische Haus, ein Mehrzweckgebäude nur wenige Meter vom Maidan entfernt, dem zentralen Platz der Proteste. Das Innenministerium teilte mit, die Polizei habe entschieden, sich zurückzuziehen.

Für viele Beobachter steht Präsident Janukowitsch mit dem Rücken zur Wand: Alle Angebote, die er der Opposition unterbreitet hat, waren für die Gegenseite inakzeptabel. Ebenso hat er keine der Forderungen der Opposition erfüllt. Am Dienstag soll nun eine außerordentliche Sitzung des von der Präsidentenpartei dominierten Parlaments stattfinden. Ursprünglich war die Abwahl Nikolai Asarows geplant, was daraus wird, bleibt fraglich.

Auslöser für den massenhaften Protest war die überraschende Weigerung Janukowitschs, ein über Jahre ausgehandeltes Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union zu unterzeichnen und sich stattdessen stärker Russland zuzuwenden.

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