Depression : Gesund und krank zugleich

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass sich jedes Jahr fast eine Million Menschen umbringen. Das sind mehr, als durch Kriminalität und Kriege zu Tode kommen.

von
Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ein großer Teil derjenigen, die Suizid begehen, werden durch eine Depression in den Tod getrieben. Zu den Rätseln, die die Krankheit umgeben, gehört die Frage, warum sie so häufig ist. Vielleicht gibt es einen verborgenen Vorteil tiefer Niedergeschlagenheit geben, sonst wäre die Depression im Lauf der Entwicklung vermutlich längst verschwunden.

Worin der Nutzen bestehen könnte, darüber zerbrechen sich Forscher seit langem die Köpfe. Zwei amerikanische Wissenschaftler glauben nun, ihn gefunden zu haben: Vor allem im Kindesalter seien Menschen mit depressiver Veranlagung besser vor bedrohlichen Infektionen geschützt – in früheren Zeiten ein wesentlicher Überlebensvorteil.

Eine interessante, aber auch gewagte Behauptung. Aufgestellt haben sie die amerikanischen Psychiater Charles Raison von der Universität von Arizona in Tucson und Andrew Miller von der Emory-Universität in Atlanta. Die Neigung zur Depression ist einem in die Wiege gelegt. Die Ärzte suchten deshalb im Erbgut nach genetischen Varianten, die sowohl den Hang zur Melancholie als auch die Abwehr von Krankheitserregern verstärken. Keine leichte Aufgabe, da Versuche, im Erbgut „Risikogene“ für Depression zu finden, wenig Handfestes zu Tage förderten.

Trotzdem wurden die Forscher fündig. Sie entdeckten einige Erbanlagen, die sowohl ein besonders waches Immunsystem als auch eine Neigung zur Depression mit sich bringen. Wer diese genetischen Varianten in sich trägt, verfügt über eine Art „Rauchmelder-Immunsystem“, glauben die Nervenärzte Raison und Miller. Beim kleinsten Verdacht auf eine Infektion schlägt es Alarm.

Die Schattenseite eines hyperaktiven Immunsystems können Beschwerden sein, wie wir sie kennen, wenn uns etwa eine Grippe niederstreckt. Man fühlt sich abgeschlagen und matt, die Glieder schmerzen und man möchte ganz für sich sein, am liebsten im Bett.

Die Probleme sind vom Immunsystem selbst verursacht. Sie erfüllen vermutlich einen tieferen Zweck, argumentieren die Mediziner im Fachblatt „Molecular Psychiatry“. Denn wer sich in früheren Zeiten krank in eine stille Ecke zurückzog, sparte seine Kräfte für den Kampf gegen die Krankheit und schützte seine Umgebung vor Ansteckung.

Ähnliche Symptome wie bei einer Infektion plagen auch Depressive. Miller und Raison hoffen daher, dass ihre Erkenntnisse neue Wege in der Behandlung der Melancholie ebnen und setzen auf Medikamente, die ein mit einer Depression einhergehendes hyperaktives Immunsystem dämpfen können. Wenn sich die Annahme der Forscher bestätigt und es eine Brücke zwischen Körperabwehr und Depression gibt, dann ist das auch ein Weg, um das seelische Leiden besser zu verstehen. Und zumindest einen Hauch von Sinn im Sinnlosen der Krankheit zu finden.

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