Zeitung Heute : Den Anschluss behalten

Durchstarten 2003 – letzte Folge: Die Arbeitsmarktkrise für die Ausschau nach neuen Beschäftigungsfeldern nutzen

Regina-C. Henkel

Die Stimmung im Land ist mies. 4 623 100 Menschen waren Ende Januar arbeitslos gemeldet. An einem neuen Nachkriegsrekord fehlen noch 200 000 weitere Einträge in der Statistik der Bundesanstalt für Arbeit (BA) und die sind für den laufenden Monat so gut wie sicher. Das ist schwere Kost. Alle 38,9 Millionen Erwerbstätigen sind verunsichert. Auch Bundeswirtschafts- und -arbeitsminister Wolfgang Clement weiß keinen Rat. Schlimmer noch: Bereits am Vorabend der jüngsten Zahlenpräsentation durch BA-Chef Florian Gerster stellte er klar: Die Arbeitsmarktreformen der Regierung werden wohl erst im Jahr 2004 greifen, Deutschland habe „noch eine schwere Strecke vor sich“.

Was also tun? Den Kopf in den Sand zu stecken verbietet sich ebenso wie auf ein Wunder zu hoffen. Sich aus lauter Panik selbstständig zu machen, obwohl man nun wirklich kein Unternehmertyp ist, kann auch nicht der richtige Weg sein. Immerhin war die Arbeitslosenzahl Anfang der 90er Jahre noch höher – und es wurde wieder besser. So rufen sich die Menschen gegenseitig Durchhalteparolen zu – etwa im Internet. Im Aol-Arbeitslosen-Chat schreibt Django99: „Wir müssen halt überwintern“.

So dramatisch die Lage ist: Die Chancen, bald wieder in Lohn und Brot zu sein, sind durchaus da – zumindest für Kandidaten mit Gespür für Nischen und neue Trends im Arbeitsmarkt. Voraussetzung , die derzeit seltenen Job-Angebote überhaupt wahrzunehmen, ist eine positive und selbstbewusste Grundhaltung. Gerd F. Radisch von experis, einem Zusammenschluss von Spezialisten für Arbeitsrecht, Kommunikation, Training und Beratung in Hamburg, sagt: „Wer seine Arbeitslosigkeit nicht als persönliches Versagen sieht, sondern als Folge der allgemeinen Arbeitsmarktkrise, hat die halbe Strecke zum nächsten Job bereits geschafft.“

Der Rest des Weges ist auch zu bewältigen. In den satten Jahren vor dem Zusammenbruch von New Economy, Finanz- und Arbeitsmarkt sind zahlreiche betriebliche und staatliche Förderinstrumente etabliert. Sich darauf zu besinnen und daraus persönliche Konsequenzen für die eigene Berufsplanung abzuleiten, halten Personalberater für eine kluge Strategie. Warum wohl haben die Unternehmen – und Arbeitsämter – mobilitätsunterstützende Programme für Entsendungen in Projekte im In- und Ausland entwickelt, in betriebliches E-Learning investiert, Telearbeitsplätze und auch unterschiedlichste Arbeitszeitmodelle entwickelt? Weil der internationale Wettbewerb es verlangte und auf diese Weise die Flexibilität und Effizienz in den privaten und öffentlichen Betrieben gesteigert werden konnten.

Das Vorteilhafte für Arbeitnehmer, die krisenbedingt ihren Job verloren haben: Die Zukunftsinvestitionen in die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens waren zugleich auch Investitionen in die Beschäftigungsfähigkeit – neudeutsch Employability – der einzelnen Arbeitnehmer. Erst kurze Zeit Arbeitslose dürfen sich selbst also getrost als gut gerüstet für die Anforderungen des Arbeitsmarktes betrachten. Wenn das kein dicker Pluspunkt auf dem Selbstwert-Konto ist!

Im harten Wettbewerb um die derzeit seltenen Jobangebote geht es also vor allem darum, die eigene Employability ins Licht zu rücken. Personalberater Gerd F. Radisch konkretisiert: „Arbeitssuche heißt nicht mehr in erster Linie Unternehmenssuche, um überhaupt eine Beschäftigung zu finden, sondern Aufgabensuche, um sie dem passenden Unternehmen anzubieten.“

Warum zum Beispiel nicht in der Telearbeit? Immer mehr Unternehmen bieten sie an, weil sie besser motivierte Mitarbeiter und damit eine vergleichsweise höhere Produktivität verspricht – und außerdem Kosten für Büroräume und Arbeitsmittel spart. Die Vorteile für die Mitarbeiter sind vor allem die flexible Arbeitszeit und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Das Meinungsforschungsinstitut empirica hat festgestellt, dass knapp die Hälfte der heute bis 34-Jährigen Interesse an den verschiedenen Formen der Telearbeit hat. Vor allem an alternierender Telearbeit. Dabei wird zwischen betrieblichem und häuslichem Arbeitsplatz gewechselt, die Aufteilung richtet sich nach Arbeitsaufgabe und individuellen Interessen. Zunehmend beliebter werden auch Mobile Telearbeit, bei der die Arbeit mit Notebook und Modem unterwegs, beim Kunden oder Zuhause erledigt wird. Servicetechniker, Außendienstmitarbeiter, Handelsvertreter, Berater und Journalisten schätzen diese Arbeitsform besonders. Stark im Kommen sind auch Satellitenbüros (ausgelagerte Arbeitsstätten eines Unternehmens mit Telekommunikationsanbindung an die Zentrale) sowie Nachbarschaftsbüros (meist von Selbstständigen betrieben).

Neue Jobchancen bieten sich auch, weil immer mehr Unternehmen Bereiche außerhalb ihres eigentlichen Kerngeschäfts outsourcen – sprich auslagern. Externe Dienstleister übernehmen etwa die Lohnbuchhaltung oder die Gebäudereinigung. Die Analysen der französischen Pierre Audoin Consultants sagen dem Outsourcing-Markt ein jährliches Wachstum um 14 Prozent voraus.

Interessant kann auch Zeitarbeit sein. Noch macht sie nur 0,9 Prozent des deutschen Arbeitsmarktes aus, doch mit der Hartz-Reform soll sie mächtig in Schwung kommen. Gerade haben die Vergabeverfahren für die Personal-Service-Agenturen (PSA) begonnen. In Berlin und Brandenburg sollen im April etwa 80 PSA an den Start gehen und bis 5300 zuvor Arbeitslose an Betriebe verleihen. Vielleicht ist auch Django99 dabei. Er sieht in der Zeitarbeit eine gute Chance, an seinen Wunschjob zu kommen. Er weiß: Die PSA arbeiten auf Erfolgsbasis. Je schneller sich ihre Mitarbeiter in ein Kundenunternehmen absetzen, desto höher ist das Honorar, das ihnen die BA überweist. So könnte es sein, dass die „schwere Strecke“ von Django99 gar nicht so lange dauert, wie Minister Clement befürchtet.

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