Zeitung Heute : Den Regenwald retten

Geographen simulieren Folgen der Landnutzung.

Ljiljana Nikolic
Baumwollernte. Immer mehr Regenwald wird in Agrarfläche umgewandelt.Foto: Lakes
Baumwollernte. Immer mehr Regenwald wird in Agrarfläche umgewandelt.Foto: Lakes

Wenn Tobia Lakes eine Wahrsagerkugel hätte, dann würde sie mehr über das Verhalten von bestimmten sozialen Gruppen wissen wollen, und darüber, wie ihre Taten das Verhalten anderer Menschen beeinflussen werden. Dann könnte sie mehr darüber erfahren, wie sich die Region dieser Menschen in Zukunft verändern wird. Auch wenn man die Juniorprofessorin des Geographischen Instituts als Zukunftsforscherin bezeichnen kann, sind ihre Werkzeuge keine Kugeln, sondern Computer und Daten. Sie forscht auf dem Gebiet des Landnutzungswandels.

„Wir versuchen, mit unterschiedlichen Daten aus Vergangenheit und Gegenwart zukünftige Entwicklungen der Landnutzung computergestützt zu simulieren und abzuschätzen, welche Folgen das für den Menschen und seine Umwelt in einer Region haben könnte.“ Dabei spielen nicht nur Satellitenaufnahmen und Umweltdaten eine Rolle, sondern vor allem auch sozio-ökonomische Parameter. „Denn Änderungen in der Landnutzung werden nicht nur durch menschliche Entscheidungen bedingt, sondern können auch soziale Spannungen unter der lokalen Bevölkerung hervorrufen, die sich wiederum auf die Landnutzung auswirken.“

Zurzeit richtet die Wissenschaftlerin ihren Blick auf den brasilianischen Regenwald im Amazonasgebiet. Sie ist an einem groß angelegten deutsch-brasilianischen Verbundprojekt des Bundesforschungsministeriums für Bildung und Forschung beteiligt, das den Namen „carbiocial“ trägt: Carbon-optimized land management strategies for southern Amazonia. „Uns geht es nicht nur um die Frage, wie sich Region und Klima entwickeln werden, sondern auch darum, Planer, Entscheider, Großkonzerne und Bauern Vorort dafür zu sensibilisieren, wie sich ihre Entscheidungen in bestimmten Regionen auswirken könnten.“ So soll aus dem interdisziplinären Zusammenschluss eine leicht zu bedienende Software zur Begleitung von Entscheidungsprozessen hervorgehen; mit dem Ziel, frühzeitig auf verheerende Zukunftsszenarien hinzuweisen und so das Gebiet als weltweite Treibhausgas-Senke zu schützen.

Denn der brasilianische Regenwald ist der größte zusammenhängende Wald der Erde und beeinflusst das Klima weltweit. Die Wälder und der Boden schlucken Treibhausgase. Je mehr Wald gerodet wird, desto mehr Kohlenstoffdioxid-Senke geht verloren. Die Waldgrenze verschiebt sich immer weiter nach Norden, zugunsten von Agrarflächen. Auch wenn im letzten Jahr die Abholzungsrate im brasilianischen Amazonasgebiet die niedrigste seit 1988 war, wurden dennoch über 6 200 Quadratkilometer abgeholzt. Das ist eine Fläche, die sieben Mal größer als die Berlins ist.

Die Nachfrage nach billigem Fleisch in den Industrienationen heizt nicht nur die Nachfrage nach Rindern, sondern auch nach Soja an, dem wichtigsten proteinhaltigen Futtermittel der Massentierhaltung. Globale Weltmarktpreise für Soja und Baumwolle entscheiden über den Anbau auf Flächen von mehreren 10 000 Hektar. Zudem sollte 2011 im brasilianischen Parlament eine Reform des äußerst umstrittenen Waldgesetzes verabschiedet werden, die illegalen Holzeinschlag weniger streng verfolgt als bisher und die Vorschriften zur Aufforstung gerodeter Gebiete lockert.

Mehrmals wurde die Verabschiedung verschoben, was nicht zuletzt an der großen Aufmerksamkeit liegt, die Brasilien vor dem Nachhaltigkeitsgipfel „Rio+20“ im Juni weltweit auf sich zieht. „In dem Gebiet prallen Interessen von Umwelt- und Naturschützern, großen Holz- und Agrarkonzernen sowie lokalen Kleinbauern, deren Überleben von der Nutzung des Regenwalds abhängt, hart aufeinander“, erklärt Lakes. In ihrem Projekt werden Politologen Befragungen bei der regionalen Bevölkerung durchführen. Die Geomatiker wollen diese Erkenntnisse dann in mathematische Modelle übersetzen. Ljiljana Nikolic

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben