Zeitung Heute : Der Abschied von der Anarchie

SUSANNE KIPPENBERGER

Prag, mit den Augen des tschechisch-amerikanischen Autors Jan Novak gesehenVON SUSANNE KIPPENBERGER

Chicago, das ist Nervenkitzel pur: Al Capone, Mafia und windige Häuserschluchten.
Jan Novak zieht es nach Chicago zurück."Es ist so ruhig dort", seufzt der Schriftsteller, das ganze Gegenteil von Prag. Gestern ein Filmfestival, heute ein Interview, morgen eine Reise in die Umgebung.Talkshows, Lesungen, jede Woche Bocciaspielen.Und dann die ganzen Kneipen! Zum Schreiben, findet der 44jährige, ist in Prag zuviel los. Ein Jahr hat der Autor mit der Familie hier verbracht, das Häuschen im lauschigen Vorort Oak Park gegen eine Wohnung im alten Arbeiterviertel mitten in der Stadt eingetauscht.Vor allem der Kinder wegen, wie Novak sagt.Um ihnen eine Tür zu öffnen zu einer anderen Kultur, "daß sie ein zweites Zuhause haben".Und nicht zuletzt des Geldbeutels wegen: In Tschechien lebt es sich als freier Autor sehr viel üppiger und abwechslungsreicher als in den USA.Theater, Reisen, Essengehen: Was die Familie hier in vollen Zügen genießt, könnte sie sich daheim nur selten leisten.Ein paar Mark zahlt Novak in Prag für ein Jazzkonzert, das ihn in Chicago mehr als 20 Dollar kosten würde. Und Novak wußte, was er tat.Schon einmal hatte er die Familie auf die andere Seite des Atlantiks verpflanzt. Aufgewachsen in einer Kleinstadt nicht allzuweit von Prag entfernt, hatte Jan Novak als sechzehnjähriger mit den Eltern Hals über Kopf das Land verlassen.Zum Abschiednehmen blieb keine Zeit.In Chicago hat Novak studiert, hat angefangen, preisgekrönte Romane zu schreiben, auf Englisch (die dramatischste Entscheidung seines Lebens, wie er sagt), hat eine eigene Familie gegründet.Aber eine Narbe war geblieben.Nach der samtenen Revolution, 1992, zog es Novak für ein Jahr in die alte Heimat zurück."Sie bringen Ihre Kinder in ein Kriegsgebiet?!" fragte der Nachbar entsetzt.Tschechoslowakei, Jugoslawien, das war dem Amerikaner alles eins. Zurück in Chicago überfiel Novak bald wieder Sehnsucht nach der europäischen Stadt.Er vermißte den Humor seiner Bewohner, die überschaubare Größe der Stadt.Wollte er in Amerika Freunde sehen, mußte er erst einmal eine Verabredung treffen, sich ins Auto setzen und hinfahren.In Chicago läuft ihm nie jemand zufällig über den Weg - weil eben niemand läuft.Er hat sie vermißt: diese zufällige Begenungen, auf der Straße, in der Kneipe, "die zu so wundervollen Dingen führen können". Um die Sehnsucht zu stillen schrieb Novak ein Buch über Prag "im Jahr der Großen Läuseepidemie", wie es im Untertitel heißt: "Commies, Crooks, Gypsies, Spooks & Poets" lautet der Titel des 1995 erschienenen und inzwischen mit dem Carl Sandburg Award preisgekrönte Werks."Ein Experiment im Grenzbereich der Genres", wie Novak sagt: "Autobiographie, Reisebericht, Reportage, Prosa pur." Einen besseren Reisebegleiter für einen Besuch in Prag kann man kaum finden, etwas Vergleichbares gibt es auf Deutsch leider nicht.(Einziger Makel: das etwas alberne Faible für Wortketten.) Die Vertrautheit des Einheimischen verbindet Novak mit der Distanz dessen, der das Land verlassen und eine andere Kultur kennengelernt hat.("Wenn Tschechen mir schmeicheln wollen, sagen sie, daß ich Tscheche bin.Wenn ich zu kritisch werde, bin ich Amerikaner.") Amüsant berichtet Novak vom rasanten Übergang vom Spätkommunismus zur nackten Marktwirtschaft, von kleinen und großen Betrügereien, den Mühen des Alltags im postkommunistischen Land, wo der Einkauf eines «Skodas zum Abenteuer wird.Der Tourist wird an Orte geführt, die dieser, des Tschechischen nicht mächtig, allein nie besuchen würde - in die traditionsreiche Tanzschule am Wenzelsplatz zum Beispiel, wo Madame Karasová, halb Dame und halb General, ihren kichernden Schülern Manieren beibringt, als hätte sich in den letzten 70 Jahren die Welt nicht weitergedreht - Manieren, die diese, kaum auf der Straße, ganz schnell wieder vergessen, wie Novak beim Versuch, Karten für das Fußballspiel zu ergattern, am eigenen Leib erleben muß. Jan Novak schwärmt von der Schönheit der Stadt, aber er blickt auch hinter die frisch renovierten leuchtenden Fassaden, die den geblendeten Reisenden schnell vergessen lassen, daß vor ein paar Jahren noch trübere Zeiten herrschten.Novak erinnert daran - an die Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte vor der Wende.Ganz in der Tradition seiner alten Heimat, mit Wärme und Witz, erzählt er von den krummen Lebenswegen einzelner Menschen.Dadurch, daß der Tscheche Amerikanisch zuerst sprechen gelernt hat, schreibt er noch immer "mehr fürs Ohr als fürs Auge", wie er selbst sagt.Das macht das Buch so lebendig.Selbst altbekannte Figuren wie Rabbi Loew oder Meister Hanu«s wirken da plötzlich frisch. Inzwischen ist aber auch "das Jahr der Großen Läuseepidemie" schon wieder Geschichte."Prag in der postkommunistischen Ära" schreibt Novak in seinem Buch, "war eine Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten".Heute, erzählt er, während draußen vor dem Café am Kleinseitner Ring eine endlose Truppe von Pfadfindern in Uniform durch den Regen marschiert, "heute herrscht auf den Straßen ein anderes Gefühl".Nach der Wende, erinnert der Autor sich, machten ständig neue Kneipen und Bars auf, in denen es keine Polizeistunde zu geben schien, in denen die Leute ganz offen alles mögliche rauchten und mit dem Glück spielten."Jetzt sieht man überall Polizisten.Die standen damals noch unter Schock.Inzwischen haben sie sich davon erholt." Die Anarchie habe sich verkrochen, Ordnung ist eingekehrt und mit ihr auch ein Stück Furcht vor Autoritäten."Es ist wahrscheinlich sicherer geworden", sagt Novak mit Wehmut in der Stimme.Sich mit Alkohol ans Steuer zu setzen, würde er sich heute nicht mehr trauen. Auch alte Hierarchien haben sich neu etabliert."Die Welt von Kultur und Politik war eins während der Revolution.Jetzt ist sie wieder getrennt.Man bewegt sich nicht mehr so leicht zwischen den beiden.Die Politiker sind nicht mehr so zugänglich, kommen nicht mehr zu denselben Parties." Havel (von dem Novak auch ein Stück ins Amerikanische übersetzt hat), den er damals ein halbes Dutzend mal zufällig getroffen hat, ist ihm in diesem Jahr kein einzigesmal über den Weg gelaufen. "Ich liebe Prag", sagt Novak."Ich habe gelernt, es zu lieben." Anfangs war er einfach nur überwältigt - so wie damals als Kind, als er mit der Schule in die Hauptstadt fuhr, um in die Oper zu gehen.Wirklich gekannt habe er die Stadt nicht.Novak erinnert sich noch genau an den Moment, als er aufhörte, Tourist zu sein, als Prag ihm zum Zuhause wurde: Auf der Karlsbrücke ist es gewesen, als er einen Taschendieb bei der Arbeit erwischte."Wissen gehört zur Liebe.Erst dann dringt man zum Wesentlichen vor." Und doch hat ihn wieder die Sehnsucht nach Chicago gepackt.Sehnsucht nach den Bulls, dem dortigen Eishockey-Team.Nach der Leichtigkeit des Alltags.Sehnsucht nach dem Amerikanischen, nach den Amerikanern."Hier sind alle so vorsichtig, immer auf der Hut.In Amerika sind die Leute entspannter, offener." Auch beim Eishockey merkt Novak den Unterschied.Viermal in der Woche geht seine zehnjährige Tochter zum Training (sie ist das einzige Mädchen im Team)."Das ist sehr hart hier.In Amerika haben die Kids mehr Spaß". "Ich habe mein zurückgezogenes, langweiliges, hypotheken-gestreßtes und produktives Leben vermißt" schreibt Novak am Ende seines Buchs.So geht es ihm auch jetzt, am Ende seines zweiten Aufenthalts.Ein halbes Jahr möchte er haben, am Stück, um seinen neuen Roman fertig zu schreiben, der auf beiden Seiten des Atlantiks spielt.Aber wahrscheinlich wird auch daraus wieder nichts.Novak wartet auf die Nachricht, ob er ein Drehbuch, daß er geschrieben hat, hier auch selber verfilmen kann.Dann wird er wieder pendeln zwischen den Welten. TIPS FÜR PRAG - Literatur: Jan Novak.Commies, Crooks, Gypsies, Spooks & Poets.Steerforth Press, South Roalton, Vermont 1995.202 Seiten, 22 Dollar.Die tschechische Version kommt jetzt im Herbst heraus, die Übertragung hat Novak selbst besorgt, denn sein Übersetzer hat ihn zu seinem großen Bedauern im Stich gelassen: Nach der Wende Oberbürgermeister von Prag, anschließend Chefredakteur des tschechischen "Playboys", hat dieser sich nun dem Business verschrieben.
Auf Deutsch gibt es von Jan Novak bisher nur die von ihm aufgezeichneten Erinnerungen seines Landsmanns Milos Forman: Rückblende.Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit.Verlag Hoffmann und Campe.Hamburg 1994.400 Seiten.48 DM. - Treffpunkte: "Commies ..." findet man in Prag zum Beispiel bei Globe, einem gemütlichen Buchladen mit Café, Treffpunkt der amerikanischen Gemeinde, die Novak an die tschechische Gemeinde in Chicago erinnert - "jeder kennt jeden" (Janovského 14).Hier kauft auch der Autor selbst seine amerikanischen Bücher ein.
Seine Sehnsucht nach Amerika kann man auch im Radost FX stillen (B«elehradská 120).Café, Restaurant, Club, Disco, und Kulturzentrum in einem, findet es in Novaks Buch Erwähnung wegen seines Klomannes: Der frühere Dissident John Bok, nach der samtenen Revolution in leitender Position im Innenministerium, verdiente hier, so Novak, an einem guten Freitagabend an den betrunkenen Amerikanern mehr als in einer ganzen Woche im Ministerium.
Eine Kneipe, in die Novak gern geht, ist Velryba (Opatovická 24), Treffpunkt der Prager Szene aus Kultur, Politik und Medien.Der "Walfisch" ist garantiert unamerikanisch: immer schön verräuchert.
- Informationen: Die wichtigste Informationsquelle für alle, die nicht Tschechisch sprechen, ist noch immer die amerikanische "Prague Post", auch wenn der Schwerpunkt sich von der Kultur zur Wirtschaft verlagert hat.Neben einem Veranstaltungskalender enthält das Wochenblatt viele Tips für Cafés und Restaurants.Für vier Mark kann man es auch in Berlin, an Bahnhöfen, Flughäfen und einigen Kiosken erstehen.

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