Zeitung Heute : Den Struwwelpeter lesen

Nicola Kuhn

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Konrad“, sprach die Frau Mama, „ich geh aus und du bleibst da.“ Seit Weihnachten vergeht kaum ein Abend ohne diese magischen ersten Zeilen und die dazugehörigen grausamen Bilder vom „Daumenlutscher“. Sich lustvoll gruselnd ergänzen Jan und Josefine die jeweiligen Versenden, vor allem das „klipp und klapp – mit der Scher die Daumen ab“. „Cool“ finden die beiden den „Struwwelpeter“. An mir hingegen nagen noch Post-68er-Bedenken, ob die „lustigen Geschichten und drolligen Bilder“ überhaupt pädagogisch einwandfrei für Dreijährige sind. Doch da brauche ich mir wohl keine Gedanken zu machen. Beim letzten Mal ließen sie sich im Anschluss sogar noch anstandslos die Fingernägel schneiden, ohne dass einer von den beiden auf den Gedanken gekommen wäre, mich mit dem in die „Stub“ springenden Schneider zu vergleichen.

Gegen den Suppen-Kaspar, Zappel-Philipp und Hans Guck-in-die-Luft haben die netten Geschichten von Bobo Siebenschläfer, die bisher das abendliche Vorleseprogramm bestimmten, keine Chance mehr. Schließlich ist das Schlimmste, was dem knuffeligen, kleinen Comic-Tier passieren kann, ein umgeworfenes Glas Limonade oder ein Plumpser auf den Po. Der Zappel-Philipp aber zieht – „Seht, ihr lieben Kinder, seht!“ – gleich die ganze Decke vom Tisch, und Hanns Guck-in- die-Luft landet komplett im Fluss. Dass hier martialisch gestraft wird, unartige Kinder ein gnadenloses Schicksal erwartet, stört Jan und Josefine nicht im Mindesten. Für sie ist eine solche Wirklichkeit ohnehin zu lebensfern, der Horror aber dafür ein angenehmer Kitzel.

Ganz offensichtlich befinden sich die beiden im besten Alter für den „Struwwelpeter“. Als der Frankfurter Nervenarzt Dr. Heinrich Hoffmann vor genau 160 Jahren seinem Söhnchen das selbst verfasste Buch unter den Christbaum legte, war der kleine Carl ebenfalls drei Jahre alt. Da passte es, dass Jan und Josefine mein eigenes altes Buch aus dem großelterlichen Weihnachtspaket zogen, leicht angegilbt zwar, aber dafür die Originalausgabe mit den dicken Pappseiten und allen furchterregenden Details. Geschadet hat es schließlich nicht.

Der Struwwelpeter, Frankfurter Originalausgabe, Loewe Verlag Stuttgart, 5,50 Euro.

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