Zeitung Heute : Der Anfänger

Am Donnerstag wird ein Ex-Trotzkist, Ex-Grüner, Ex-Parteiloser als Berliner Wirtschaftssenator vereidigt. Harald Wolf hat einiges hinter sich. Wohin soll das noch führen?

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Von Rico Czerwinski

Was macht er da nur. Steht vor den Trümmern einer Vergangenheit ohne Ende und redet von einer Zukunft, die schon heute Geschichte ist. Es ist einer der letzten Tage von Harald Wolf als Fraktionschef der PDS im Abgeordnetenhaus. Er besichtigt Berlin und versucht, entspannt dabei auszusehen.

Kein Schiff und kein Mensch am Osthafen der Stadt. Nur drei alte Kräne und hinter den Wellen 40 000 Quadratmeter Speicheranlagen, vorsichtig renoviert. Sie stehen da und warten. Auf Schreibtische, Menschen, Computer, warten da seit Jahren schon, aber nicht mehr lange. Nicht mehr lange, dann werden Unternehmen kommen, da ist er sicher, und es werden Unternehmen aus der Kultur- und der Medienwirtschaft sein. Sie werden dem Charme der Stadt erliegen, ihren Standortvorteilen und dem Wind, der aus ihren Hinterhöfen weht, wo junge Künstler täglich das Leben neu erfinden. Die Unternehmen werden Arbeitsplätze bringen und Steuern und einen Aufschwung, und die Stadt wird sie mit offenen Armen empfangen. Mit kurzen Entscheidungswegen und freundlichen Beamten. Mit einem Wirtschaftssenator, der ihre Sorgen teilt und ihnen den Umzug auch mal mit einem Zuschuss erleichtert. Weil, sagt er, so ein Umzug kostet ja auch, er ist eine schwierige Investitionsentscheidung. Und zum Glück ist der Wirtschaftsetat ja immer noch hoch, ziemlich hoch jedenfalls, mehr als 1,3 Milliarden. Und das kann natürlich nur die letzte Möglichkeit sein, sagt er, vorher muss man natürlich mit anderen Pfunden wuchern, und dann schweigt er. Und außer den 40 000 Quadratmetern leerer Büroflächen und den alten Kränen und dem Wind ist da nichts am Osthafen, ist da nur große Stille.

Das Haus an der Gneisenaustraße in Kreuzberg sieht noch genauso aus. Genau wie damals vor elf Jahren, als er dort ausgezogen ist, weil ihm alles auf die Nerven ging. Das WG-Leben, die Unruhe, die U-Bahn, die zwei Stockwerke tief unter seinem Bett in die Kurve fuhr. Das Haus ist vielleicht ein bisschen grauer geworden und ein schmiedeeisernes Gitter schützt nun die Tür zur Straße. Davon abgesehen könnten jetzt genauso gut Bärbel Bohley und Jens Reich an ihm vorbeilaufen und die Treppe hinaufsteigen, sich in die Küche setzen. Das würde zu dem Haus passen. Und auch er könnte, theoretisch, hinterhersteigen und es würde vielleicht ein bisschen so sein wie damals, als er noch in der Alternativen Liste war und sie dort oben an dem Projekt einer gesamtdeutschen Bürgerrechtspartei herumgedacht hatten. Man würde einen Kaffee trinken und sich unterhalten. Man würde sich doch unterhalten, oder nicht? Wahrscheinlich hätte er jetzt sowieso keine Zeit. Er bleibt noch einen Moment vor dem Haus stehen und weiß nicht genau, was er sagen, wohin er sehen soll.

Das gute Leben

Wenn er heutzutage nach Kreuzberg kommt, dann vor allem, um einzukaufen. Am liebsten in der Markthalle am Marheinekeplatz. Dort gibt es einen Gemüsestand, an dem er häufig einen guten Rucola kauft. Es gibt einen französischen Käsestand, den er empfehlen kann, und den Italiener findet er auch sehr lecker. Er mag gerne gut leben, sagt er, und: „Das ist doch der Sinn von Sozialismus, ein gutes Leben.“

Die Verkäuferinnen in der Markthalle sitzen an diesem Nachmittag ziemlich gelangweilt vor ihren Ständen herum. Das ist normal in diesem Sommer in Berlin und noch gar nichts gegen ein paar andere Plätze, die Markthalle in Moabit zum Beispiel. Auch der Wurstverkäufer vorm Baumarkt wandte sich neulich an ihn und beklagte, dass die Leute kein Geld mehr hätten. Diese Klage, sagt er, sei ihm ziemlich plausibel vorgekommen, eben die konjunkturelle Lage. Eine auf ihn zukommende schwere Verantwortung als Wirtschaftssenator habe er in diesem Moment jedoch nicht gefühlt. Das sei ja nun eine klar staatssozialistische Vorstellung, dass einer für alles verantwortlich ist. Und staatssozialistische Vorstellungen lehne er ab. Das sei schon immer so gewesen, auch schon in den 70er Jahren, als er noch einer Vereinigung angehörte, die von Leo Trotzki fasziniert war und sich „Gruppe Internationaler Marxisten“ nannte.

Das war ja nun nichts Besonderes gewesen. Nichts Besonderes für die Zeit und die Umgebung, in der er sich damals bewegte. Er war ja noch Schüler, als er zum ersten Mal mit Trotzkisten in Berührung kam, 16 Jahre alt, Barzel und Mende attackierten im n der Vertriebenenverbände Willy Brandt als „Vaterlandsverräter“, in Chile putschte sich ein menschenverachtendes Regime an die Macht und Amerika bombte Vietnam in die Urgesellschaft zurück. Sozialistisches Gedankengut war der Mainstream an seiner Schule, in seiner Stufe gab es zwei Klassen: Eine, die maoistisch war und eine trotzkistische, und er war, wie gesagt, in der trotzkistischen, denn Sozialismus hatte seiner Meinung nach mit Demokratie zu tun. Mit mehr Demokratie.

Eines Tages kam seine Klassenlehrerin in den Raum und sagte: „Ich glaube, diese Klasse muss mal gesäubert werden.“ Am Tag zuvor hatten ein paar Jungs aus der Klasse herumrandaliert in der Stadt in Hessen, in der er zur Schule ging. Rodgau. Als die Lehrerin am Tag nach dem Satz in den Klassenraum kam, fand sie die Schüler mit Besen und Wischlappen vor. Sie säuberten dann sorgfältig die Klasse, Unterricht konnte sie keinen machen, und das verdankte sie ihm. Er hatte was gegen Wörter wie „Säuberung“ im Zusammenhang mit Menschen, und er war der Meinung, dass man „Verantwortung für den gesellschaftlichen Zusammenhang übernehmen“ musste, in dem man lebte. Das tat er später, als er schon nach Berlin gezogen war und Politikwissenschaften an der Freien Universität studierte, indem er morgens um sechs vor den Werktoren der hier ansässigen Industriebetriebe stand. Bei BMW in Spandau zum Beispiel, mit Flugblättern in der Hand, auf denen er zum Arbeitskampf und zur Hartnäckigkeit bei Tarifverhandlungen aufforderte. Das war eben so die Zeit damals. Und so war er.

Es geht weiter in Richtung Friedrichshain, im ausgeliehenen Kleinwagen. Er ist noch im Urlaub und sein Fahrer deshalb auch, mit dem Audi A6. Der steht ihm als Fraktionsvorsitzendem zu. A6, ein angenehmer Wagen. Er sagt: „Man darf ja nicht vergessen, dass so ein Dienstwagen auch der Arbeitsplatz eines Menschen ist. Meines Fahrers.“ Der müsse sich schließlich manchmal zehn oder zwölf Stunden darin aufhalten.

Dann kommt man auch auf Peter Dussmann zu sprechen. „Ach ja, der Herr mit den Krawatten.“ Der sich am Abend nach seiner Nominierung auf allen Sendern, in jeder Zeitung, über seine glanzlose Erscheinung beschwert hat. Worauf man bald im Fernsehen darüber sprach, dass er immer so unrasiert aussah. „Da hat uns der Herr Dussmann doch ein schönes Sommerlochthema beschert. Ich freue mich schon auf die vielen Krawattengeschenke.“ Dann versucht er zu lächeln, aber so richtig klappt es nicht. Die Leute, mit denen er früher zu tun hatte, hatten andere Probleme, als sich über sein Aussehen aufzuregen.

Puppen an Fäden

Einer von diesen alten Bekannten hat vor einiger Zeit ein paar Sätze über ihn geschrieben, in einem Magazin, das „Kalaschnikow“ heißt. Die Überschrift lautet „Von M.M., P.P. und Wölfen – über Mitmachen im heutigen Herrschaftssystem“, womit neben anderen auch er und sein Bruder Udo, der heute stellvertretender Vorsitzender der PDS in Berlin ist, gemeint sind. Er, Harald, sei „ein Strippenzieher“, schreibt da ein gewisser Fritz Teppich, einer, der stets Puppen an unsichtbaren Fäden tanzen lasse, „fatal für alles Progressive und alle Progressiven im Land“. Ein „undurchsichtiger Vielfachwechsler“, „erst (von wo?) zur GIM, dann von der GIM zur AL, nach Jahren von der AL als Parteiloser in die PDS-Fraktion des Abgeordnetenhauses“. Wenn Wolf an diese Angriffe denkt, presst er seine Lippen noch ein bisschen fester zusammen, als er das sowieso schon immer tut. Er schweigt ein paar Sekunden und sagt : „Was der damit meint? Das müssen Sie ihn schon selbst fragen. Ich habe wirklich keine Lust, das zu interpretieren.“

Kurz darauf hat er es sich anders überlegt. „Was ich mir vorstellen könnte, was der damit meint: Dass ich eine Partei nie als politische Heimat begriffen habe. Das ist doch das Missverständnis, das viele Leute haben. Eine Partei ist nichts, wo man’s gemütlich haben kann. Viele wollen doch dort nur das deutsche Vereinswesen pflegen. Für mich ist eine Partei ein Mittel zur Erreichung eines politischen Zwecks.“ Und dann kommt langsam die Zerrissenheit des Harald Wolf zum Vorschein. „Das ist jetzt wirklich schade, dass Sie nicht wissen, wer Fritz Teppich ist. Fritz Teppich hat im Spanienkrieg gekämpft, davor habe ich Respekt. Nur hat er sich leider nie von stalinistischen Positionen lösen können. Von dem ziehe ich mir diese Kritik wirklich nicht an.“ Strippenzieher. Vielfachwechsler. Das ist etwas, mit dem man ihn treffen kann. Auch heute noch.

Gerade heute. Harald Wolf will nach eigener Aussage „zwölf Jahre nach dem Abschied vom Ostberliner Staatssozialismus den Abschied vom Staatskapitalismus Westberliner Prägung organisieren“. Ein Satz, dem auch Günther Rexrodt öffentlich zustimmen würde. Er will „eine zeitgemäße Wirtschaftspolitik machen“. Eine, wie sie in groben Zügen wohl auch seine alten politischen Gegner machen würden, wenn sie zufällig an seiner Stelle wären. Er will mit Ansiedlungen punkten, die Stimmung in der Stadt heben, die Verwaltung verschlanken, Forschung und Wirtschaft zusammenbringen. Denn eine sinnvolle Alternative dazu gibt es nicht. Und eine richtige Vision für Berlin hat auch er gerade nicht in der Tasche.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch ein paar Unterschiede zwischen ihm und einem Günther Rexrodt. Es gibt ein paar Sachen, die ihm wichtig sind. Es geht um Flüchtlinge, die zu illegaler Beschäftigung getrieben werden. Um Bezahlung unter Tarif und um längst überholte Arbeitszeitmodelle. Er will das alte Thema der Hausarbeit wieder aufgreifen und dafür werben, die in den letzten Jahrzehnten ständig gestiegene Produktivität in Freizeit umzusetzen. Er will ganz allgemein „etwas gegen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen tun“. Denn die gibt es in Berlin, sagt er, und nicht nur auf Baustellen. Der Alltag eines Wirtschaftssenators könne doch nicht darin bestehen, solche Verhältnisse zu rechtfertigen. Auch wenn das altmodisch klänge, er habe keine Probleme damit, schon mal öffentlich zu sagen: „Ich möchte gegen Verhältnisse angehen, in denen Menschen erniedrigte und beleidigte Wesen sind.“ Das ist doch immer noch seine Maxime.

Oder nicht? Vielleicht ist er da inzwischen selbst nicht mehr sicher. Er muss jetzt erstmal sehen, wie er mit den Berliner Unternehmern zurechtkommt. „Wahrscheinlich“, sagt er, „werden die gar nicht so entsetzt über mich sein. Ich kenne hier eine Menge fortschrittlicher Unternehmer. Wirklich!“ Er sagt, dass er nichts von Pessimismus halte, zitiert den alten italienischen Kommunisten Antonio Gramsci, der den „Optimismus des Willens“ und den „Pessimismus des Verstandes“ predigte. Doch Gramsci sagte auch, dass Optimismus nie völlig losgelöst von der Realität existieren könne.

Zwei Wünsche

Er ist am Ende des Ausflugs angekommen. Er steht in einer neuen, ruhigen Reihenhaussiedlung am Rande Friedrichshains, wo er seit einem halben Jahr mit seiner Frau Birgit lebt, die Unternehmerin in der Reinigungsbranche ist. Er sagt, die Herausforderung seines Amtes bestehe darin, die eigenen Ideale nicht aufgeben zu müssen und gleichzeitig eine Wirtschaftspolitik zu machen, die gut für die Stadt ist. Er möchte doch einfach erfolgreich sein und er möchte, dass am Ende noch etwas von ihm übrig bleibt.

Und in dem unwahrscheinlichen Fall, dass er einmal zwischen den Erfordernissen seines Amtes und seinen Überzeugungen wählen muss, will er sich ganz bestimmt zugunsten seiner Ideale entscheiden. Doch ab Donnerstag wird Harald Wolf Wirtschaftssenator sein und vielleicht ist die Medien- und Dienstleistungszukunft Berlins, auf die ernoch hofft, schon heute Geschichte.

Was macht er da nur.

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