Zeitung Heute : Den Mangel gestalten

In diesem Jahr gibt es auf dem Ausbildungsmarkt erstmals mehr Lehrstellen als Bewerber. Wie vorbereitet sind die Unternehmen auf den beginnenden Mangel an Nachwuchskräften?

Yasmin El-Sharif

2008 wird es eng auf dem Ausbildungsmarkt. Erstmals seit vielen Jahren sind es aber nicht die Schulabgänger, die sich Sorgen machen müssen – diesmal sind es die Unternehmen. Schon Monate vor Beginn des neuen Ausbildungsjahrs zeichnet sich ab, dass in diesem Jahr mehr Lehrstellen angeboten werden, als es Bewerber gibt. So könnten am Ende viele Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben. Schuld daran ist der demografische Wandel, der stetig sinkende Schulabgängerzahlen zur Folge hat. Bereits in diesem Jahr verlassen mehr als 30 000 Jugendliche weniger die allgemeinbildenden Schulen als im vergangenen Jahr. In den kommenden Jahren dürfte sich die Situation vermutlich noch einmal deutlich verschärfen.

Nun könnte man sagen, dass alles ganz einfach ist. Die unbesetzten Lehrstellen könnte man schließlich mit den Jugendlichen besetzen, die in den vergangenen Jahren nicht zum Zuge gekommen sind – entweder weil sie bei der Bewerbung zu spät dran waren, sich einen besonders begehrten Beruf wünschten oder schlichtweg miese Noten oder gar keinen Schulabschluss hatten. Etwa 300 000 solcher Altbewerber gibt es derzeit in Deutschland. Das heißt, es gibt immer noch viel mehr unbeschäftigte Jugendliche auf dem Ausbildungsmarkt, als Lehrstellen angeboten werden. Haben die Unternehmen am Ende also gar kein Nachwuchskräfteproblem?

Doch, klagen sie. Denn die Mehrheit der Unternehmen ist bei ihrer Bewerberauswahl momentan noch nicht willens oder fähig, Abstriche zu machen. „Die Ansprüche an die Berufe steigen ja stetig“, sagt Thilo Pahl, Ausbildungsexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Die Unternehmen könnten es sich nicht leisten, einen der Bewerber zu nehmen, deren Lese- und Rechenfähigkeiten auf Grundschulniveau stehen geblieben seien. Auf qualifizierte Altbewerber hingegen werde schon jetzt zurückgegriffen, ergänzt Pahl. So seien bereits im vergangenen Jahr 50 Prozent der angebotenen Ausbildungsplätze mit Altbewerbern besetzt worden.

Wirtschaftsverbände und Ausbildungsexperten rechnen folglich damit, dass alles auf einen Wettbewerb um die besten Schulabgänger hinauslaufen wird. „Die Unternehmen müssen sich dringend etwas einfallen lassen“, sagt Thilo Pahl, „und zum Teil tun sie das auch schon“. Ein erster Hinweis darauf sei das in den vergangenen Jahren gewachsene Angebot an Lehrstellen. „Die Unternehmen machen ihre Stellen aber auch attraktiver, indem sie während der Ausbildung beispielsweise Auslandsaufenthalte oder ein berufsbegleitendes Studium anbieten“, erklärt Pahl.

Schwieriger ist es jedoch für mittelständische Unternehmen, die sich solche Lockmittel nicht leisten können und bei Jugendlichen gemeinhin als nicht attraktiv gelten. Auch in manchen unbeliebten Ausbildungsbranchen – dazu gehören zum Beispiel die Fleischer – werden solche Zusatzangebote nicht den drohenden Nachwuchskräftebedarf ausgleichen können, vermuten Experten.

Joachim Ulrich vom Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn gehen die bisherigen Bemühungen der Wirtschaft daher nicht weit genug. „Die Unternehmen müssen das Reservoir nutzen, das bisher nicht beachtet wurde.“ So werde etwa das Potenzial von Jugendlichen mit Migrationshintergrund bisher kaum genutzt, sagt Ulrich. Zudem müsse man verstärkt die Jugendlichen heranziehen, die zwar anhand der Schulnoten nicht als ausbildungsfähig eingestuft würden, in der Praxis aber gut seien. DIHK-Experte Pahl verweist in dem Fall auf Einstiegsqualifizierungen – Praktika für weniger gute Schulabgänger mit der Aussicht auf einen Ausbildungsplatz –, die sich in solchen Fällen bewährt hätten. Auch die Politik bemüht sich derzeit um diese Gruppe. Die Regierung stellt momentan die Weichen für einen Bonus, der Betrieben gezahlt wird, die benachteiligte Bewerber ausbilden. Denn in einem Punkt sind sich alle einig: Selbst wenn der qualifizierte Nachwuchs künftig fehlt, kann es keine Alternative sein, überhaupt nicht mehr auszubilden.

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