Zeitung Heute : Den Mangel lieben

Ein Gespräch mit der Regisseurin Yolande ZaubermanYolande Zauberman, als Tochter polnisch-jüdischer Einwanderer in Paris geboren, drehte zunächst Dokumentarfilme.Vor kurzem machte sie mit dem Spielfilm "Ivan und Abraham" auf sich aufmerksam, nun läuft "Clubbedt to Death" in den Kinos.Zum Interview trägt sie Fußnägel in blau-metallic, rotblondes langes Haar und Plateausohlen.Das Gespräch führte Simone Mahrenholz. TAGESSPIEGEL: Ihre beiden Spielfilme haben sehr unterschiedliche Orte, Bildsprachen und Geschichten.Und sie haben etwas schwer Greifbares gemeinsam. ZAUBERMAN: Ja, zum Beispiel die Besessenheit für Grenzen, die jemand überschreiten muß, um er selbst zu werden.Außerdem sind die Hauptfiguren sich nicht sehr im Klaren, wer sie sind.In beiden Filmen ist auch das Wichtige das, was nicht gesagt wird.Die Figuren glauben mehr an die Musik des Gesagten als an das Gesagte.An das Gefühl der Realität mehr als an die Realität. TAGESSPIEGEL: "Clubbed to Death" spielt vor allem in einem Nachtclub.Gehört diese Welt zu Ihrem privaten Leben? ZAUBERMAN: Eine Zeitlang war das so.Für diesen Film ging ich zwei Jahre lang in Clubs und beobachtete.Vor allem die, die nicht reinkamen.Mir schien, daß die, die reingehen, von der Energie derer leben, die nicht reinkommen.Im Film sollten die die Hauptrolle spielen, die sonst draußenbleiben. TAGESSPIEGEL: Was für Clubs haben Sie sich angeschaut? Wo lagen sie? ZAUBERMAN: In Paris, in Spanien - auch Raves ohne festen Ort.Ich wollte, daß diese spezielle Musik in den Film kommt.Sie ist mehr als eine Mode.Sie enthält etwas sehr Tiefes, eine kreative Antwort auf Dinge, die über Musik weit hinausgehen.Dieses Jahrhundert verlief zu schnell.Und jetzt sagt diese Musik: Laßt uns das verlangsamen! Laßt uns eine Verbindung mit der Vergangenheit aufnehmen, Remixes machen - laßt uns uns Zeit nehmen.Der Film ist keiner über Techno-Kids oder die Techno-Kultur.Er sagt etwas über das Heute und die Menschen. TAGESSPIEGEL: Wie finden Sie Ihre auffallend ausdrucksvollen Schauspieler? ZAUBERMAN: Vor "Ivan und Abraham" zum Beispiel lebte ich lange Zeit in Russland, und dort fand ich die jungen Darsteller einfach durch Herumgucken! Der kleine Abraham, den wir in in einem Zigeunerlager fanden, lebte mit uns ein Jahr lang, bevor wir zu drehen anfingen.Ein Casting entsteht nicht nur durch die Beziehung, die man zu einem Menschen aufbaut, sondern der Schauspieler ist immer Teil einer Komposition.In "Clubbed to Death" etwa glaubt man, daß die Hauptfiguren Brüder sind, dabei ist der eine arabisch, der andere stammt von den Antillen.Ich sagte: Ihr müßt den Eindruck herstellen, daß Eure Mutter Euch in dieselbe Wanne gesteckt hat, als Ihr klein wart! Und das brachten sie. TAGESSPIEGEL: Wo ist "Clubbed to Death" eigentlich gedreht? ZAUBERMAN: In Portugal.Wir wollten einen Ort, der ganz offen war, der ebenso in Afrika liegen konnte wie in Osteuropa. TAGESSPIEGEL: Reisen Sie viel? ZAUBERMAN: Ja.Das ist wie Forschen für mich.In Frankreich zum Beispiel war es unmöglich, die richtige Atmosphäre zu finden.Die kleinen Dörfer sind voller Beton, man meint, Laser-Augen zu brauchen, um hinter die Fassaden zu gucken.Ich wollte aber, daß jeder Spielort eine Geschichte erzählt, die weit über die Geschichte des Films hinausgeht.Es sollte etwas Offenes und Warmes von diesen Orten ausgehen. TAGESSPIEGEL: Die Schauspieler in Ihrem neuen Film wirken oft wie berauscht: von der Musik, von Drogen, von ihren Hormonen oder der Eifersucht.Ich vermute, Sie gaben ihnen keine Drogen... ZAUBERMAN: Diejenigen, die Drogen nahmen, hörten für die Dauer des Films sogar damit auf! Wir hatten einen wunderschönen Palast zum Proben.Wir probten lange, ohne Worte.Es ging darum, ein Vokabular zu finden für Emotionen und wie man sie allein mit dem Körper ausdrückt. TAGESSPIEGEL: Mit Musik? ZAUBERMAN: Mal mit, mal ohne.Nicht was die Figuren sagen, sollte zählen, sondern der ganze Rest.So entstand ein dichter Subtext. TAGESSPIEGEL: Und nicht mal Alkohol? ZAUBERMAN: Wirklich, kein Alkohol, keine Drogen.Einer der wichtigsten Antriebe des Films und des Lebens ist der Mangel.Die Empfindung von Mangel handelt nicht nur von dem, was fehlt.Er kann auch enthüllen: Wie sehr wir andere brauchen - wie groß unser Hunger nach Welt ist. TAGESSPIEGEL: Die Figuren Ihrer Filme wirken wie von innerem Leuchten erfüllt.Steckt dahinter eine verschobene Leidenschaft? Wollten Sie sich früher selbst auf der Leinwand sehen? ZAUBERMAN: Das war einmal mein großer Traum.Inzwischen bin ich froh, daß ich es nie gemacht habe.Das ist dieser "Mangel" für mich! Seinetwegen liebe ich es so sehr, mit Schauspielern zu arbeiten. 

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