Zeitung Heute : Den letzten Penny aus der Tasche gepreßt

JÖRG ALLMEROTH

PARIS .Die skandalösen Vergabepraktiken um die Karten für die Fußball-Weltmeisterschaft steuern zu Beginn des fünfwöchigen Turniermarathons auf den Höhepunkt zu: Organisierte Schwarzhändler-Banden hielten Paris, die selbsterklärte Welthauptstadt des Fußballs, zum Start des "Coupe de Monde" fest im Griff.Selbst große Reiseveranstalter aus Großbritannien und Frankreich gerieten inzwischen ins Visier der Ermittlungsbehörden, die von "kriminellen Praktiken im großen Stil" sprachen.Allein für das seit vielen Monaten ausverkaufte Eröffnungsspiel stiegen die Notierungen auf dem Schattenmarkt ins Uferlose: Teilweise wurden für die Partie zwischen Brasilien und Schottland im futuristischen "Stade de France" bis zu 5000 Mark bezahlt.Tausende schottischer Fans, die in den ersten Tagen dieser Woche ohne Karten nach Frankreich angereist waren, kehrten noch vor dem Anstoß unverrichteter Dinge wieder heim: "Die Schwarzhändler", sagte ein Anhänger aus Glasgow, "wollten uns den letzten Penny aus der Tasche pressen".

Auch für die meisten anderen Matches in Paris kletterten die Preise in geradezu astronomische Höhen.Für die Partie zwischen Holland und Belgien, für die aus jedem der beiden Benelux-Länder über 100 000 Reservierungswünsche vorgelegen hatten, wurden in verschlüsselten Zeitungs-Annoncen der Kartenmafia bereits jetzt Preise um die 2500 Mark genannt.Experten rechneten mit einem weiteren Preisschub bis auf etwa 4000 Mark.Der holländische Verband geißelte die Situation als "beschämend" und "völlig unhaltbar", die Fans würden zu Geiseln eines "nicht akzeptablen Kartensystems".

Der Kartenmangel hat das Straßenleben in Paris teilweise zu einer Bühne für die dubiosen Tauschgeschäfte degradiert: Selbst bei der zähen, vier Stunden langen "Fete du Football" am Dienstag abend wurden an allen Ecken und Enden im Stadtzentrum Tickets verramscht.Die verschlagenen Dealer können dabei auf breiter Front satte Gewinnspannen einstreichen, da Zehntausende Anhänger selbst aus Südamerika ohne Tickets ins WM-Land eingereist sind.Ein spanisches Fernsehteam wurde am Vorabend des Eröffnungsspiels von Schwarzhändlern verprügelt: Die Journalisten hatten die Abzocker am Place Madelaine offensichtlich zu genau ins Visier genommen.In den Zeitungen wächst unterdessen die Zahl der zweifelhaften Annoncen rapide: Ganze Seiten sind gefüllt mit Offerten der eiskalten Geldscheffler, die per Handybetrieb die begehrten Tickets regelrecht versteigern.

Das hilflose Organisationskomitee verbreitete in mehreren Erklärungen zu dem Ticket-Chaos bisher nur pflichtschuldig Platitüden.Man verurteile die Praktiken "gewisser Agenten" scharf,die sich einer "unakzeptablen Verantwortungslosigkeit" schuldig gemacht hätten, hieß es in einem Statement.Ansonsten wurde auf die strikte Jagd der Polizei nach illegalen Kartenhändlern verwiesen, die bereits zu mehreren "beachtlichen Fahndungserfolgen" geführt habe.Tatsächlich sprechen Pariser Zeitungen aber von einer "großen Ohnmacht" gegenüber den streng organisierten Karten-Banden, deren Strukturen und Verzweigungen ins gesamte europäische Ausland führen.

Vor den Anfechtungen, aus dem knappen Kartenangebot kräftigst Kapital zu schlagen, sind freilich auch hohe Fußball-Funktionäre nicht gefeit.So wurde im Vorfeld der Weltmeisterschaft der Verbandspräsident von Kamerun, Vincent Onana, von der Polizei seines Heimatlandes festgesetzt, weil er 3500 Tickets an eine britische Agentur verkauft hatte, die für Kameruns Fans vorgesehen waren.Nach dem verhinderten Millionen-Deal wird der seines Amtes enthobene Onana nun daheim unter Hausarrest gehalten, die vergnügliche Lustreise nach Frankreich kann sich der Fußball-Fürst abschminken.

Die hohen Herren der FIFA und das Organisationskomitee müssen sich über die sündigen Zustände im feinen Paris aber nicht wundern: Denn die von den Franzosen bereitgestellten Kapazitäten in den Stadien sind schon seit Jahren Zielscheibe der Kritik.Obwohl bei diesem neuerlich ausgedehnten und erweiterten Turnier zwölf Spiele mehr stattfinden als 1994 in den USA, gibt es im Vergleich eine Million Tickets weniger.Die Summe von 2,5 Millionen Karten sei gewiß nicht der "Optimalfall", sagt selbst FIFA-Sprecher Keith Cooper, "für eine WM in dieser Zeit sind eigentlich andere Dimensionen erforderlich".

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