Zeitung Heute : Den 1. Mai planen

Wie eine Neu-Berlinerin diese Stadt erleben kann

Sonja Niemann

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Der Frühling ist eine Superjahreszeit. Jedenfalls abgesehen von den zwei ewigen Problemen des Frühlings: Erstens: Was mache ich dieses Jahr am 1.Mai? Zweitens: Wie entgehe ich den nervenden verliebten Paaren in der Stadt?

Das 1.Mai-Problem ist Ende April das dringendere. Ich habe es nämlich in den letzten Jahren immer geschafft, den „Tag der Arbeit“ schlechtmöglichst zu verbringen. Als linksbewegte 15-jährige Tochter eines bürgerlichen Haushaltes in der niedersächsischen Kleinstadt spielte ich beispielsweise gern an dem Tag in meinem Kinderzimmer die „Internationale“ auf der Querflöte und sang hinterher laut alle drei Strophen durch (beides zusammen ging ja nicht, deshalb wünschte ich mir eine Gitarre, die ich zum Glück nie bekam). Mein Vater, der auch an Feiertagen arbeitete, fragte immer mürrisch, warum eigentlich ausgerechnet am „Tag der Arbeit“ alle frei hätten außer ihm. Ich hielt die Frage für ignorant, konnte sie aber nie richtig beantworten. Wir hatten schließlich damals noch kein Internet, wo man nur „Erster Mai“ bei Google eingeben muss und dann erklärt bekommt, wogegen unterdrückte Arbeiter aus Drittweltstaaten und unterdrückte Gymnasiasten aus Steglitz an diesem freien Tag kämpfen sollen: gegen die EU-Abschottungspolitik, die Offensive des Großkapitals, den Überwachungs- und Polizeistaat, die Imperialisten, gegen die Reaktionäre und so weiter.

Ein paar Jahre später besuchte ich dann am 1. Mai mit meinem Freund DGB-Feste in besonders langweiligen Städten wie Karlsruhe, wo er studierte. Wir beklatschen kurdische Tanzgruppen und waren sehr froh, dass uns wenigstens einmal im Jahr so ein kultureller Höhepunkt geboten wurde.

2001 schließlich war ich zum ersten Mal an einem 1.Mai in Kreuzberg, wo ich einen Freund besuchte. Wir grillten auf seinem Balkon, es war ein netter Abend. Bis jemand auf die tolle Idee kam, Richtung Kottbusser Tor zu gehen, um „mal zu gucken“. Nach dem kurzen Erlebnisspaziergang verbrachten wir den Rest des Abends gemeinsam mit ein paar bekloppten Steineschmeißern in einem dunklem Hausflur auf der Flucht vor Wasserwerfern, die sich nicht mal mit dem Hinweis stoppen ließen, man gehöre nicht dazu, man besäße sogar Nike-Turnschuhe, hätte im Prinzip nichts gegen die WTO und halte den Plus-Supermarkt am Oranienplatz auch nicht für die Speerspitze des Großkapitals.

In diesem Jahr wird alles besser. Am 30. April tritt mein alter Freund Daniel mit seiner Band „Four Kids go“ in der Kalkscheune auf, das könnte ich mir mal anhören (der Name der Band lasse nicht auf die musikalische Qualität schließen, sagt Daniel, er sei nur der Kompromiss gewesen zwischen den Alternativvorschlägen „Capital City Child“ und „Elmus“, den letzten Buchstaben des Wortes „Apfelmus“).

Am Sonnabend könnte ich dann aus Berlin flüchten und in den Spreewald fahren. Aber da sind dann wieder die verliebten Pärchen. Der 1. Mai ist ein echter Mist.

Planen Sie heute das Wochenende. „Four Kids go“ in der Kalkscheune ist sicher super, der Spreewald soll auch sehr schön sein.

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