Zeitung Heute : Der Atomkrieg der Häschen

Von Harald Martenstein

Außer Berlinale und außer den Präsidentschaftswahlen in den USA gab es in dieser Woche auch immer noch Nicolas Sarkozy und Carla Bruni. Angeblich hat Carla Bruni, die neue Ehefrau des französischen Präsidenten, gesagt, dass Geld sie nicht interessiert. Reiche Männer finde sie nicht sexy. Dagegen finde sie es aufregend, mit einem Mann zusammen zu sein, der „über die Atombombe entscheidet“. Falls das stimmt, ist die kostspielige französische Atomstreitmacht, die „Force de Frappe“, erstmals zu etwas gut gewesen, zumindest für einen französischen Präsidenten. Das letzte Mal, dass man den Begriff „Atom“ in einen sexuellen Zusammenhang brachte, war in den fünfziger Jahren, als man bei Filmschauspielerinnen von einem „Atombusen“ zu sprechen pflegte. Die Force de Frappe ist allerdings eine sehr kleine Atomstreitmacht. George W. Bush und Wladimir Putin besitzen größere Bomben.

Neulich schrieb in der „Zeit“ die Literaturkritikerin Iris Radisch über das Paar Sarkozy-Bruni, und ist dabei den alten feministischen Denkpfaden gefolgt. Sinngemäß: Wieder einmal schmückt ein erfolgreicher älterer Typ sich mit einem hübschen jungen Häschen. Ich finde, das stimmt aus zwei Gründen nicht. Erstens ist der Altersunterschied zwischen den Liebenden (er 53, sie 40 Jahre alt) keineswegs spektakulär. Zweitens ist Bruni keineswegs ein Häschen, sondern eine erfolgreiche Karrierefrau, die es gleich in zwei Sparten, als Fotomodell und als Sängerin nach oben geschafft hat. Außerdem ist sie diejenige, die sich ihre Männer aussucht und sie wieder abschafft, nicht umgekehrt. Sie schmückt sich ebenso mit den Männern, wie die Männer sich mit ihr. So gesehen, handelt es sich um ein durchaus emanzipiertes Verhältnis.

Karl Marx hat die These vertreten, dass das Bewusstsein der realen historischen Entwicklung meist ein paar Jahre hinterherhinkt. Sarkozy ist dafür ein gutes Beispiel, denn die Macho- und Playboypose, mit der er offenbar Bewunderung wecken möchte, hat längst angefangen, lächerlich zu wirken. Goldkettchen und teure Sonnenbrille hat bei Marcello Mastroianni noch funktioniert, heute sind das Requisiten von Männern aus zurückgebliebenen Gesellschaften. Wenn sich also in dieser größten Soap Opera der jüngeren Geschichte jemand in einer prekären Situation befindet, dann nicht Bruni, sondern der arme Sarkozy. Seine durch Eheschließung dokumentierte Überzeugung, dass ausgerechnet er in der Lage sein könnte, das flatterhafte Geschöpf Bruni dauerhaft an sich zu binden, zeugt von einer so grandiosen Selbsteinschätzung, dass ich zum ersten Mal Angst davor bekommen habe, dass Frankreich, trotz der Winzigkeit seiner Force de Frappe, irgendwo einen Atomkrieg anfängt.

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