Zeitung Heute : Der Acker-Mann

Die letzte Grüne Woche von Gerd Sonnleitner, dem Bauernpräsidenten, der nach 15 Jahren abtritt.

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Rosarot. Gerd Sonnleitner kämpft für und um den guten Ruf der Landwirte. Foto: dpa
Rosarot. Gerd Sonnleitner kämpft für und um den guten Ruf der Landwirte. Foto: dpaFoto: dpa

Gerd Sonnleitner ist immer noch Bauer. Dafür hat er ein Bild parat. Nach all den Jahren in der Politik, sagt er, sei es für ihn das Schönste, wenn er am Sonntag auf seinem 100-Hektar- Hof nahe Passau steht. Von hier aus kann er bis nach Österreich sehen. Dann wandert sein Blick über seine Weiden, über seinen Zuckerrübenacker, seine Maispflanzen und Weizenfelder. Seit dem 13. Jahrhundert ist der Hof in Familienbesitz. Erzählt Sonnleitner davon, sagt er Worte wie Wurzeln, Blutslinie und Tradition. „Das ist eine sehr emotionale Kiste.“ Bevor auf seinem Bauernhof etwas verändert werde, konsultiere er im Stillen seine Vorfahren, sagt er.

Es ist diese Rückwärtsgewandheit, die ihm seine Gegner vorwerfen, die Grünen, die Umweltschützer, die Kleinbauern. Denn Gerd Sonnleitner ist nicht irgendein Bauer, er ist deutscher Bauernpräsident. Seine Entscheidungen betreffen nicht einen Hof, sondern 380 000 Landwirte.

Bald wird Gerd Sonnleitner wieder nur Bauer sein, einer der Traktor fährt. Im Sommer wird ein neuer Bauernpräsident gewählt. Aber jetzt ist Sonnleitner noch einmal hier, auf der Grünen Woche in Berlin, auf dem Podium. Sein Blick geht auch hier ins Weite, wandert über die Köpfe der Journalisten, die da unten im Saal sitzen. Sie haben Fragen und er muss antworten.

Sein Lebensthema ist ein Kampf. Essen ist Kampf. Und seine Gegner sind zur Grünen Woche gekommen, um ihn daran zu erinnern. Sie sitzen auf der Pressekonferenz, tragen schwarze Lederschuhe manchmal auch Wollsocken in Sandalen. Sie stellen Fragen, die eigentlich Vorwürfe sind: Warum er nicht härter gegen den massenhaften Einsatz von Antibiotika vorgehe? Warum im Fleisch so viele Keime steckten? Ob Massentierhaltung noch vertretbar sei? Sonnleitner antwortet wie der Funktionär, der er seit mehr als 20 Jahren ist. Man sei auf dem richtigen Weg, sagt er, das müsse Brüssel entscheiden; man sei zu allererst dem Wohl des Tieres verpflichtet. Das soll die Gemüter beruhigen.

Trotzdem wird es laut. Ein Mann hat das Mikrofon in der Hand, er stellt sich nicht vor, poltert einfach los: „Alles heißer Dampf. Ehec, Schweineseuche, Vogelgrippe, Antibiotika. Warum tun Sie nichts...“ Sonnleitner blickt stur auf den Tisch, dann schreibt er etwas auf, vielleicht tut er auch nur so, vielleicht kritzelt er einfach vor sich hin. Er muss das jetzt aushalten. „Nichts ist passiert. Sie reden nur...“ Inzwischen schreit der Mann, er ist, das hört man deutlich, Österreicher. Irgendwann wird das Mikrofon abgestellt. Sonnleitner schaut auf, gelassen sagt er, der Bauernverband habe weder exekutive noch legislative Gewalt.

Es stimmt, er redet nur, Sonnleitner ist Lobbyist. Wenn es eng wird, kann er sich darauf berufen, nicht das letzte Wort zu haben. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Sonnleitners Verband hat Gewicht. Wenn es in Brüssel darum geht, welcher Bauer wie viel bekommt, macht Sonnleitner Druck. 58 Milliarden Euro sind es, die jährlich in die europäische Landwirtschaft fließen. Wenn sie auf dem Tisch liegen, muss Sonnleitner wach sein. Dann muss er fordern, drohen, blockieren, taktieren. Oft genug setzt er die Interessen deutscher Bauern durch oder die, die der Deutsche Bauernverband dafür hält. Immer wieder wird dem Verband vorgeworfen, Kleinbauern, Ökobetriebe und Milchbauern zu vergessen.

Der EU-Parlamentarier Martin Häusling sitzt für die Grünen im Landwirtschaftsausschuss, er sagt, für Sonnleitner sei Greening „Teufelszeug“. Ihm sei nicht daran gelegen, die Landwirtschaft ökologischer zu machen. So kritisiert der Bauernverband etwa die EU-Richtlinie für den Erhalt der Artenvielfalt. Es ist eines der wenigen Werkzeuge, mit denen die EU die Industrialisierung auf dem Land begrenzen kann.

Für Häusler ist Sonnleitner einer, der „so konservativ“ ist. Der musste sich so etwas zu Beginn seiner Karriere nicht anhören. Agrarpolitik war Klientelpolitik, von Bauern für Bauern. Außer den Landwirten interessierte sich kaum jemand für Felder und Ställe, der Hunger im Nachkiegsdeutschland war doch längst vergessen. Mit der BSE-Krise um 2000 änderte sich das schlagartig. Sonnleitner war gerade drei Jahre Bauernpräsident. Heute sagt er: „Vielleicht war das die schwerste Krise, weil wir da anfangs gar nicht wussten, woher der Erreger stammt.“ Weil ihre Kühe krank geworden waren, standen die Bauern plötzlich im Rampenlicht. Die Menschen wollten wissen, wo ihr Essen herkam und Gerd Sonnleitner sollte es ihnen erklären.

Als alles überstanden war, begann der große Umbau, die sogenannte Agrarwende. Ihre Ziele der neuen Landwirtschaftspolitik: weniger Masse, mehr Öko, mehr Verbraucherschutz. Eine Grüne sollte das machen, die neue Verbraucherministerin Renate Künast. Keine guten Zeiten für einen konservativen Bauernpräsidenten. Später warf man ihm vor, die Agrarwende zu blockieren.

Eins ist klar, nur ein Bauer mit einem guten Ruf, macht auch gutes Geld. Vor allem in Deutschland, wo die „German Angst“ grassiere, wie Sonnleitner sagt. In anderen Ländern seien die Menschen robuster und pragmatischer. Er könnte auch bäuerlicher sagen. Und die Grüne Woche, die am Sonntag zu Ende geht, wurde zu Sonnleitners wichtigster Plattform, um für den guten Ruf zu kämpfen. Sie wirkt wie ein mehrtägiger Werbeblock für die Branche und ist jedes Mal auch eine Schlacht um die Deutungshoheit. Wie soll die Landwirtschaft von morgen aussehen? Da wollen alle mitreden: Die Masttierhalter, die Umweltschützer, die Agrarindustrie, die Biobauern. Dazwischen steht Gerd Sonnleitner, ein Mann, von dem das Kunststück erwartet wird, für sie alle zu sprechen.

Ein begnadeter Redner ist der Bauernpräsident nicht. Seine Stimme klingt hell und ein wenig schnarrend. Eben erst hat Ilse Aigner gesprochen, die Journalisten haben noch ihr dunkles Grollen, die harten Konsonanten im Ohr. Sonnleitners Stimme erinnert nun an die von Edmund Stoiber, wenn er die Sätze langsam tappend bildet, hier und da ein „äh“ zwischen die Silben schiebt: „Das müssen wir ein-’äh’-sehen“, sagt Sonnleitner. Man fürchtet schon, ihn einen dieser endlosen Stoiber-Sätze sagen zu hören, der noch recht verständlich anfängt, dann aber vom Weg abkommt und sich im Nirgendwo der Gedanken verliert. Aber Sonnleitner passiert das nicht, er denkt viel zu sehr geradeaus. Das muss er, denn er hat eine Branche zu verteidigen, deren Ruf zuletzt schwer litt. Immer wieder gab es Skandale: Ehec, Dioxin, Vogelgrippe, massenhafter Antibiotika-Einsatz. Zu jeder Grünen Woche sei ein großes Problem hoch gekocht, erinnert sich Sonnleitner.

Es gehöre zu seinem Job, Angriffe auszuhalten, sagt Sonnleitner. Einer davon hätte ihn fast weggefegt, eine Auseinandersetzung mit den eigenen Leuten. 2009 putschten die Milchbauern gegen Sonnleitner, weil er sich dafür eingesetzt hatte, die europaweiten Produktionsbeschränkungen für Milch aufzuheben. Die Preise gingen in den Keller und die Milchbauern auf die Straße. In ihren Augen war Sonnleitner zum Verräter geworden, unbekannte sprühten das Wort sogar an die Wände in seinem Heimatort.

Niederbayern verfolgt ihn bis nach Berlin. Am Freitagnachmittag, auf dem großen Empfang im Palais am Funkturm: Zwischen all den Anzugträgern und Weinköniginnen stehen drei Jungbauern mit vom Bier geröteten Gesichtern. Schon von Weitem kann man ihre nackten Waden sehen. Auf der Einladung steht „dunkler Anzug“, sie tragen Lederhosen. Ihre Höfe, je 35 Hektar groß, liegen kaum 30 Kilometer von dem Sonnleitners entfernt, aber auf Nachbarschaftshilfe haben sie vergeblich gehofft. Nur für die Großbetriebe mache er Geld in Brüssel locker, sagen sie. „Der Sonnleitner hat sich dem Druck der Industrie gebeugt.“

Für Sonnleitner ist die Grüne Woche ein Dauerkampf. Zwölf Termine täglich, zwölf Runden, in denen er nur selten die Deckung sinken lässt. Gerade wartet Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel, zusammen sollen sie über den Erlebnisbauernhof in Halle 3.2 laufen. Ein Foto mit der Welthungerhilfe, ein Glas Honig vom Imker. Bevor der Minister sich an den Stallgeruch gewöhnt hat, ist er wieder weg. Sonnleitner bleibt, gleich kommt Gregor Gysi. Gestern saß Sonnleitner mit dem Bauernminister aus Mosambik zusammen. Demnächst wollen sich ein paar Mosambikaner in Süddeutschland ansehen, wie vorbildliche Kleinbauern wirtschaften. Bei Gerd Sonnleitner werden sie wohl nicht vorbeischauen, sein Hof zählt schon zu den großen.

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