Zeitung Heute : Der Abwehrchef

Dem Virus ganz nah: Der deutsche WHO-Experte Klaus Stöhr ist weltweit für die Überwachung von Epidemien zuständig. Und nun soll er auch noch einen Impfstoff gegen die Vogelgrippe finden

Jan Dirk Herbermann[Genf]

Der Doktor, der die Menschheit schützen soll, startet diesen Tag mit einer halben Stunde Weltliteratur: der „Zauberberg“ von Thomas Mann. „Das habe ich zwar schon gelesen“, sagt Klaus Stöhr. „Aber ich kann es ja noch mal hören.“ Er legt die CD mit dem Roman in den Spieler.

Um sieben Uhr tritt Stöhr aus seinem Haus in dem französischen Dorf Chevry, schaut auf den schneebedeckten Montblanc und schultert seinen schwarzen Rucksack. Er steigt auf sein Fahrrad. Vorbei führt der Weg an kahlen Rebstöcken und kargen Feldern, den „Zauberberg“ im Ohr. Krähen gleiten durch den grauen Himmel. Der Deutsche überquert die Grenze zur Schweiz, kurz vor 7 Uhr 30 parkt er sein Rad vor dem Genfer Hauptquartier der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Hier leitet Stöhr, 46 Jahre alt, das globale Anti-Influenza-Programm. Er kämpft gegen die Vogelgrippe.

Am selben Tag – die Angst vor der Seuche ist wegen der Ausbreitung in der Türkei auf einem neuen Höhepunkt – wird die WHO wieder eine unangenehme Nachricht verbreiten: „Die Geflügelgrippe breitet sich immer weiter aus. Die Gefahr einer weltweiten menschlichen Epidemie steigt.“ Bis zum Ausbruch einer globalen Influenza unter Menschen, einer Pandemie, sei es nur noch eine Frage der Zeit. Im Ernstfall – nämlich dann, wenn das ständig mutierende Virus lernt, direkt von Mensch zu Mensch zu springen – rechnen die Fachleute mit „Hunderten Millionen Fällen schwerer Erkrankungen und Millionen Toten“. Eine Pandemie könnte pro Jahr einen globalen Wirtschaftsschaden von 800 Milliarden US-Dollar anrichten.

Ist die Lage wirklich so alarmierend? „Ja“, sagt Stöhr und zieht aus einem Automaten einen Kaffee. Freundlich doziert er: „Durchschnittlich tritt eine Influenza-Pandemie alle 27 Jahre auf. Die letzte schlug vor 38 Jahren zu, 1968.“ Aber: Viele Regierungen nehmen die Gefahr nicht ernst. „Von 250 Ländern und Territorien der Welt haben bisher nur 50, darunter Deutschland, einen Notfallplan veröffentlicht“, sagt er – zwingen kann er seine Ansprechpartner ja nicht, er kann nur mit den Gesundheitsministerien Kontakt aufnehmen und warnen.

Stöhrs großes Ziel ist klar: Alle Länder sollen eine fertige Abwehrstrategie in der Schublade haben, wenn die Epidemie ihren tödlichen Zug um die Welt beginnt. Die Behörden müssen dann Schulen in Lazarette umwandeln, müssen pensionierte Ärzte und Krankenschwestern zum Notdienst rekrutieren. Stöhr wirft den Becher in einen Papierkorb und stürmt wieder los. Er hastet durch einen langen, schmalen Tunnel, der zwei Gebäude der WHO verbindet. „Hi Klaus, how are you doing“, rufen ihm Mitarbeiter zu. „Fine, and you?“ Stöhr spricht fast nur englisch. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen jetzt den Shoc Room“, sagt er und legt noch einen Gang zu. Shoc Room? Stöhr muss lachen. Klingt wie Schock. Bedeutet aber: Strategic Health Operation Center. Das ist der Kommandostand der WHO. Hier koordiniert die Uno-Agentur den Kampf gegen H5N1.

Der Raum liegt tief unter der Erde. Stöhr öffnet die schwere Tür. Rund ein Dutzend Experten diskutieren in kleinen Gruppen, starren in ihre Rechner, telefonieren mit den Krisengebieten. Stöhr geht zu drei Kollegen, er erklärt, die Zuhörer nicken. An der linken Wand des Raumes hängen vier große Flachbildmonitore. An der Stirnseite ist ein weiterer Bildschirm befestigt. Auf allen flackern die Umrisse der Türkei. Gebiete, in denen die Vogelgrippe ausgebrochen ist, sind rot markiert, daneben die neuesten Zahlen mit Verdachtsfällen bei Menschen, Infektionen, Toten. An diesem Tag bestätigt das Londoner WHO-Labor das dritte H5N1-Opfer: Wieder stirbt ein Kind; ein paar Tage darauf werden es schon vier sein.

Nonstop laufen CNN und BBC. Stöhr ist selber Medienprofi. Es gibt Tage, da erscheint sein Name in fast allen großen deutschen Tageszeitungen. Aber er achtet darauf, die Informationen zu dosieren. „Wir müssen mit unseren Warnungen vor einer Epidemie aufpassen“, sagt er und schließt die Tür zum Operationszentrum. „Wenn wir zu viel über die kommenden Gefahren reden, hört keiner mehr hin, wenn es wirklich so weit ist.“

In der Fachwelt jedoch hören die Kollegen immer auf ihn. Albert Osterhaus von der Uni Rotterdam, der Vorsitzende der Europäischen Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe über Grippe, lobt vor allem Stöhrs diplomatisches Geschick. „Wissenschaftler sind sehr wettbewerbsorientiert“, sagt Osterhaus. „Stöhr hat die Fähigkeit, sie zusammenzubringen, sie zusammenarbeiten zu lassen.“ Die internationale Feuerprobe habe er vor drei Jahren bestanden. Damals leitete Klaus Stöhr die wissenschaftliche WHO-Untersuchung über die Sars-Seuche. Er überzeugte die Labors , Informationen über die todbringende Lungenkrankheit auszutauschen. „Ich bin überzeugt, dass seine Arbeit die Epidemie unter Kontrolle brachte und schließlich gestoppt hat“, sagt Osterhaus. „Es hätte viel schlimmer enden können.“

Stöhr kommt etwas zur Ruhe. Er sitzt in seinem Arbeitszimmer, ignoriert das Piepsen des Handys und erzählt aus seinem Leben. 1959 in Dresden geboren, Tiermedizin studiert und promoviert in Leipzig; in seiner Doktorarbeit ging es um Epidemiologie und Infektionskontrolle. Den ersten Job fand er im Institut für Seuchenbekämpfung in Wusterhausen, Stöhr und sein Team tüftelten dort an einem Impfstoff gegen die Tollwut. 1991 ging der Jungwissenschaftler dann zur WHO – wo er aufstieg. „Ich betrachte mich als eine glückliche Person“, sagt Klaus Stöhr. Auch weil er mehr als 20 Jahre eine „harmonische Ehe“ führt; die beiden Söhne studieren in England. Das Telefon klingelt. Er hebt ab. „Klaus Stöhr speaking. Oh yes, … we…“

Der Kampf gegen H5N1. Stöhr muss jetzt wieder die WHO-Teams in der Türkei unterstützen. Die Experten dort eilen von Einsatz zu Einsatz. Drei Teams sind unterwegs. Eines hilft im Gesundheitsministerium, den Notfall vorzubereiten, das zweite Team ist in der Krisenregion um die osttürkische Stadt Van stationiert und hilft den Ärzten, das dritte tourt über die Dörfer und betreibt Krisenprävention. „Es ist nicht leicht, die Tierseuche in der Türkei zu besiegen“, sagt Stöhr. Seine Leute werden noch einige Zeit dort bleiben müssen. „Wir haben jetzt in 13 Ländern Ausbrüche der Vogelgrippe unter Tieren, in fünf Ländern sind Menschen befallen“, sagt Stöhr. Die Türkei wird wohl nicht der letzte Krisenfall bleiben.

Übrigens: Ab morgen ist Klaus Stöhr dem Virus noch ein wenig näher gerückt. Er wurde befördert. Er nennt sich nun „Senior Advisor on Pandemic Vaccine Developement“. Er soll einen Impfstoff finden gegen die Vogelgrippe.

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