DEPRI-FOLKPOP Christiane Rösinger : Die lustigste Frau von Berlin

Alexandra Distler

Falls es stimmen sollte, dass es da einen direkten Zusammenhang geben sollte zwischen dem Gefühl tiefster Traurigkeit und dem Vermögen, die Welt humorig zu betrachten, dann muss konstatiert werden: Christiane Rösinger muss eine sehr lustige Frau sein. Und es ist ja nicht so, dass sie das in ihrer über 20-jährigen Karriere nicht schon zu Genüge bewiesen hätte. Sei es mit ihren Kompagnons Almut Klotz und Funny van Dannen, wo sie gemeinsam als Lassie Singers mit ausgefeilten, bösen und spöttelnden Texten beispielsweise die Pärchenlüge entlarvten. Oder mit der späteren Band Britta, einer reinen Frauencombo, die pointiert und scharfzüngig über die digitale Boheme und deren Selbstausbeutungsgebaren frotzelte.

Dieses Jahr nun Christiane Rösingers Soloalbum „Songs of L. and Hate“, ihrer Aussagen nach die traurigste Platte aller Zeiten. Mit Referenz an Melancholiegroßmeister Leonard Cohen im Titel, einer Coverversion des Covers von Bob Dylans „Bringing it all back home“ und bedeutungsschwangeren Songtiteln wie „Verloren“, „Sinnlos“ oder der deutschen Interpretation von Nicos „These days“ musste also Schlimmstes befürchtet werden. Und ja, es sind traurige Songs, da ist wenig Versöhnliches, da ist Genörgel und Gejammer. Doch Rösingers anmutiger Sarkasmus, ihre haarscharfe Beobachtungsgabe und letztendlich vor allem ihre liebevolle, patzige und lakonische Art zu singen bewirken beim Zuhören nur eins: ein fettes Grinsen im Gesicht.Alexandra Distler

HAU 1, Di 30.11., 20 Uhr, 16,50 €/erm. 11 €

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