Zeitung Heute : „Den Job bekommt, wer integrierbar ist“ Stefan Müller über Unterforderung

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STEFAN MÜLLER,

Geschäftsführer des

Beratungsunternehmens

Personalentwicklung

und Laufbahnberatung

(www.sm-pl.de).

Foto: pr

Der Stuttgarter Personalexperte Stefan Müller hält nicht viel vom Begriff „überqualifiziert“. Er empfiehlt arbeitslosen Akademikern, die Perspektive zu wechseln: vom Kandidaten zum Chef, der auf die Zusammensetzung der ganzten Belegschaft achten muss. Seine Thesen:

Überqualifiziert heißt „falsch“ qualifiziert. Wenn jemand nach dem Examen keine Stelle findet und aus Verlegenheit ein Zweitstudium anfängt, ist er danach möglicherweise nicht passender qualifiziert – aber zwei oder drei Jahre älter als seine Wettbewerber. Ein anderes Beispiel: Wenn jemand nach acht Jahren Ingenieurtätigkeit eine Auszeit haben will und diese mit einem Vollzeitstudium in BWL füllt, hat er sich – vor allem bei einem mäßigen oder schlechten Abschluss – aus dem Markt geschossen. Er hat fachliche Aktualität preisgegeben und getauscht mit wenig hilfreichem theoretischen Wissen. Und: Wer promoviert – oder einen MBA absolviert – und schließlich mit 32 Jahren erstmals an den Markt geht, konkurriert mit 25-Jährigen, die einschließlich eines Auslandssemesters zügig zum Examen marschiert sind. Das Unternehmen fragt sich, wer wohl integrierbarer ist …

Überqualifiziert heißt unterfordert . Wenn jemand aus dem Gefühl existenzieller Bedrohung heraus den nächstbesten Job unterhalb seiner bisherigen Verantwortung übernimmt und vom ersten Tag an das Gefühl hat, die Arbeit seines Vorgesetzten tun zu können, wird er mit seiner „Nische“ nie zufrieden sein – und sich unterfordert fühlen. Das Ergebnis ist Illoyalität zum Vorgesetzten und mäßige Leistung. Eine andere Variante: Wer seine Fähigkeiten nur zu einem Bruchteil ausnützt, wessen Kreativität kaum oder gar nicht abgefragt wird, der wird entweder seine organisatorischen Grenzen übersteigen und nicht gestellte Aufgaben „erfüllen“. Oder aber er wird allmählich daran zweifeln, diese Gaben jemals besessen zu haben. Er ist dann einer, der seine Kräfte auf innerbetrieblichen oder externen Nebenkriegsschauplätzen zu messen versucht (etwa Ehrenämter anhäuft) oder wie ein Sportler ohne Sport im Laufe der Zeit die kognitiven und sozialen „Muskeln“ verlieren.

Überqualifiziert heißt isoliert. Wer in einer Gruppe ständig als Besserwisser gilt, wird irgendwann gemobbt oder ausgestoßen. Er gilt als Bedrohung der Anderen, hebt unbewusst das Anforderungsniveau und wird schließlich als eingebildet oder gar arrogant eingestuft. Auf seine unerreichbare Denk- und Leistungsfähigkeit reagieren die Übrigen mit „Solidarität auf niedrigem Niveau“. Ein Überqualifizierter provoziert Häme. Bekanntlich tröstet sich ja der einfache Bürger damit, dass es den Großkopfeten und Reichen auf Dauer nicht besser geht als ihnen. Wird nun ein Überqualifizierter in das Team eingebunden, wirkt sein tatsächlicher oder vermeintlicher Abstieg tröstlich auf seine Umgebung, was mal mit Mitleid, meist aber mit Schadenfreude quittiert wird.

Überqualifiziert heißt gelangweilt. Ein Mitarbeiter, der seine Möglichkeiten nicht nützen kann, wird seine Aufgaben sehr bald lernen und beherrschen. Er durchläuft ein kurzes Stadium der Einarbeitung, ein ebenso kurzes der Befriedigung über seine Souveränität und tritt oft schon nach einem dreiviertel Jahr in die Phase der Routine ein. Von dort ist es nur noch ein Schritt zur Langeweile, zu abnehmender Aufmerksamkeit und Leistung. Am Ende wird er als nicht einmal für diese Aufgabe geeignet entlassen oder weiter degradiert. Hoch Begabte landen mit dem gleichen Phänomen nicht selten in der Sonderschule. Die nicht erkannte Begabung sucht sich ein Betätigungsfeld, die angestaute Energie drückt sich in Aufsässigkeit aus, das (wenige) Geforderte wird mit einer solchen Unlust angegangen, dass die Ergebnisse schließlich unbrauchbar werden.

Überqualifiziert heißt abgelenkt. Wer in seinen Aufgaben keine Befriedigung findet, sucht andere. Im besten Fall verlagert er seine Energie in die Freizeit: Es ist schon verblüffend, so genannte Mauerblümchen plötzlich als Vereinsvorstand, Laienschauspieler, ehrenamtliche Politiker wiederzufinden. Im kritischeren Fall mischen sich diese „freien Kapazitäten“ in andere betriebliche Bereiche ein und werden dort nicht etwa als Impulsgeber begrüßt, sondern als Störenfriede verjagt. Fällt das auf, wird man ihnen von ihrer langweiligen Arbeit immer noch mehr geben, so lange, bis geistiger Anspruch und Menge in einem Missverhältnis stehen, dass der Betreffende flieht – in Krankheit, innere oder tatsächliche Kündigung.

Fazit: Eine berufliche und persönliche Standortbestimmung mit Respekt vor dem „Ist" einer Person, ihrer Würde und ihren Werten, die von einem neutralen Experten der Potenzialanalyse ausgeführt, in eine optimierte Zielfindung umgesetzt und durch sensibles Coaching begleitet wird, verhindert den Teufelskreis, überqualifiziert zu sein und fehlgeleitet zu werden.

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