Zeitung Heute : Der Abschied vom frohen Landmann

TOM WEINGÄRTNER

Im Gegensatz zur Industrie hat der ostdeutsche Agrarbereich den Anschluß an den Westen gefundenVON TOM WEINGÄRTNERSieben Jahre nach der Wiedervereinigung ist die Landwirtschaft zur Vorzeigebranche der neuen Länder avanciert.Ein Drittel der letzten Getreideernte wurde 1996 im Osten eingefahren.Das entspricht etwa dem Anteil der neuen Länder an den verfügbaren Ackerflächen.Pro Arbeitskraft aber wird dort deutlich mehr produziert.Aus der Not zusammenbrechender Absatzmärkte hat man dort die Tugend einer umfangreichen Direktvermarktung gemacht.Größere Betriebe verarbeiten ihre Produkte selber, beispielsweise in eigenen Schlachthöfen.Mit Erfolg werden diese Nahrungsmittel vor allem in der eigenen Region, in zunehmendem Maße auch in den alten Bundesländern verkauft.Auf der traditionsreichen landwirtschaftlichen Leistungsschau, der Grünen Woche in Berlin, wird man das ab Freitag wieder sehen können.Die Ernährungsindustrie im Osten legte im ersten Halbjahr 97 ein Wachstum von mehr als elf Prozent vor.Dieses Ergebnis spricht für sich. Die Prosperität auf dem platten, ostdeutschen Land ist ebenso interessant wie problematisch.Ihre politischen und ökonomischen Ursachen sind eng miteinander verschränkt und sie werfen neue Fragen über das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschen auf.Was manchem ein politisches Ärgernis ist, erweist sich bei genauer Betrachtung als wirtschaftlich hilfreich.Anders als in den anderen Branchen konnten die alten Kader aus den Zeiten der DDR ihre Stellung in den Dörfern des Ostens weitgehend behaupten.So mancher linientreue LPG-Vorsitzende verwandelte sich nach der Wende zur Überraschung - und nicht selten zum Schaden - der Genossenschaftsbauern in einen cleveren Kapitalisten.In der Industrie verloren die Funktionäre der Planwirtschaft fast ausnahmslos ihren Einfluß.Heute haben dort die Kapitalgeber aus dem Westen das Sagen.Auf dem Land ist das Macht- und Interessengeflecht in weiten Teilen intakt geblieben.Den Agrarmanagern ist es gelungen, sich das Land unter den Nagel zu reißen, fremde Einflüsse abzuwehren und in ihrer Nische florierende Unternehmen aufzubauen.Sicher wäre dieser Erfolg ohne üppige Subventionen und zusätzliche staatliche Protektion nicht möglich gewesen. Ein Vergleich zwischen Industrie (wo die Subventionen oft versackten) und Landwirtschaft legt die Schlußfolgerung nahe, daß die ostdeutschen Agrarbetriebe deshalb erfolgreicher waren, weil sie alleine aus ihren lokalen Interessen heraus handeln konnten.Ihre Manager brauchen keine Rücksicht darauf zu nehmen, ob ihre Investitionen in irgendeiner Bilanz im Westen abgeschrieben werden können.Sie machen sich diese Tricks vielmehr selber zunutze, wenn sie Beteiligungen in ihrem Umfeld erwerben.Der Staat geht auch bei den profitablen Agrar-Konzernen des Ostens vielfach leer aus.Die ostdeutsche Erfolgsstory hat freilich einen Schönheitsfehler.Die neuen Herren über die ehemals roten Latifundien werden von vielen abgelehnt - weil sie die alten Herren sind.Widerspruch kommt von den Alteigentümern im Westen, aber auch von jenen Einheimischen, die als Genossenschaftsbauern in den Wirren der Nachwende-Zeit über den Tisch gezogen wurden.Beide setzen hinter das Landwirtschaftswunder im Osten ein eigentumsrechtliches Fragezeichen.Der Aufstieg der ostdeutschen Landwirtschaft hat auch Folgen für die westdeutschen Bauern.Fast unbemerkt ist das Leitbild des bäuerlichen Familienbetriebes aus der Agrarpolitik verschwunden.Landwirtschaftsminister Jochen Borchert predigt statt dessen den raschen Strukturwandel - weniger Arbeitskräfte sollen mehr verdienen.Wir lernen vom Osten.Hochgehalten als politisches Ziel wird der Bauernhof mit ein paar Hektar Land und etwas Vieh fast nur noch in Bayern.Im Süden der Republik werden deshalb die Sonderbeihilfen für die ostdeutsche Landwirtschaft besonders vehement in Frage gestellt.Tatsächlich gibt es keinen Grund, die Ende 1998 auslaufenden Vergünstigungen für die ostdeutschen Agrarfabriken zu verlängern.Das ändert nichts mehr daran, daß diese Unternehmen in Zukunft den Ton angeben.Gegenüber der Politik, die rund die Hälfte der Agrareinkommen in Form von Subventionen verteilt, werden es die kleinen Bauern noch schwerer haben als in der Vergangenheit.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben