Zeitung Heute : Den Blick nach vorn

Die Deutsche Welthungerhilfe engagiert sich seit mehr als 40 Jahren in den Krisenregionen der Welt. Sie setzt auf Hilfe zur Selbsthilfe

Annette Kögel

Die Welt schaut bewegt auf Südasien, auf Sri Lanka, auf Indien. Indien. Mit diesem Land ist die Geschichte der Deutschen Welthungerhilfe (DWHH), mit der der Tagesspiegel jetzt sein Hilfsprojekt auf Sri Lanka organisiert, eng verbunden. „Vor gut 40 Jahren hat die Hungerkatastrophe in Indien die Weltöffentlichkeit schockiert“, erinnert sich Ingeborg Schäuble, die Vorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe. Auch Deutschland wollte damals nicht untätig zusehen: 1962 wurde auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke ein Komitee gegründet – und das benannte man später in Deutsche Welthungerhilfe um.

Heute ist die DWHH mit Sitz in Bonn eine der größten regierungsunabhängigen, nicht konfessionell gebundenden Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe in Deutschland. Dass der Tagesspiegel die Welthungerhilfe als Partner für seine Hilfe für die Tsunamiopfer auswählte, hat mehrere Gründe. Die Deutsche Welthungerhilfe besitzt Kompetenzen wie die Großorganisationen Rotes Kreuz, Diakonie, Caritas oder Unicef – und ihre Arbeit ist gut überschaubar. Die DWHH hat ihre Wurzeln in der Entwicklungshilfe: Sie hat jahrzehntelange Erfahrung damit, wie man Menschen ein neues Zuhause geben kann, die aus ihrer alten Heimat vertrieben wurden. Ob infolge von Bürgerkriegen - oder wie jetzt durch eine Naturkatatstrophe.

Als klassische Entwicklungshilfeorganisation ist die Welthungerhilfe in vielen armen Ländern vertreten – so auch in Sri Lanka. „Unsere Leute kooperieren seit Jahren mit den einheimischen Entwicklungshilfeorganisationen, in Sri Lanka arbeiten wir mit Sewalanka zusammen. Das erleichtert die Arbeit jetzt ungemein“, sagt Marion Aberle, DWHH-Pressesprecherin.

Ob bei den ersten Hilfsprojekten 1968 in Indien, Äthopien, Ghana und Peru oder eben jetzt beim Wiederaufbau in den von der Flut zerstörten Gebieten: Die Welthungerhilfe setzte schon immer auf das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“. So werden auch in Sri Lanka nicht ausländische Firmen Häuser ausbauen – sondern die Einheimischen selbst eingebunden. Ihre Fähigkeiten werden genutzt, ihre Lebensgewohnheiten berücksichtigt. Auf diese Weise ist die Deutsche Welthungerhilfe „vor allem in ländlichen Gebieten aktiv“, sagt Pressesprecherin Marion Aberle. Sie hilft zum Beispiel in Ruanda. Beim Völkermord 1994 verloren dort viele Kinder ihre Eltern. Dort kümmert sich die Deutsche Welthungerhilfe in Kooperation mit der Fondation Barakabaho um Waisenkinder. Vor allem ältere Mädchen und Jungen sollen lernen, auf einem kleinen Stück Land Maniok und Bohnen anzubauen. Die Jugendlichen bekommen dafür Saatgut, Dünger, eine Ziege, landwirtschaftliche Beratung. Und natürlich auch Gesundheitsschulungen, etwa über die Gefahren sexuell übertragbarer Krankheiten wie Aids.

Von Afrika nach Lateinamerika in ein anderes Einsatzgebiet: Kolumbien. In dem Land gehören Massaker, Überfälle und Entführungen seit Jahrzehnten zum Alltag. Dort heißt die Partnerorganisation der DWHH Ciudadania. Einheimische werden zu sogenannten Mediatoren ausgebildet, sie besuchen Vermittlungskurse oder Seminare zur „Friedenspromotion“, veranstalten Runde Tische. Und versuchen mit DWHH-Unterstützung dabei zu helfen, Gewalt zu verhindern.

Auch im Norden Sri Lankas prägen die Folgen des Bürgerkriegs zwischen Tamilen und Regierung noch immer das Leben. Dort verstärkte die Welthungerhilfe nach dem Friedensabkommen 2002 ihre Bemühungen um ein gewaltfreies Miteinander der Volksgruppen. Die Partnerorganisation Sewalanka kümmert sich beispielsweise um Kriegswitwen, hilft ihnen dabei, eine neue Existenz aufzubauen: Gemüseanbau, Obstzucht, Viehhaltung. Doch die verheerende Flut hat nun auch viele dieser jahrelangen Bemühungen um den Wiederaubau zunichte gemacht. Auch in Sri Lanka muss die Deutsche Welthungerhilfe – wie in ihren Indien und Thailand – vielfach wieder bei Null anfangen.

„Die großzügigen Spenden der Tagesspiegel-Leser helfen uns dabei ungemein“, sagt Marion Aberle. Rund 20,6 Millionen Euro haben die Deutschen an die DWHH überweisen – fast 500 000 davon spendeten die Leserinnen und Lesern dieser Zeitung.

Fast ein Dutzend Experten der Welthungerhilfe kümmern sich um den Wiederaufbau in Sri Lanka. Weltweit engagieren sich knapp 250 DWHH-Mitarbeiter in 500 Projekten in 50 Ländern. Und das unter der Schirmherrschaft des jeweiligen Staatsoberhauptes: Seit der Gründung 1962 waren alle Bundespräsidenten Schirmherren der Welthungerhilfe. Seit Juli vergangenen Jahres 2004 wacht Horst Köhler als Schirmherr über die gemeinnützige, politisch und konfessionell unabhängige Hilfsorganisation.

Die Welthungerhilfe im Internet:

www.deutsche-welthungerhilfe.de

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