Zeitung Heute : Den Gastgeber spielen

Markus Huber

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Mein Mädchen ist faul wie ein Fetzen, und das ist im normalen Leben kein Problem, weil erstens, ich bin es auch, und zweitens haben wir ein Auto. Konsequenterweise fahren wir, wenn wir zu einem Spielplatz wollen; ich werfe sofort den Motor an, wenn es heißt, dass wir einkaufen gehen sollen; auch die zwei Blocks, die uns morgens vom Kindergarten trennen, legen wir im Wagen zurück, weil, wozu haben wir ihn?

Doch neulich nahm unser Bewegungs-Verweigerungs-Konsens schweren Schaden. Wir flogen nämlich für ein Wochenende von Wien nach Berlin. Schon am Flughafen begannen die Probleme. „Papa, trag mich“, waren ihre ersten Worte auf Berliner Boden.

Wir hatten viele Termine ausgemacht, wollten mit ganz vielen alten Bekannten noch viel mehr Kaffee (ich) und Apfelschorle (sie) trinken. Wir hatten uns in ihrer alten Kita angekündigt und ein Date auf ihrem alten Lieblingsspielplatz in der Auguststraße ausgemacht. Wie zur Hölle sollten wir dort hinkommen? Mein Mädchen flennte bereits los, als wir 200 Meter die Uhlandstraße hoch zum Kurfürstendamm laufen mussten, die 300 Meter vor zum Zoo brachten sie endgültig aus der Fassung. „Papa, ich habe keine Luft in den Füßen“, „Papa, hol das Auto“, waren die einzigen Satzfetzen, die ich verstand, als sie auf der Höhe von „Dunkin’ Donuts“ mit großer Geste niedersank. Es half kein Betteln und kein Drohen, kein Brüllen und kein Lachen. Sie ging nicht weiter. Was folgte, war eine schier endlose Taxifahrerei, wir organisierten uns sogar einen Wagen, um von einer ziemlich guten Sushi-Hütte bei der Friedrichstraße zur Kita in der Albrechtstraße zu gelangen. Danach gaben wir unser offensives Besuchsprogramm auf.

Die nächsten Tage übte sich mein Mädchen in einer neuen Rolle: der der Gastgeberin. Der Reihe nach luden wir die Freunde aus der Vergangenheit in unsere Bleibe ein. Die Wohnung verließen wir erst wieder, als uns ein Taxi zum Flughafen brachte. Dennoch hat mein Mädchen keine schlechten Erinnerungen an den Besuch, im Gegenteil. „Fahren wir bald wieder nach Berlin“, fragte sie, als wir heute morgen zum Kindergarten stauten. „Aber bitte, mit dem Auto.“

Die ziemlich gute Sushihütte heißt Ishin, Mittelstraße 24, 10117 Berlin, Tel. 206 748 29.

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