Zeitung Heute : Der alte Europäer

Er spielt Eishockey für Obdachlose, schätzt die Uno, spricht perfekt Französisch. Und damit trifft John Kerry jetzt den Geschmack der Demokraten. Nach Iowa wird er wohl auch bei den Vorwahlen in New Hampshire siegen. Und die Republikaner wetzen schon ihre Messer.

Malte Lehming[Manchester (New Hampshire)]

Von Malte Lehming,

Manchester (New Hampshire)

Tor! Endlich! Die Fans springen von ihren Sitzen auf und jubeln. Der Ausgleich zum eins zu eins ist gefallen. Nach genau 7 Minuten 48 Sekunden hat John Kerry, im blauen Trikot mit der Nummer 04, den Puck ins Tor gelenkt. Später schießt er noch ein zweites Tor, der Hattrick allerdings gelingt ihm nicht. Etwa 2000 Besucher hat dieses Eishockeyspiel ins „JFK Coliseum“ nach Manchester im US-Bundesstaat New Hampshire gelockt. Der Eintritt ist frei, weil das Spiel zum Wahlkampf gehört. An den Eingängen zur Halle stehen große Plastikbehälter. Darin häufen sich Konservendosen. Die sollten die Zuschauer mitbringen, als Spende für die Obdachlosenheime in der Umgebung. Die Botschaft des Spektakels: Wer Kerry unterstützt, tut doppelt Gutes.

Im Dezember ist der langjährige Senator aus dem südlichen Nachbarstaat Massachusetts 60 Jahre alt geworden. Seiner Form merkt man das Alter nicht an. Damit ihn jeder erkennt, läuft Kerry zunächst ohne Helm mit den anderen Spielern auf dem Eis auf. Er ist schnell, beweglich, trainiert. Das dichte, grauweiße Haupthaar hat schon oft zu Toupet-Spekulationen verleitet. Es ist echt. Aus den Stadionlautsprechern tönt sein Lied. Es stammt von der Popgruppe U2, der Refrain verbreitet Frohsinn: „It’s a beautiful day“.Wo immer Kerry in diesen Tagen auftritt, wird dieses Lied gespielt. Auch Boxer legen sich gerne solche Erkennungsmelodien zu. Auf einem der vielen Plakate im Stadion steht: „Kerry is a fighter“.

Ein wahrer Kämpfer also, einer, der niemals aufgibt. Vor zwei Wochen noch war er abgeschrieben. Kein Mensch mehr wettete auf ihn. Kerry sei zu dröge, zu behäbig, zu sehr mit dem Establishment in Washington verflochten, hieß es. Viele Demokraten nahmen ihm übel, dass er für den Irakkrieg votiert hatte. Die Herzen der Wähler sowie deren Spendengelder flogen Howard Dean zu, dem zornigen Arzt aus dem westlichen Nachbarstaat Vermont. Doch vor einer Woche in Iowa wurde die Wende eingeleitet. Kerry siegte haushoch. Dean landete abgeschlagen auf Platz drei. Kopf statt Bauch, Vernunft statt Gefühl, Wählbarkeit statt Wut: Die neuen Einsichten der Demokraten haben sich seitdem rasch in New Hampshire ausgebreitet. Heute findet hier die zweite Runde der Vorwahlen statt. In den Umfragen führt plötzlich Kerry mit riesigem Abstand vor Dean. Bislang wurde jeder Kandidat, der in Iowa und New Hampshire gewann, am Ende auch nominiert. Fordert im November folglich der Hühne aus dem hohen Norden den kleinen Mann aus Crawford, Texas, heraus? Das darf inzwischen als wahrscheinlich gelten.

Kalte Pizza und warmes Bier

Wer ist dieser Wundermann? Kerrys Charakter hat viele Facetten. Da ist der Haudegen und Aktivist, der Skifahrer, Windsurfer, Eishockeyspieler, Motorradfahrer, Fallschirmspringer. Möglichst rau, möglichst hart müssen alle Hobbys sein. In seiner Jugend raucht er Haschisch, zieht in den Vietnamkrieg, wird drei Mal verwundet, rettet unter Einsatz seines eigenen Lebens das von Kameraden, hört auf dem Schiff, das er als Leutnant der Marine befehligt, in dröhnender Lautstärke die Musik von Jimi Hendrix, den Stones und Doors.

Dann kommt er zurück, enttäuscht und verbittert, entwickelt sich zum Kriegsgegner, wird Sprecher der Organisation „Vietnam Veterans Against the War“, führt im April 1971 einen spektakulären Protestmarsch bis vor die Stufen des Kapitols in Washington an. Aus dieser Zeit stammt ein Foto, das als Plakat heute über der Eingangstür zu seinem Wahlkampfhauptquartier in Manchester hängt. Darauf sieht Kerry aus wie der frühe Beatle George Harrison. Darunter, an eine Wand gelehnt, steht ein hölzerner Wegweiser. Er zeigt die Entfernung zu den wichtigsten Städten in New Hampshire. Das oberste Schild indes lautet: „White House: 513 miles“.

Da will er rein, will die „wichtigste Wahl unserer Generation“ gewinnen, will der „arrogantesten und unfähigsten Regierung in der modernen amerikanischen Geschichte“ ein Ende bereiten, will verhindern, dass „junge Amerikaner erneut zu Geiseln unseres Energiebedarfs im Nahen Osten“ werden.

All das verspricht Kerry seinen Anhängern an diesem bitterkalten Januartag, unmittelbar nach dem Eishockeyspiel. Rund 120 Kilometer von Manchester entfernt liegt die kleine Stadt Hanover. In deren Zentrum befindet sich das berühmte „Dartmouth College“. Das „Cook Auditorium“, das etwa 350 Personen fasst, quillt bereits eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung über. Seit Iowa hat sich die Zahl derer, die Kerry erleben möchten, in New Hampshire verzehnfacht. Im Gebäude dringen 400 weitere Menschen auf Einlass, davor harren noch einmal 200 aus.

Mit seinen bibbernden, gleichwohl euphorischen Anhängern draußen spricht der Kandidat, nachdem sein „Real Deal Express“ eingetroffen ist, als Erstes. Dann betritt er den Saal, einer der vielen Vietnam-Veteranen, die stets an seiner Seite sind, stellt ihn vor. Kerry trägt dunklen Anzug und hellblauen Schlips, am Abend wird er noch zu einem Gala-Dinner seiner Partei erwartet. Wahlkampf rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Er schlafe höchstens vier Stunden, ernähre sich von kalter Pizza und warmem Bier, erzählt Kerry. „Ich fühle mich wie in der Examenszeit an der Universität.“

Eine Viertelstunde nur dauert seine Rede, sie ist prägnanter und persönlicher geworden. Kerry hat, wie er offen zugibt, aus seinen Fehlern gelernt. Er hat sich Tricks bei seinen Rivalen abgeguckt, die deftige Bush-Schelte zum Beispiel oder die Psycho-Nummer, die in Aussagen gipfelt wie „Ihr habt die Macht, ohne euch kann ich es nicht schaffen, ich brauche eure Hilfe“. Die Wahl selbst wird zur Schicksalswahl erklärt, in der es um mehr als die Macht im Weißen Haus geht. „Ihr wählt nicht allein den Präsidenten der USA, sondern den Führer der Welt.“

Eine seiner Pointen funktioniert perfekt. Sie ist zu Kerrys Markenzeichen geworden. Als hoch dekorierter Vietnam-Veteran mit jahrzehntelanger Erfahrung auf dem Gebiet der Außen- und Sicherheitspolitik – plus der Tatsache, immer ein Demokrat gewesen zu sein, was ihn von Ex-General Wesley Clark unterscheidet –, sei er der Einzige, sagt Kerry, der Bush im November schlagen könne. Süffisant erinnert Kerry an den missratenen Auftritt des Präsidenten von Anfang Mai, als Bush auf einem Flugzeugträger gelandet war und vor einem Schild mit der Aufschrift „mission accomplished“, Mission erfüllt, posierte. „Dieser Präsident will die nationale Sicherheit zu seinem wichtigsten Wahlkampfthema machen“, höhnt Kerry. „Okay, ich kenne Flugzeugträger aus dem wirklichen Leben. Wenn er einem wie mir mit der nationalen Sicherheit kommen will, habe ich drei Worte für ihn, von denen ich weiß, dass er sie versteht: ,Bring it on!’“, frei übersetzt: „Nur her damit“. Seine Anhänger brüllen diese Pointe mit. Jeder weiß bereits, wann sie kommt. In ihr konzentriert sich die Hauptbotschaft des Kandidaten: Ich allein kann es schaffen. Wer Bush abwählen will, muss auf mich setzen. Seine Akzeptanz auf nationaler Ebene ist Kerrys wichtigstes Argument.

Kindheit in der Normandie

Doch es gibt noch den zweiten Kerry, den Einzelgänger und Eigenbrötler. Die Details aus seiner privaten Vergangenheit sind noch nicht lange bekannt. Sein Großvater, ein österreichisch-tschechischer Jude mit Namen Fritz Kohn, wanderte Anfang des Jahrhunderts ein. Kurz zuvor hatte er seinen Namen in Frederick Kerry geändert und war zum Katholizismus übergetreten. Offenbar wegen Geschäftssorgen verübte er 1921 in einer Hoteltoilette in Boston Selbstmord. Kerrys Vater Richard, ein Karrierediplomat, der lange in Europa stationiert war, hat mit seinem Sohn nie darüber gesprochen.

Die Zeit in Europa gehört zu Kerrys frühen Prägungen. Seine erste Kindheitserinnerung stammt aus dem Jahr 1947. Kerry war damals drei Jahre alt. „Ich hielt die Hand meiner Mutter, und sie weinte“, erzählte er vor einem Jahr einem Reporter, der ihn gefragt hatte, seit wann er sich für Politik interessiere. „Aber ich wusste nicht, warum sie weint.“ Er lief mit seiner Mutter durch zerbrochenes Glas, später verstand Kerry, dass es die Trümmer ihres Elternhauses in Frankreich waren. Das hatten die Nazis im Zweiten Weltkrieg als Quartier benutzt und zum Schluss einfach abgebrannt. Vier Jahre später spielt der kleine John zwischen verrottetem Kriegsgerät in Bunkern am Strand der Normandie. „Und dann lebten wir eine kurze Zeit in Berlin“, sagt Kerry, „mit den Kommunisten direkt auf der anderen Seite des Sektors. Für mich war der Kalte Krieg sehr real.“

Kurz nach dem Vietnamkrieg, im Jahre 1970, heiratet Kerry. Mit seiner Frau Julia hat er zwei Töchter. Doch Julia ist schwer depressiv. Über ihre Krankheit wird sie später ein Buch schreiben mit dem Titel „You are not alone“. 1983 trennt sich das Ehepaar, Kerrys politische Karriere beginnt, fünf Jahre danach wird offiziell die Scheidung vollzogen. Seit 1984 sitzt Kerry ununterbrochen als Senator von Massachusetts im Kongress. Anfang 1990 schließlich lernt er eine der reichsten Frauen Amerikas kennen, Teresa Heinz, die Witwe des Ketchup-Erben John Heinz. Auf eine halbe Milliarde Dollar wird deren Vermögen geschätzt. Für den hart arbeitenden Senator ist es wie ein zweiter Fühling. 1995 heiraten die beiden. „John war zwölf Jahre lang allein“, erinnert sich Frau Heinz, „er musste erst wieder lernen, wie man Dinge miteinander teilt.“

Kerrys Idol ist seit jeher John F. Kennedy. Er trägt dieselben Initialen wie der ehemalige Präsident – John Forbes Kerry – und zitiert diesen, so oft es nur geht. Edward Kennedy, der Senior Senator von Massachusetts, gilt bis heute als eine Art großer Bruder von Kerry, Spötter sagen: Er ist dessen Übervater. In Iowa und New Hampshire jedenfalls zeigt sich der 71-Jährige oft an der Seite des Kandidaten. Er hat ihm für den Wahlkampf sogar einige seiner besten Mitarbeiter zur Verfügung gestellt. Weil sich Kennedy, eine liberale Ikone der US-Demokraten, vorwiegend um Themen wie Gesundheit, Erziehung und Bürgerrechte kümmerte, blieben Junior Senator Kerry zur Profilierung vor allem die Bereiche Umweltschutz und Außenpolitik. Nun sollen die zufälligen Brosamen des politischen Geschäfts das Image des Kandidaten entscheidend bestimmen.

Hoch dekorierter Veteran, Politik-Profi und demokratisches Urgestein: Kann dieser Mann Bush schlagen? Neueste Umfragen machen der Opposition Mut. Doch die Republikaner haben mit dem Wetzen ihrer Messer erst begonnen. Kerry spricht fließend Französisch, schätzt die Uno, war auf den Umweltgipfeln in Rio und Kyoto, verteidigt vehement das Kyoto-Protokoll, hat gegen die Todesstrafe gestimmt, für das Recht auf Abtreibung, für strengere Waffenkontrollen, gegen den ersten Golfkrieg. Die enge Verbindung zu Edward Kennedy ist in den Augen amerikanischer Konservativer ein weiteres Manko.

Bald wird der Mann mit der „goldenen Biographie“ (New York Times) von seinen Gegnern aufs Ärgste attackiert werden. Denn trotz seiner Vietnam-Vergangenheit werden die Konservativen versuchen, Kerry als erzlinken Politiker zu porträtieren, der allenfalls in Europa den Geschmack der Masse trifft, nicht aber in Amerika. Sich dagegen zu verteidigen, verlangt Ausdauer und Überzeugungskraft. „Bring it on“: Jener trotzige, mutige Schlachtruf des Kämpfers hat die Demokraten zwar geeint, aber die derzeitigen Machthaber provoziert. Sollte Kerry nach dem 3.Februar, dem Mini-Super-Tuesday, an dem in sieben weiteren Bundesstaaten gewählt wird, immer noch der „Frontrunner“ sein, erfolgt der geballte konservative Gegenschlag.

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