Zeitung Heute : Der Anfang vom Lied

Letztes Jahr noch unbekannt, nun füllen sie Hallen: Tokio Hotel. Es gibt einen Mann, dem sie das verdanken

Jeannette Krauth[Erfurt]

Da steht er, Bill, der Elf, auf der ersten Stufe zur Bühne der Thüringenhalle. Noch kann ihn keines der Mädchen sehen, die sich zu Tausenden in der Halle drängeln und kreischen. Die anderen von der Band sind schon oben und spielen. Bill schaut konzentriert hinauf. Gleich wird er die ersten Zeilen singen, backstage, dann hinauflaufen, und dann ist in Erfurt die Hölle los. Sekunden, bevor er tief Luft holt für den ersten Ton, wirkt er wie ein Fabelwesen. So ein feines Näschen, so ein schmales Kinn, so glatte Haut.

Er greift einige Haarsträhnen unter dem Kragen der Lederjacke, wirft sie nach hinten, singt die ersten Worte von „Jung und nicht mehr jugendfrei“, mit fünf Schritten ist er auf der Bühne, und plötzlich erinnert nichts mehr an das Porzellangesicht. Aus dem Kind ist ein Rockstar geworden, wenn auch mit viel zu langen Armen und Beinen. Da wird schon das erste Mädchen in den Sanitätsraum geführt. Rot ist sein Gesicht, weiß die Haut um den Mund. 191 Mädchen werden an diesem Montagabend kollabieren.

So ist das bei Tokio Hotel immer. Im Juli 2005 haben sie ihre erste Single veröffentlicht. „Durch den Monsun“ schoss sofort auf Platz eins der Charts. Tokio Hotel machen Lieder, die Titel tragen wie „Schrei“ oder „Ich bin nicht ich“. Es sind die Themen pubertierender Jugendlicher. Sich fremd fühlen, ausbrechen wollen, vorgetragen von Jungs zwischen 16 und 18: Bill und Tom, die Zwillinge, und Georg und Gustav. Im Sommer vergangenen Jahres haben sie noch auf kostenlosen Festivals wie „Stars for free“ in Nürnberg vor 30 Leuten gespielt. Nun füllen sie Hallen mit 9000 Menschen, Donnerstagabend zum Beispiel das Velodrom in Berlin. In extrem kurzer Zeit wurden sie Stars, bekamen Preise, den Bambi, den Comet vom Fernsehsender Viva, für den Echo, der am Sonntag verliehen wird, sind sie nominiert. 400 000 Alben, 100 000 DVDs und 200 000 Konzertkarten haben sie verkauft. Sie sind auf Tournee, hatten vorher jeweils mittelgroße Hallen gebucht, bald aber mussten die Konzerte in die allergrößten verlegt werden.

Im Seitengang, der für die Johanniter reserviert ist, steht während der Show der Entdecker. Peter Hoffmann heißt er. Er ist Musikproduzent. Das erste Marianne-Rosenberg-Album nach dem Imagewechsel hat er produziert, ebenso Falcos Rückkehr-Hit „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ . Mit Vicky Leandros hat er auch gearbeitet. Er macht alles. Pop, Elektro, Rock und Schlager. Das ist ungewöhnlich. Die richtig Großen, die sind fast alle spezialisiert, wie Frank Farian oder Ralph Siegel. Aber so ein Großer war er nicht, bis jetzt, bis Tokio Hotel. Er selber sagt, nur mit einem Musikstil zu arbeiten, das wäre nicht seins: „Ich bin einfach zu neugierig.“

Dass der Mann überhaupt hauptberuflich Musik macht, das hat übrigens mit einem Kinderbuch zu tun; mit Michael Endes „Momo“. Hoffmann las es Wochen vor seinem zweiten Staatsexamen als Lehrer. „Da sah ich: Das Einzige was du in diesem Leben hast, ist Zeit.“ Und das Einzige, was er damit tun wollte, war Musik machen. Er fand sich als Keyboarder selbst nicht gut genug für eine Profikarriere. Deshalb sollte es ein Job hinter der Bühne sein. Hoffmann kündigte beim Gymnasium und suchte sich Arbeit bei einer kleinen Produktionsfirma.

Und nun hat er also eine Marktlücke gefunden. Er hat den Acht- bis 14-Jährigen ihre eigenen Stars gegeben. So ein Phänomen gab’s in Deutschland bisher nur einmal, mit den Teens; die Berliner Band hatte Anfang der 80er Jahre fünf Millionen Platten verkauft. Peter Hoffmanns neueste Idee heißt: Tokio Hotel wird international. Gerade erst hat er ihren Hit „Durch den Monsun“ mit der Band auf Japanisch aufgenommen.

Am Nachmittag. Bis zum Konzert dauert es noch zwei Stunden. Draußen fallen dicke Flocken, drinnen sitzt Peter Hoffmann im Catering-Bereich hinter der Bühne, eine Karte mit seinem Passbild um den Hals, und isst Lammragout und Couscous. Er ist 52 Jahre alt, er trägt eine randlose Brille und Grau: Cordhose, Socken, Schuhe, alles – aber dafür ein Jackett mit angenähter Kapuze. Wäre nicht Konzert, säße er um diese Zeit in seinem Studio im Dorf Vögelsen, Niedersachsen. „Capellmeister“ heißt es. Von morgens acht bis abends elf mischt er dort Beats, nimmt Lieder auf, hört Demotapes, unterbrochen von zwei blauen Stunden abends, für die er über den Hof zum Haus geht, wo drei Töchter, Frau und Katze Pünktchen warten. Deutschlands Jungstars werden auf einem Bauernhof groß gemacht.

Was Produzenten zu tun haben, ist nicht klar definiert. Im Prinzip geht es darum, Musiker und Songschreiber zusammenzubringen, aufzunehmen, abzumischen und das Ergebnis dann Plattenfirmen anzubieten. Manche Produzenten texten auch, andere begleiten ihre Bands auf Tournee und sind dann Ansprechpartner für Konzertveranstalter und Hallenmanagement. Bei Tokio Hotel hat Hoffmann allerdings Hilfe: drei befreundete Produzenten. Zwei schreiben, einer macht die Werbung, Hoffmann kümmert sich vor allem um Auslandsvermarktung.

Damals, als er Tokio Hotel zum ersten Mal sah, dachte er: „Zwick mich einer, die sind ganz groß.“ Das war 2003, im Jugendklub „Im Gröninger Bad“ in Magdeburg. Hoffmann war auf Verwandtenbesuch und dachte, fahr ich doch mal vorbei, wenn dieser Junge aus „Star Search“, dieser Bill Kaulitz, da spielt; „Star Search“ war eine Fernsehshow, in der Kinder vorsingen mussten. Er kam also rein ins „Gröninger Bad“, damals hießen die Jungs noch Devilish, und „im Kleinen passierte da genau das, was jetzt auf den großen Konzerten los ist“, sagt Hoffmann. „Vorne kreischende Mädchen, hinten pogende Jungs.“ Es war einfach Glück, die Band zu finden, sagt er. Nicht wie damals bei den Lollipops, die er genau auf die Marktlücke hin geplant hatte: eine Band für Grundschul- und Kindergartenkinder. Drei goldene Schallplatten und einmal Platin haben sie ihm seit 2000 gebracht. Aber die Lollipops gibt es schon in der dritten Generation, immer zwei Mädchen. Austauschbar sind sie, deshalb gibt es auch keinen Starkult um sie.

Nach dem ersten Treffen im Jugendklub hat Hoffmann die vier Jungs ins Studio eingeladen. Er hat Fotos gemacht, erste Musikaufnahmen und den Eltern geraten: „Besorgt euch einen Anwalt.“ Dann hat er Plattenverträge ausgehandelt. Die Plattenfirma – Universal, es ist die zweite, nachdem Sony zuvor schon einen Vertrag mit Tokio Hotel hatte, die Band dann aber wieder ziehen ließ – wiederum kontaktierte die „Bravo“, und die machte 25 Titelgeschichten. Über anderthalb Jahre wurden die Jungs fit gemacht. Gustav lernte nach dem Metronom Schlagzeug zu spielen, Bill ging zum Stimmarzt, es gab Interviewtraining und ein Bandname wurde gesucht; heute weiß keiner mehr so recht, wer die Idee mit dem Hotel hatte. Manche Lieder der Jungs wurden umgeschrieben, von manchen blieb nur noch der Refrain übrig, was Hoffmann nicht so gerne erzählt, „aber alles in Absprache, wir diskutieren oft über ein einziges Wort“.

Die Arbeit macht ihm Spaß, sagt Hoffmann. Bei Erwachsenen sei er im besten Fall „der Schneider, der ein neues Kleid näht“. Nun aber will er etwas wachsen sehen, sagt er, ohne Drängen. Die Band und deren Familien würden abgeschirmt, Ruhetage eingehalten – am nächsten Tag sei zum Beispiel einer, dann Konzert in Hamburg, Donnerstag also Berlin, dann wieder frei. Er will nicht dastehen als einer, der Kinder ausbeutet, um Geld zu machen. Wichtig sei, dass sie in sich selbst sicher seien. „Sonst haben wir später einen Rex Gildo, der aus dem Fenster springt, oder einen Roy Black, der herzkrank wird.“

Hoffmann lehnt wieder im Seitengang neben der Bühne, das Konzert läuft. Komisch fühlt er sich hier nicht, so unter Kindern. „Seltsam finde ich es eher auf Partys von gleichaltrigen Freunden“, sagt er. „Immer noch die Lieder von damals, ach, ich weiß nicht.“ Vorn auf der Bühne kündigt Bill ein Lied an: „Wir fanden das ziemlich beschissen, als sich unsere Eltern getrennt haben“, und dann singt er „Gegen meinen Willen“, ein Lied über Scheidung. Hunderte Mädchen singen mit, schreien, wie ätzend sie Trennungen finden, während Papa sie auf den Schultern trägt, Mama den Rucksack hält. Wie viele Bands singen über den Schmerz, wenn die Eltern sich trennen? Das ist Tokio Hotels Lücke.

Drei Dinge brauchte es, um den Boom auszulösen. Erstens: ganz junge Musiker, die erstmals auch das Gefühl ihrer Generation ausdrücken, denn ein Generationengefühl, das gibt es nicht erst ab 20. Zweitens: einen, der weiß, wie man so etwas vermarktet. Drittens: ein Treffen beider.

Als es vorbei ist, für diesen Abend, um kurz nach neun, da sitzen die vier Jungen hinter der Bühne und schaufeln überbackene Nudeln in sich hinein, still, hungrig. Tom hat die Kappe gewechselt, blau statt weiß jetzt, und Bill hat sich eine Sonnenbrille in die Haare geschoben. Er grinst selig. „Na, Jungs“, sagt Peter Hoffmann. „Hey, wie siehst du denn aus, auf deinem Ausweis!“ sagt Georg und lacht.

Peter Hoffmann sagt, er muss sich oft selbst daran erinnern, wie jung die sind. Dass er das eigentlich nur dann spürt, wenn sie sich untereinander unterhalten. „Urst geil“ hat er zum Beispiel von ihnen gelernt, es heißt großartig. „Ach, Georg“, sagt Hoffmann noch, „gut gemacht“, und lässt die Jungs weiter schaufeln. Wie eine Jugendmannschaft im Fußballheim nach dem Spiel.

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