Zeitung Heute : Denken an Piroschka

INA BOCKHOLT

Das Haus Ungarn in Berlin sucht Souvenirs für eine AusstellungINA BOCKHOLTGetränkt in rosarote Farbe ist das Halstuch, das eine DDR-Bürgerin 1957 am Plattensee erstanden hat.Ob dieser schrille Zwirn wirklich getragen wurde, läßt sich nicht genau sagen.Eindeutig verschlissen dagegen ist die silbern schimmernde Espresso-Maschine, die im Jargon von Ungarn-Urlaubern "Bomber" genannt wurde.Mit solchem Kaffeekocher ließen sich Erinnerungen noch riechen und schmecken, als deutsche Reisende längst wieder zu Hause waren.Wer noch ein privates Andenken aus dem Land der Magyaren hat, kann den Souvenir-Fundus aus Korbflechtflaschen, Fotos und Wurstbrettchen erweitern, bevor im Haus Ungarn am 25.Januar die Ausstellung "Ich denke oft an Piroschka.Das Ungarnbild der Deutschen von den Fünfziger Jahren bis heute" eröffnet wird. Natürlich war es Lilo Pulver, die 1955 in Kurt Hoffmanns Piroschka-Film den Ungarn-Mythos der Nachkriegszeit begründete.Die Schmonzette vom blondbezopften Mädchen, das sich zwischen Pferden und Paprika einem deutschen Studenten ins Herz lacht, verzauberte im Westen und seit 1958 auch im Osten.Doch war es bekanntlich mehr als rührselige Folklore, was die Bürger der DDR und der Bundesrepublik über Ungarn zusammenbrachte.Als hier nach dem 1956 niedergeschlagenen Volksaufstand das Klima in den 60er Jahren durch wirtschaftspolitische Reformen liberaler wurde, ließ sich mit Zimmervermietungen und Tokaier Geld verdienen.Balaton und Puszta wurden zu beliebten Reisezielen aller Deutschen.Viele kamen hier zu deutsch-deutschen Familientreffen zusammen.Die einen reisten mit dem Trabbi, die anderen im Volkswagen.Doch die Unterschiede manifestierten sich nicht nur in Pferdestärken.Wenn die Touristen mit Deutscher Mark im Portemonnaie in Ungarn auch viel von selbiger sparten, waren ihre Hotels und Pensionen komfortabler als die privaten Quartiere und Zeltunterkünfte der DDR-Urlauber.Die konnten sich vom Tagessatz ab und an entbehrte Bücher, Mode oder Platten, etwa von Zsuzsa Koncz, kaufen.Solange die formalen Grundstrukturen gewahrt blieben, war vieles möglich im zynischen Ungarn, das sich ein Stück Westen nach Osten geholt hatte.Seine Widersprüche und kulturelle Bedeutung sollen neben der Souvenirsammlung auch fünf Künstlerarbeiten hervorheben.Eine Dokumentation über die gegensätzliche Berichterstattung in "Spiegel" und "Neuem Deutschland" will öffentliche Ungarnbilder vermitteln. Ab 25.1.im Berliner Haus Ungarn, Karl-Liebknecht-Str.9.

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