Zeitung Heute : Der Anfang der Bescheidenheit

TISSY BRUNS

Eine Bücherwand, lauter gediegene alte Bände, davor der Kanzler.Ein großer Konferenzsaal in Berlin, viele mächtige Männer, im Zentrum der Gespräche Gerhard Schröder.Die blau-rote Pressebühne in der sozialdemokratischen Parteizentrale, darauf der künftige Parteichef - nunmehr allein Herr im Haus.Fünfzehn Tage im März.Sie wiegen schwerer als die hundert Tage des mißglückten Beginns.

Gerhard Schröders Ansprache vor der Bücherwand galt dem Kosovo, seine Gespräche in Berlin Europa, der Auftritt im Ollenhauer-Haus der SPD.Schröder auf der einsamen Höhe der Macht, in den Niederungen der europäischen Millimeter-Verhandlungen, der Hölle des Krieges.Da soll ein Kanzler nicht gefallen.Er darf, wie der amerikanische Präsident mit seiner Kosovo-Ansprache, bewegen.Schröder hat dabei nicht jedem gefallen, viele auch nicht bewegt.Er hat jedoch überzeugt.Vor allem mit seiner Rede zum Krieg, denn sie hat dem wichtigsten Maßstab genügt, der in dieser Situation anzulegen ist: Sie war angemessen.

In den fünfzehn Tagen zwischen Oskar Lafontaines Rücktritt und dem Berliner Gipfel spürt man es bei Schröder und seiner Regierung nun doch: das Gefühl für das richtige Maß, das in den ersten hundert Tagen so vollständig gefehlt hat.Als Rückzug des letzten Linken hat Lafontaine seinen Ausstieg inszeniert.Doch wer so geht, hat nicht in der Hand, welche Bilder und Legenden am Ende haften bleiben.Kann es sein, daß dieser merkwürdige Abschied in Wahrheit die Trennung der Linken von ihrer größten Schwäche ist? Lafontaine jedenfalls hat den linken Hang, das Prinzip Hoffnung willkürlich und leichthin mit dem Prinzip Hochmut zu verwechseln, wie kein anderer verkörpert.Und so waren auch die ersten hundert Tage der Regierung Schröder: Sie hat sich aufgeführt, als ob jedes Experiment erlaubt sei, wenn man nur die Macht hat.Jeder hat einen Beitrag dazu geleistet: Schröder als Cashmere-Kanzler, der allenfalls die Notbremse gezogen hat, wenn seine Genossen die Schrauben und Schräubchen beim Arbeitsrecht noch fester ziehen wollten.Lafontaine als Träumer von einer neuen Weltfinanzarchitektur, der überzeugende Zahlen schuldig geblieben ist, als die Versicherungs- und Energiewirtschaft beim Kanzler protestierte.Trittin mit seinem dickköpfigen Ausstieg, Fischer mit seinem Erstschlags-Vorstoß.

In diesen fünfzehn Tagen hat sich - wenn auch mancher nur versehentlich - selbst der letzte Grüne von der Idee getrennt, daß die Regierungskoalition ein Projekt von höheren Weihen ist.Mit scherzhaftem Ernst ruft Fischer im Bundestag den alten Kanzler zu Hilfe, um der Opposition klarzumachen, was in Europa geht - und was vor allem nicht geht.Der als Partylöwe und Bruder Leichtfuß kritisierte Schröder ist nun der erste Bundeskanzler, der deutsche Soldaten in den Kampf schicken muß.Eine Zäsur für das Land, erst recht für die beiden Regierungsparteien, die sich gegen Deutschlands neue Rolle lange gesperrt haben, fast so lange, bis der Ernstfall da war, für den sie jetzt die Verantwortung tragen.

Fünfzehn Tage im März: der Anfang der Bescheidenheit.Die rot-grüne Regierung kann mit dem Handwerkszeug und der Mentalität der alten Linken nicht werden, was sie doch sein will: Neue Mitte.Wohl aber mit deren Träumen und Irrtümern.Schröder, überhaupt die rot-grünen Politiker seiner Generation, mußten im Nachhinein öfter schon eingestehen, daß sie sich schlicht und einfach geirrt hatten.Die Macht kann lehren, was die linken Oppositionspolitiker nur schwer lernen wollten: Mäßigung.Es ist eben nicht alles erlaubt, wenn man nur die Macht hat.Im Gegenteil: Dann trägt man die Verantwortung, und die setzt jedem Hochmut enge Grenzen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben