Zeitung Heute : Den Kopf entrümpeln

Von Elisabeth Binder

-

IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Was ist bloß aus dem schönen alten Wort „Frust“ geworden? Als es auf dem ersten Höhepunkt der Betroffenheitswelle seine Karriere startete, war es ein Dauerbrenner in Konversationen, egal worüber. Alle waren gefrustet, geplagt von Vergeblichkeitsgefühlen, verfolgt von dem Gedanken, was das eigentlich alles soll. Wenn die Betroffenheit, die ja als Gefühl allein noch nichts bewegt und verändert, ihre Grenzen erreicht, dann kann sich alles nur in einem einzigen Riesenfrust auflösen. Heute ist es auch deshalb nicht mehr schick, frustriert zu sein, weil die Betroffenheit selbst längst in die Softie-Ecke, Abteilung „hoffnungslos überholt“ abgeschoben worden ist. Wo Coolness Trumpf ist, muss als Gegenattitüde schon eine handfeste Depression her. Und die Hochsaison der Depressionen ist nicht etwa, wie man meinen möchte, im nebelig-nieseligen November, wenn jeder schwarze Ast da draußen von Vergänglichkeit kündet.

Die schlimmste Zeit für alle, die anfällig sind für Gefühle von Vergeblichkeit, von tiefer Traurigkeit oder gar Verzweiflung, ist genau jetzt. Wenn es draußen Frühling ist und jede Kirschblüte etwas von Verliebtheit flüstert, der sich alle anderen hingeben, wenn jede kleine glitzernde Welle im Fluss wie ein unbändiger Lebensfunken in die Augen springt, wenn das Lachen, endlich aus geschlossenen Räumen befreit, wieder von Picknickdecken und Parkbänken klingt, von offenen Schiffen, aus Cabrios, dann beginnen die eigentlichen Herausforderungen.

Wer anfällig ist für Traurigkeit, denkt sich dann gar zu leicht, es müsse ihm so gut gehen, wie das Aussehen der Natur es nahe legt. Im Herzen müsse es glitzern wie auf dem Wasser, im Kopf die Lichtfarben ausgelassen miteinander spielen wie auf einem schönen Abendhimmel, und der süße Duft der Blumen, die derzeit die Stadt neu anmalen, müsse ihn mit Ausgelassenheit füllen. Jeder schöne Anblick wird zur Mahnung: Machst du auch genug aus deinem Leben? Könnte, sollte nicht alles viel besser laufen? Alle anderen scheinen doch blendend drauf zu sein. Im November, da sieht man nur regenvermummte Gestalten, hört Schniefen und Krächzen, und nichts legt Aktivitäten, Veränderungslust nahe. Im Gegenteil, nie scheint es so okay, sich zu verkriechen wie dann.

Der Frühling ist wirklich die schwierigste Jahreszeit, weil er alles weckt, nicht nur die Lebenslust, sondern auch den Lebensfrust. Mit dem Herbst richtig umzugehen, ist was für Anfänger. Wer es im Frühling schafft, halbwegs glücklich zu bleiben, darf sich schon fast zur Aufnahmeprüfung in den Club der Lebenskünstler melden.

Dabei helfen ein paar unscheinbare kleine Tricks, der Herausforderung Herr zu werden. Ist dies nicht die Zeit des Entrümpelns? Na bitte! Auch den Kopf kann man entrümpeln, sich bewusst trennen von Gefühlen der Resignation und des Alleanderensindglücklichnurichnicht. Der Frühling ist die Zeit, in der die wintermüden Augen besonders leicht geblendet werden und eine Sonnenbrille brauchen. Aber bitte keine mit rosa Gläsern. Wer durch dunkle Gläser ins Licht sieht, erkennt viel eher die tröstlichen Schatten bei den anderen – und muss nicht die Augen zukneifen vor dem aufmunternden Licht, das ihm selbst entgegenscheint.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar