Zeitung Heute : DENNIS BERGKAMP - EIN TYP WIE MICHAEL JORDAN: Letzte Chance für einen Perfektionisten

MICHAEL ROSENTRITT

MARSEILLE .Es gibt ihn doch, den nichtfliegenden Holländer: Dennis Bergkamp.Ein klarer Fall von Flugangst.Mein Gott, und das so kurz nach Eschede.Diese Flugangst, sie setzt ihn doppelt unter Druck.Jetzt oder nie - für Dennis Bergkamp wird es die letzte Weltmeisterschaft sein."Nach Japan oder Südkorea werde ich nicht fliegen", sagt der gerade 29 Jahre alt gewordene holländische Stürmer des Englischen Meisters FC Arsenal."Wenn wir eine Chance auf den Titel haben, dann hier in Frankreich.Es ist das beste Nationalteam, in dem ich gespielt habe."

Entspannt steht er da (gut, daß es Mannschaftsbusse gibt) und beantwortet geduldig jede Frage.Und das kurz vor dem heutigen Halbfinale hier in Marseille gegen Brasilien.Daß mit dem viermaligen Weltmeister der vermeintlich schwerste Gegner auf die Holländer wartet, bekümmert Bergkamp herzlich wenig."Wir sind physisch und psychisch stark.Wir müssen keinen Gegner fürchten, wenn wir so spielen wie zuletzt gegen Argentinien", sagt der Mann, der gegen die Südamerikaner das erste Tor (Patrick Kluivert) glanzvoll per Kopf vorbereitet und das zweite selbst geschossen hat.

"Ihm gelingt derzeit einfach alles", sagt Arsène Wenger.Der Franzose kennt Bergkamp sehr gut - er ist sein Trainer bei Arsenal."Dennis ist jetzt mit 29 Jahren ein kompletter Spieler geworden.Er ist schnell, kämpferisch und sehr präzise im Torschuß", erzählt Wenger."Er ist ein Typ wie Michael Jordan im Basketball."

Bei derart feinen Komplimenten verschlägt es dem "eher schüchternen Menschen" (Bergkamp über Bergkamp) fast die Sprache.Vielleicht auch deswegen, weil er erst kürzlich am eigenen Leib spüren mußte, wie schnell sich das Blatt für einen Profisportler wenden kann.Wegen einer schwerwiegenden Blessur hatte er das Saisonfinale mit der Meisterfeier von Arsenal sowie das abschließende Cupfinale verpaßt.Zum WM-Auftakt gegen Belgien (0:0) kam er nur zu einem ersten Kurzeinsatz.

Doch wie waren die beiden letzten Spielzeiten in England für ihn gelaufen.Selbst für die ehrwürdige BBC war die Wahl des "Tor des Monats" im August 1997 ein denkwürdiges Ereignis.Von zehn Treffern waren drei von Bergkamp.Und in der Endabrechnung belegte der Holländer Platz eins, zwei und drei.Ein Novum in der Premier League.Sowohl von der Spielervereinigung wie auch von den Sportjournalisten wurde er zu Englands "Spieler des Jahres" gewählt.Arsenal ließ sich nicht lumpen und verlängerte den Vertrag des Holländers gleich um vier Jahre."Es war das erste Mal, daß es bei mir wirklich über einen langen Zeitraum lief", sagt Bergkamp."Ich habe immer wieder trainiert.Dann aber es hat plötzlich klick gemacht." Bergkamp gibt vor, ein Perfektionist zu sein, "und das setzt einen kritischen Umgang mit sich selbst voraus".

1983, im zarten Alter von 17 Jahren, holte ihn Johan Cruyff in den Profikader von Ajax Amsterdam.Wenige Tage vor seinem 18.Geburtstag stand Bergkamp bereits in einem Europapokalfinale, als er für Marc Witschge beim 1:0 über Lok Leipzig eingewechselt wurde.1991 schoß er sich gemeinsam mit dem Brasilianer Romario (PSV Eindhoven) an die Spitze der Torjägerliste.

1993 wechselte er für rund 24 Millionen Mark zu Inter Mailand, wo er eine deutsche Ära beendete.Innerhalb von sechs Monaten hatten damals Lothar Matthäus, Andreas Brehme, Jürgen Klinsmann und Matthias Sammer den Verein verlassen.Doch dieser Abstecher Bergkamps mißglückte.Nach nur 21 Spielen und drei Toren in der Saison 94/95 wurde er aussortiert.In Mailand hatten sie ihn damals abfällig als das "Phantom im Sturm" tituliert.Dann kam die Chance bei Arsenal.

Für Hollands Bondscoach Guus Hiddink kommt die rechtzeitige Rückkehr Bergkamps einem Glücksfall gleich."Wir müssen Druck machen und sie mit schnellen Kombinationen kaputtspielen, so, wie es den Dänen streckenweise gelang.Und dann ist es noch gut, daß wir einen Dennis in dieser Form haben." Noch vor vier Jahren, bei der WM in den USA, scheiterten die Holländer am späteren Weltmeister Brasilien mit 2:3 im Viertelfinale."Wir sind heute auf einer höheren Stufe", sagt Hiddink.Über die WM in vier Jahren in Asien will er sich heute noch keine Gedanken machen.

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