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Die Jungs fahren US-Schlitten, die Mädchen schminken sich – die Jugend im Iran lebt in ihrer eigenen, westlichen Welt

Andrea Nüsse[Teheran]

Wenn es dunkel wird in Teheran, dann gehören die Straßen Kevin und seinen Freunden, dann fahren sie mit ihren Wagen wilde Rennen. Tagsüber sind die Straßen in Teheran mit Autos verstopft, da braucht man mit dem Taxi anderthalb Stunden, um vom Vaskar-Platz im Norden zum Stadttheater im Süden zu kommen. Aber nachts verstummen die Motorengeräusche in der iranischen Hauptstadt, nur wenige Menschen sind zu sehen. Dann macht sich Kevin auf den Weg, ein junger Iraner mit Pferdeschwanz und Jeans. Er steigt in seinen Wagen, einen breiten Chevrolet Blazer mit Vierradantrieb, beige und hellblau, Baujahr 1978, dem Jahr der islamischen Revolution. Kevin zeigt auf den Drehzahlmesser, der in Muschelform auf der Kühlerhaube sitzt. „So ein Detail hat kein anderes Auto hier“, sagt er stolz. Zumindest nicht die beigen „Paykans“, die das Stadtbild beherrschen, Typ britischer Austin Hillman aus den 60er Jahren, der im Iran in Eigenproduktion gebaut wird.

Nachts zum Autorennen

Kevin gibt Gas. An einer Straßenkreuzung vor einem kleinen Imbiss hält er an. Hier trifft sich der 28-jährige Städtebau-Student fast jede Nacht mit seinen Freuden. Sie verbindet das selbe Hobby, sie sammeln Oldtimer, meist amerikanischer Bauart. In dieser Nacht aber wird es kein Rennen geben. Zwei Polizisten fahren vor, auf einem klapprigen Motorrad, ohne Helm. Sie müssen gar nichts sagen. Als die Jungs sie kommen sehen, verabschieden sie sich voneinander und gehen. „Vor drei Tagen sind sie das erste Mal gekommen. Sie haben uns gesagt, nach Mitternacht dürften nicht mehr als zehn Menschen zusammen auf der Straße stehen“, erzählt Kevin und zuckt mit den Schultern. Es gebe zwar kein entsprechendes Gesetz, aber in Teheran widerspricht man der Polizei nicht. Einen großen amerikanischen Wagen zu fahren, ist vielleicht schon Protest genug in der islamischen Republik, deren Staatsführung die USA und den amerikanischen Lebensstil seit 25 Jahren verteufelt.

Bei der Jugend in Teheran kommt die Regierung mit ihrer antiamerikanischen Propaganda längst nicht mehr an. Die jungen Menschen leben in ihrer eigenen Welt, die mit der Wirklichkeit der Mullahs wenig gemein hat. In Teheran existieren beide Welten nebeneinander, ohne sich zu berühren. Wie etwa im „Jaam-e-Jam“, einem neuen Einkaufszentrum im Norden der Stadt. Hier gibt es im Erdgeschoss „Parker"-Füller und ein paar „Ikea“-Möbel zu kaufen. Im ersten Stock trifft man sich, um mexikanisch oder italienisch zu essen. Bei Pasta und Pizza sieht man junge Paare, die verliebt Händchen halten – obwohl sie nicht verheiratet sind.

Soheil und Fatimeh, zwei Grafikstudenten, sitzen in einem der Cafés und trinken Cappuccino. Soheil hat seine Comic-Zeichnungen dabei, Geschichten von futuristisch-grimmigen Gestalten. Mit seinen Zeichnungen hat er sogar einen Kulturpreis der UN gewonnen. „Hier wird mir oft gesagt, ich soll nicht amerikanische Kunst imitieren“, sagt er. Aber eingeschränkt fühlt er sich deshalb nicht. „Ich lese keine Zeitung und beachte die Religiösen einfach nicht", erklärt er. Per Internet hat er Kontakt zur ganzen westlichen Welt. Für einen amerikanischen Fanclub der Band „Metallica“ zum Beispiel liefert er Zeichnungen, die der Club dann auf seine Website stellt.

Fatimeh nimmt das Leben in Teheran nicht so leicht. Sie ist 22 und trägt ein hellblaues Kopftuch. „Die Regierung hört mir nicht zu, wenn ich sage, dass ich meine Haare zeigen will, wie soll ich sie da akzeptieren?“ Am Nachbartisch sitzt eine junge Frau mit seitlich geschlitzter Bluse, die nur bis knapp über den Po reicht. Auf dem Kopf hat sie ein rotes Seidentuch nach Piratenart geknotet, die langen Haare fallen über den Rücken. „Das Regime erlaubt uns mittlerweile kürzere Blusen, damit wir wieder für eine Weile ruhig sind“, sagt Fatimeh. Neulich sei sie bei der Passstelle gewesen, und da hätten Aufpasserinnen am Eingang einigen Frauen den Nagellack entfernt, weil das unislamisch sei. Fatimeh hofft jetzt auf die US-Armee. Die amerikanische Invasion des Nachbarlandes Irak soll die iranischen Reformer stärken und Druck auf die Konservativen ausüben. „Denn sonst wird sich hier nichts Grundsätzliches ändern“, sagt sie.

Der Reformabgeordnete Rajibali Mazroui denkt da anders. „Meine Kinder sind Anfang 20, auch sie sind ungeduldig, wollen sich mehr amüsieren, wollen mehr Freiheiten“, sagt er. Mazroui ist Vorsitzender der 1997 gegründeten iranischen Journalistenvereinigung, in der etwa 2500 Kollegen, die nicht für staatliche Medien arbeiten, zusammengeschlossen sind. Als Student hat er in Isfahan die Revolution mitgemacht. „Wir haben 2500 Jahre Diktatur hinter uns, vor 25 Jahren wurde sie gestürzt, und seit sieben Jahren, seit Chatamis Amtsantritt, geht es wirklich vorwärts“, sagt er. „Vor Chatami hatten wir nur eine kritische Zeitung, nun gibt es ganz viele.“ Sicher würden Publikationen von der konservativen Justiz immer wieder geschlossen. Aber das Gremium, das Zeitungslizenzen erteilt, sei in der Hand der Reformer. Würde ein Blatt dichtgemacht werden, erscheine am nächsten Tag einfach eine neue Zeitung unter anderem Namen.

Reformen statt Revolution

Das duale politische System, in dem sich Religionsführer und Präsident, Revolutionäre Garden und reguläre Armee, das von Reformern beherrschte Parlament und der konservative Wächterrat gegenüberstehen, führt zu der Kakophonie in der Außenpolitik, die den Westen oft verwirrt. Im Innern erlaubt es eine Pluralität und ein ständiges Ringen um die Verschiebung der Grenzen des Erlaubten. Im Iran säßen nur drei Journalisten im Gefängnis, in den meisten arabischen Ländern seien das weit mehr, sagt Mazroui. Sicher, Satellitenschüsseln seien noch immer formell verboten, aber ihr Besitz werde kaum geahndet. Die Abschaffung dieses Verbots wurde kürzlich vom Wächterrat, der jedes Gesetz abnicken muss, abgelehnt. „Wir versuchen es immer wieder, bis sie mürbe werden“, erklärt Mazroui die Taktik der Reformer. Dagegen sei gerade ein Gesetz verabschiedet worden, dass E-Business, die Abwicklung von Geschäften per Internet, zulässt. „Das ist sehr fortschrittlich“, sagt er. Eine Demokratie müsse eben erlernt werden, die könne man nicht verordnen. Mazroui spielt damit auf die Ereignisse im Irak an. Es sei wichtig, die Konservativen einzubinden. „Wir brauchen keine Revolution, wir brauchen Reformen, und die brauchen Zeit“, sagt er.

Die Jungen sind ungeduldig. Für den Ex-Revolutionär Mazroui sind die sieben Jahre, die seit Chatamis Amtsantritt vergangen sind, nicht viel, verglichen mit der langen Geschichte Irans. Für Fatimeh, Soheil und Kevin sind es die Jahre ihrer Jugend. Sie wollen sich amüsieren, ausgehen, frei sein. Fatimeh wünscht sich, im Sommer in einem kurzärmeligen T-Shirt auf die Straße zu gehen – ein bescheidener Wunsch für eine 22-Jährige.

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