Depressionen : Ihre größte Last

Soll ich die Antidepressiva nehmen?, hatte Philip seine Mutter gefragt. Du doch nicht, antwortete sie. Dann brachte ihr Junge sich um.

Daniel Etter,Marco Maurer

Es war ein freundlicher Spätsommertag. Sie saßen auf der Terrasse unter Philips Fenster, unterhielten sich, tranken Kaffee, aßen Apfelstrudel. Die eine Mutter erzählte der anderen, dass sie Probleme mit ihrem Sohn habe. Daraufhin sagte die andere einen Satz, den sie vorher noch nie gesagt hatte: „Das wird alles wieder gut, das Schlimmste wär’ doch, wenn sich ein Kind umbringt.“ Es war der Tag, als sich ihr eigener Sohn, Philip, das Leben nahm.

Ihr Sohn starb in den Minuten, als die beiden Frauen Kaffee tranken. Ein Stockwerk über den beiden saß der 23-jährige Philip auf seinem Bett, schrieb „Hilft alles nix“ auf seinen Spiegel und wollte nicht mehr weiterleben.

Dabei war er noch fröhlich gewesen, hatte seine Mutter gefragt, ob er für sie einkaufen solle und ob sie ihm die Haare schneiden könne. Das durfte sie vorher jahrelang nicht mehr. Außerdem hatte er – er war depressiv – einen Termin beim Psychologen für Montag vereinbart, reparierte den Fensterheber ihres Autos, lachte, schien glücklich zu sein. Als Philip nicht mehr kam, dachte Theresa Dehn zuerst, er sei eingeschlafen. Dann ahnte sie etwas. Philip hatte mit 15 Jahren schon einmal versucht, sich umzubringen. Seither machte sich Theresa Dehn oft Sorgen um ihren Sohn. Dieser Freitag, der 13. September 2002, war einer der wenigen Tage, an denen sie keine Angst hatte. Bis er nicht mehr kam.

Sie klopfte an seine Tür, rief seinen Namen. Keine Reaktion. Nach einer Weile schaute sie durchs Schlüsselloch und sah Philip auf dem Bett. Reglos. Mit ihrer Freundin brach sie die Tür auf, versuchte ihn wiederzubeleben. Doch Philip war tot.

In der Woche zwischen Tod und Beerdigung aß Theresa Dehn kaum; dafür hörten sie und ihr Mann Detlev immer dieselbe Musik. Musik des estnischen Komponisten Arvo Pärt, die zwischen Stille, Klaviertupfern und Geigeneinsätzen wechselt und beklemmend wirkt. Die Tochter der Dehns zog damals zu ihrem Freund, sie brauchte Abstand von der bedrückenden Situation. Auch Philips Bruder wollte nicht mehr im Haus der Dehns im Münchner Nordwesten sein. „Unsere Familie ist erst einmal auseinandergefallen“, sagt Theresa Dehn. „Meine beiden anderen Kinder waren mir in dem Moment egal.“ Philips Eltern wohnten nun in einem leeren Zuhause. Sie haben in dieser Zeit mehr als jemals zuvor geredet, sich in den Arm genommen, zugehört, verstanden. Die Couch war ihre Zuflucht. Geholfen haben den Dehns auch die Nachbarn, die kümmerten sich, kochten für sie.

Eine Seltenheit, denn häufig sind Freunde stark verunsichert, sprach- und hilflos, sagt der Psychologe David Althaus, der Trauerseminare für Eltern hält und in dessen Praxis in Dachau auch Theresa Dehn gegangen ist. Für Freunde sei es ein Drahtseilakt, sagt Althaus. Einerseits sei es wichtig, alte Routinen aufrechtzuerhalten, bei den Dehns beispielsweise das gemeinsame Tangotanzen. Andererseits dürften Freunde nicht so tun, als wäre nichts passiert.

Für Detlev Dehn waren die ersten drei Monate nach Philips Tod „nur angefüllt mit Schmerz, Blut und Tod“. Das Gefühl, durch eigene Fehler zu Philips Entscheidung beigetragen zu haben, die Frage nach der Schuld, hat gebohrt. Sie war verbunden mit einem wilden Schmerz – eine Antwort war nicht möglich. Es gab Momente, in denen schien es Detlev Dehn eine Lösung zu sein, sich selbst das Leben zu nehmen.

Noch vor Weihnachten 2002 entschlossen sich die Dehns, Dinge aus Philips Leben dessen Freunden zu geben. „Zu schnell, als könnten wir es ungeschehen machen“, sagt Theresa Dehn heute.

Ein Freund bekam seine Lederjacke. Noch heute erinnern sich die Dehns, wie der Junge die Jacke über die Schulter warf, sich umdrehte und das Haus verließ. Wenige Dinge behielten sie. Die Turnschuhe, die Philip zuletzt getragen hatte, standen lange im Garten. Täglich liefen sie daran vorbei, wenn die Sonne schien, es regnete oder schneite.

„Es war ein trauriges erstes Weihnachten“, sagt Detlev Dehn. „Es war furchtbar“, seine Frau. Während sie das sagt, jagt eine Katze durch den kleinen Garten. Das Haus, in dem die Dehns wohnen, ist ein schönes Haus, wilder Wein wächst die Wände empor, Freunde können ein- und ausgehen. Es ist gemütlich: Bauernmöbel, Andy-Warhol-Porträts, ein Bücherregal, Fotos von den Dehns, wie sie Tango tanzen, selbst gemalte Bilder ihrer Tochter. Theresa und Detlev Dehn sind nette Eltern, er ehemaliger Geschäftsführer eines Verlages, sie hat Sozialarbeit studiert und ist Bewährungshelferin. Ihrem Sohn standen sie immer zur Seite, versuchten sein Leben zu regeln, wenn er Probleme hatte; wenn er die Schule abbrach oder auch mal zu viel trank.

Seine Freundin hatte ihn verlassen. Die Eltern waren im Urlaub. Philip betrank sich. Warf eine Flasche durch die Scheibe, schmetterte das Telefon auf den Boden. Seine Geschwister wollten ihn beruhigen, daraufhin griff er seinen Bruder an. Sie mussten die Polizei rufen.

Philip war ein besonderes Kind. Eines, das sich wünschte, Einzelkind zu sein, eines, das viel Aufmerksamkeit brauchte. „Ich hätte ihn öfter in den Arm nehmen sollen.“ Das habe sie zu spät erkannt, sagt seine Mutter. Sie presst die Lippen zusammen, schaut nach unten und bekommt feuchte Augen, um dann zu sagen: „Das ist mein Ding, immer noch. Und wird’s bleiben.“

Philip saß nachts allein in einem Raum. Draußen war die Party in vollem Gange. Menschen redeten, Musik drang durch die Wände. Seine drei Jahre jüngere Schwester suchte und fand ihn. Philip saß da und wollte für sich sein. Das Draußen interessierte ihn nicht.

„Philip konnte so sein“, sagt seine Mutter. „Er war lebensverneinend und lebensbejahend zugleich. Er hat sich nie an Regeln gehalten.“ Er war aufgekratzt. Machte Scherze, ging feiern. Er hatte die Gabe, diese Lebensfreude auf andere zu übertragen. Auf den Fotos im Wohnzimmer der Dehns ist dieser Philip zu sehen. Lachend. Unrasiert. Braune Haare und Augen. Ein glücklicher, ein gutaussehender junger Mann. Was haben wir falsch gemacht? Wieso haben wir nicht gemerkt, dass er so nah am Rand steht? Die Fragen gingen den Dehns nicht aus dem Kopf.

„Eltern gehen immer wieder die Zeit vor dem Suizid durch, suchen nach Hinweisen“, sagt Psychologe Althaus. Fragen sich: Hätte ich das nicht merken müssen? Und vor allem: Was hätte ich anders machen können? „Viele betroffene Eltern tragen ihr Leben lang diese Fragen mit sich herum“, sagt Althaus.

Philip fragte seine Mutter um Rat. Er fragte: „Soll ich Antidepressiva nehmen, wie es mir der Arzt geraten hat?“ Seine Mutter schüttelte den Kopf. „Nein, Philip, du? Du brauchst das doch nicht.“

Philip konnte sich selbst gut einschätzen. Versuchte, gegen seine „bipolare Persönlichkeit“, wie sein Vater es nennt, anzukämpfen. Besuchte wöchentlich einen Therapeuten, wanderte mit zwei Freundinnen von München nach Venedig, vier Wochen lang, etwa ein Jahr vor seinem Tod war das.

Er lachte dabei viel, schien auf einem guten Weg zu sein. Rief auf vielen Gipfeln seine Mutter an. Die stand daheim und markierte Punkt für Punkt auf einer Karte. So wusste sie immer, wo ihr Kind war.

„Er hat mit dieser Wanderung seinen Weg gefunden“, glaubt sein Vater. Theresa Dehn widerspricht ihm nachdenklich: „Aber der war es halt doch nicht.“

Philip lebte, wenn er sehr betrübt war, in einem dunklen Raum. Die Tür stand einen Spalt offen, Licht fiel ins Zimmer. Dann hat etwas zu ihm gesagt: „Jetzt gehst du durch diese Tür, und du bist im Licht.“ Und er ist durch diese Tür gegangen. So stellt sich Detlev Dehn Leben und Tod seines Sohnes heute vor. Ein halbes Jahr brauchte er, um einen Weg zu finden, mit der Schuld umzugehen. Er hat erkannt, dass er Fehler gemacht hat, auch dass er einen Anteil am Suizid seines Sohnes hat. „Ich habe zu viel Augenmerk auf den Beruf gelegt und die Aufgaben als Vater nicht genug wahrgenommen.“ Aber er weiß heute auch, dass man nicht alles in der Hand hat. „Ich glaube, ich habe mir vergeben.“ Während Detlev Dehn das sagt, schaut seine Frau ihn an, schüttelt ein wenig den Kopf: „Du weißt, es gab Zeiten, wo ich dir das mit der Vergebung nicht abgenommen habe.“ Theresa Dehn sagt, dass sie es manchmal als intellektuell empfunden habe, wie ihr Mann trauert. „Damals hat sich eine Gefühllosigkeit in mir ihm gegenüber breitgemacht.“

„Paare trauern häufig unterschiedlich“, sagt Psychologe Althaus. Das kann selbst für eine gefestigte Beziehung zur Zerreißprobe werden. Das eigene Kind zu verlieren, ist ein Erdbeben in der Biografie: „Ein ,Weiter so wie vorher’ gibt es nicht.“ Paare rücken zusammen oder trennen sich. Rückblickend glaubt Theresa Dehn, dass es eine Kunst war, zu akzeptieren, dass ihr Mann anders trauert. Denn sie hat sich nicht vergeben. Bis heute nicht. „Wenn ich Eltern sehe, die liebevoll mit ihren Kindern umgehen, denke ich immer noch: Philip hat zu wenig Liebe bekommen. Er hat nicht bekommen, was er von uns gebraucht hat.“

Philip lieh sich öfter das Auto seiner Mutter, um auszugehen. Mutter und Sohn hatten ein Ritual: Philip schlich sich, wenn er wieder zurückkam, in ihr Schlafzimmer, legte den Autoschlüssel aufs Nachttischchen und flüsterte: „Alles okay.“ Sie wachte kurz auf, lächelte und war beruhigt. Heute träumt sie manchmal von diesem Moment, hört die sich öffnende Tür, einen Luftzug und ein leises „Alles okay“.

Theresa Dehn hat dieser Traum geholfen. Der Traum verrate den Schlüssel für betroffene Eltern, sagt Psychologe Althaus. Die Eltern müssen versuchen, dem verstorbenen Kind einen Platz im Leben zu geben. „Es funktioniert nicht, mit einem Eimer weißer Farbe das Geschehene zu überstreichen“, sagt Althaus. Die meisten Eltern, deren Kinder sich das Leben nahmen, verzichten allerdings auf externe Hilfe, bleiben allein und wählen die Strategie des Verdrängens. Das rächt sich. Sie sind anfälliger für Depressionen oder werden Workaholics.

Auch Theresa Dehn versuchte zuerst, sich in die Arbeit zu stürzen, wollte „einfach nicht zum Nachdenken kommen“. Nach einem Jahr musste sie auf Kur. Diagnose: posttraumatische Belastungsstörung, die Nachwirkungen von Philips Suizid. „Wie kann ich die Liebe zu meinem Kind weiterführen?“ Auch wenn das Kind gestorben ist, die Elternliebe sei nicht einfach weg, sagt Althaus. „Und diese Verbindung muss neue Wege finden.“ Für manche Eltern ist der Weg eine intensive Grabpflege oder ein bestimmtes Ritual zum Geburts- oder Todestag.

Die Dehns wanderten an Philips zweitem Todestag 120 Kilometer Richtung Bodensee. Ihnen war es, als ob Philip mitgewandert wäre. Mal zwischen ihnen, mal vor ihnen. „Mal war er genau neben uns, einfach da“, sagt Detlev Dehn.

Diese Form der Auseinandersetzung findet erst in einem späten Stadium statt, oft unter psychologischer Betreuung. Neben den Wanderungen besuchten die Dehns drei Jahre lang Trauergruppen des Vereins für verwaiste Eltern, sprachen mit anderen Betroffenen. Noch heute nehmen sie an Gottesdiensten für Trauernde teil. Detlev Dehn hat aufgehört, seinen Lebenszweck in seinem Beruf zu sehen und ist vorzeitig in Rente gegangen, um mehr Zeit für sich und seine Familie zu haben. Es sei wichtig, loszulassen, den Schmerz zuzulassen und den Verlust zu akzeptieren, „weil sich dann Räume für Neues öffnen“, sagt Detlev Dehn. Seine Frau sitzt neben ihm auf einer Bank unter Philips ehemaligem Fenster. Sie weiß, was er meint, und ist dennoch anderer Meinung: „Ich kann seit Philips Tod das Wort ‚loslassen’ nicht mehr hören.“ Dennoch kann Theresa Dehn mittlerweile mit Philips Tod leben. Auf ihre Weise. Sie möchte sich ein Schatzkästchen anlegen, „in dem ich schöne Erinnerungen notiere und speichere“.

Philip fuhr seine Mutter häufig zum Tango. Danach hat er sie abgeholt und ihr eine Weile zugeschaut. Sagte seiner Mutter, dass er den Tango mag und die Art, wie sie tanze. Machte ihr Komplimente. Anschließend fuhren sie zusammen nach Hause. Erst kürzlich hat sie während eines Tangos wieder daran gedacht. Sie weinte und tanzte weiter.

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