Zeitung Heute : Der Anwalt und die Dialer

Die Kanzlei Gravenreuth ist berühmt für Markenrechts-Verfahren. Dass der Sozius von fragwürdigen Internet-Seiten profitiert, passt nicht dazu

Cay Dobberke

Ausgerechnet der Sozius der auf Markenrecht spezialisierten Münchener Anwaltskanzlei Gravenreuth verdient indirekt an einer Reihe dubioser Internetadressen, die geschützte Markennamen enthalten und als Lockmittel für teure Einwahlprogramme dienen. Denn Rechtsanwalt Bernhard Syndikus ist auch Geschäftsführer zweier Firmen aus der Dialerbranche, darunter die Global Netcom. Nach Tagesspiegel-Informationen werden die Dialer auf fragwürdigen Internetseiten eingesetzt, gegen die Konzerne wie Microsoft und der Verlag Axel Springer rechtliche Schritte prüfen. Aber Syndikus verdient nicht nur Geld mit Dialern, sondern fungiert überdies als Anwalt des Seitenbetreibers.

Der Mandant und Kunde ist der Münchener Unternehmer Mario Dolzer. Er besitzt unter anderem die Adressen „internet-explorer-download.de“, „windows-media-player- download.de“ und „bild-sonntag.de“. Ohne Dialer sind die Inhalte der Seiten nicht nutzbar. Erst damit gelangt man in die „Hilfe-Foren“. Allerdings haben die Tipps nicht zwangsläufig etwas mit Microsoft oder der Zeitung „Bild am Sonntag“ zu tun.

Der Inhaber der Kanzlei, Günter Freiherr von Gravenreuth, gilt unter Kritikern als der „Abmahnkönig“ des Internets. Am bekanntesten wurden Auseinandersetzungen um die gängigen Begriffe „Explorer“ und „Webspace“, die Gravenreuth für Mandanten als Marken beanspruchte – allerdings erfolglos. Wegen „Webspace“ forderte die Kanzlei auch von einem minderjährigen Seitenbetreiber beziehungsweise dessen Vater eine Unterlassungserklärung und rund 566 Euro Abmahnkosten. Das Landgericht München wies eine spätere Klage jedoch ab und rügte die „Serienabmahnung zum Zwecke des Geldverdienens“ (Az.: 9 HK O 14840/99).

Das Treiben des Mandanten Dolzer hat nun Folgen. Die Seiten „taz-e.de“ und „realplayer-download.de“ gingen nach einer Tagesspiegel-Anfrage bei der Kanzlei Gravenreuth außer Betrieb, noch bevor die gleichfalls informierten Markenrechtsinhaber einschreiten konnten. Die Chefredaktion der „taz“ hatte eine Überprüfung eingeleitet, sieht nun aber keinen Grund zum Handeln mehr.

Die Seiten „nokia-siemens.de“ und „bild-t-online.info“ wechselten über Nacht den Besitzer. Nun grüßt dort Josef P. aus München auf seiner „privaten Homepage“.

Die offensichtlich nach dem Microsoft-Programm NetMeeting benannte Adresse „net- meeting-download.de“ verschwand zwar, aber Dolzer behielt eine fast identische – mit einem Bindestrich weniger.

Anwalt Syndikus teilte in Dolzers Auftrag mit, den „Domaininhaber auf eventuelle Risiken hingewiesen“ zu haben. Syndikus schreibt weiter, er habe die Adressen nicht gekannt. Er könne und dürfe nicht „sämtliche Aktionen eines Mandanten überwachen“. Ebenso wenig könne die Global Netcom einem Kunden etwas vorschreiben, so lange sich dieser an die Gesetze halte.

Kanzlei-Inhaber Gravenreuth äußerte sich nicht zu den Aktivitäten seines Sozius. Dieser leitet außer der Global Netcom auch die Dialerfirma „Consiliere New Media“. Beide Unternehmen verdienen an Handylogos, Klingeltönen und Erotikangeboten. Laut Handelsregister sind die Firmen in Wetter (Ruhr) ansässig. Als Geschäftszweck werden „Telefon-, Internet- und Servicedienstleistungen aller Art“ beziehungsweise „alle Telekommunikationsdienstleistungen im Zusammenhang mit dem Internet“ genannt. Syndikus sieht keinen Konflikt mit seiner Anwaltstätigkeit. Die Global Netcom sei „seriös“ und die Zugangssoftware „ein anerkanntes Zahlungssystem“. Es gebe kaum noch „schwarze Schafe“ in der Branche.

Doch der Microsoft-Konzern mag es gar nicht, wenn seine Markennamen für fremde Internetseiten verwendet werden. Die deutsche Niederlassung leitete Hinweise des Tagesspiegel an die Regulierungsbehörde für Telekom und Post sowie an die US-Firmenzentrale weiter. Auch der Verlag Axel Springer beschäftigt sich inzwischen mit den Dolzer-Seiten. Bei Google-Suchen führen die Wörter „Bild“ und „Sonntag“ nämlich zuerst zu „bild-sonntag.de“ statt zum Springer- Blatt. Der Pressekonzern schaltete seine Rechtsabteilung ein.

Eines kann man Dolzer immerhin nicht vorwerfen: dass die Dialer der Form nach illegal seien. Benutzer müssen drei Mal „OK“ eintippen, bevor Kosten entstehen.

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