Zeitung Heute : Der Aufregungsbeauftragte

CHRISTIAN SCHRÖDER

Mit seinem Roman "Der Campus" schrieb sich der Anglistikprofessor Dietrich Schwanitz einen Uni-Frust von der Seele.Nun kommt die Verfilmung ins Kino.Ein Besuch bei dem BestsellerautorVON CHRISTIAN SCHRÖDEREigentlich mag er das alles überhaupt nicht.Die Interviews.Den Rummel."Muß das sein?" fragt er am Telefon, als wir uns mit ihm verabreden wollen.Derzeit, klagt er, wollten alle etwas von ihm.Die "Zeit", die "Welt" und das Fernsehen sowieso.Dabei stapelt sich auf seinem Schreibtisch schon die unerledigte Arbeit.Dietrich Schwanitz ist ein gefragter Mann.Vor drei Jahren hat der Hamburger Anglistikprofessor einen Roman über Kabale und Triebe an einer deutschen Hochschule veröffentlicht, der zum Überraschungserfolg der Saison wurde.Und jetzt, eine halbe Million verkaufte Bücher später, kommt "Der Campus" als Film in die Kinos.Inszeniert vom Neue-Deutsche-Komödien-Star Sönke Wortmann! Mit Heiner Lauterbach als Professor, Barbara Rudnik und Martin Benrath! Und deshalb kommt Schwanitz auch nicht um die Interviews drumrum.Der Verleih bittet ins vornehme Hamburger "Atlantic"-Hotel.Schwanitz sitzt in einem Zimmer hinter einem Konferenztisch und nippt Mineralwasser, während die Reporter im Halbstundentakt ihre Mikrofone vor ihm aufbauen. Eigentlich mag er das alles ja doch irgendwie.Den Rummel.Die Interviews."Hektische Gesprächssituationen finde ich nicht unangenehm", sagt er, "das kenne ich aus dem Uni-Alltag.Ich kann improvisieren." Weil unser morgendliches Gespräch schon wieder endet, als es gerade begonnen hat ein Radiosender wartet , treffen wir uns am Nachmittag noch einmal in der Lobby."Wo waren wir stehengeblieben?" fragt Schwanitz und redet dann auf Stichwort weiter.Der Uni-Rebell ist ein meinungsfreudiger Mensch, der zu nahezu jedem Thema von der Debatte über die doppelte Staatsbürgerschaft bis zur Clinton-Lewinsky-Affäre etwas zu sagen weiß.Professorale Allround-Bildung verbindet sich bei ihm mit der Lust zur Provokation.Das macht ihn zum idealen Adabei bei den Talk-Stammtischen der TV-Nation, egal, ob es im NDR um die Bildungskrise oder bei Christiansen in der ARD um die Privatsphäre von Politikern geht.Sensationell: Ein deutscher Professor, der in einer Minute dreißig Sekunden auf den Punkt kommt! "Ich bin eben ein professioneller Besserwisser", erklärt er. Bei Schwanitz ist das eine nicht ohne das andere zu haben: Unterhaltung nicht ohne intellektuellen Mehrwert, Scherz nicht ohne tiefere Bedeutung.Wahrscheinlich erklärt das den Erfolg seines nun verfilmten Romanes "Der Campus", der frech das Gattungsmuster der von angelsächsischen Autoren wie David Lodge entwickelten Campus Novel auf die deutschen Verhältnisse übertrug und davon auch noch stolz im Titel kündete.Der Plot des Knapp-400-Seiten-Werkes ist ein ziemlich dünner: Erzählt wird ein klassisches Allein-gegen-den-Rest-der-Welt-Drama, bei dem ein Soziologieprofessor namens Hanno Hackmann der Held ist.Hackmann, ein akademischer Star im Zenit seiner Karriere, hat ein Verhältnis mit einer Studentin, die Babsi heißt und auch so aussieht.Als er sich nach einem finalen Schreibtisch-Quickie von ihr trennt und die Studentin anschließend in der Psychiatrie landet, gerät der Mann zwischen die Zahnräder einer Intrigen-Maschinerie.Der korrupte Rektor, die zickige Frauenbeauftragte und diverse andere halb- bis dreiviertelschurkische Gestalten tun sich zusammen und bringen Hackmann als vermeintlichen Vergewaltiger auf die Anklagebank eines Disziplinarausschusses.Und der Vorhang hebt sich zu einem politisch korrekten Schauprozeß. Geschrieben hat Schwanitz "Campus" in zwei Monaten seiner Semesterferien, "wie im Rausch, geradezu manisch".Weil er zum Direktor seines Seminars ernannt worden war, mußte er damals in Hamburg bleiben, um ab und zu irgendeinen Brief zu unterschreiben."Diese Nichttätigkeit", sagt er, "hat mich regelrecht gezwungen, den Roman zu schreiben." Nichts zu tun: für Schwanitz eine Horrorvorstellung.Doch immerhin die Hauptfigur existierte bereits, als der Anglist mit der Arbeit begann.Hackmann erblickte das Licht dieser Welt im Rahmen eines Theaterworkshops, bei dem sich Schwanitz mit Studenten an einer deutschen Adaption des Musicals "My Fair Lady" versuchte.Aus Eliza Doolittle wurde da das Türkenmädchen Aysun, und der Professor Harry Higgins mutierte zu Hanno Hackmann."Es war die Zeit von Solingen und Mölln, und wir wollten den Türken zeigen: Ihr seid für uns kein Problem." Mit derlei Aktualisierung gut abgehangener Dramen sorgte Schwanitz immer wieder für Aufsehen, seitdem er Anfang der achtziger Jahre seine Theatertruppe "University Players" aus der Taufe gehoben hatte.Für "MacBarsh", seine Barschel-Variante des "Macbeth", applaudierte sogar das überregionale Feuilleton.Nur bei "My Fair Lady" wurde es nichts mit dem Ruhm.Der Theaterverlag, der die deutschen Rechte besitzt, ließ die Aufführung verbieten."Aus reiner Geldgier", grummelt Schwanitz, "die wollten unseren Erfolg verhindern." Doch wenn Schwanitz sich ärgert, dann macht er was draus.Im Nicht-klein-Beigeben ist er nämlich groß.Ärger war der Auslöser seines Schreibens, und Ärger blieb auch der Treibstoff beim Schreiben.In den vielen kleinen satirisch schillernden Szenen des Romans hat er sich seinen Unmut über die Zustände an den deutschen Hochschulen von der Seele geschrieben, die er für innerlich verrottet hält.Gremiensitzungen: reines Kasperletheater.Das Psychogelaber der Ausländer- und Sonstwiebeauftragten: Gehirnwäsche.Der Wissensstand der Studenten: ein Witz.Folgerichtig mündet die Zickzack-Dramaturgie des "Campus" in Film wie Buch in einer donnernden Verteidigungsrede Hackmanns, in der er sich zum Ankläger aufschwingt: "Sehen Sie mich an! Dann sehen Sie, was aus der Universität geworden ist: ein Trümmerhaufen!" Ein bißchen von diesem Furor ist auch im Gespräch zu spüren, wenn Schwanitz von seinen Hochschul-Erfahrungen erzählt, wo jede Entscheidung über einen Hiwi-Job "von einer hintereinandergestaffelten Gremienkette" abgesegnet werden müsse."Parkhäuser für Leute, die es sich gemütlich machen" und "Mogelinstanzen für die Arbeitslosenstatistiken" nennt er die Unis.Fügt aber gleich hinzu: "Persönlich habe ich mich da immer wohlgefühlt.In dem Chaos hatte ich immer viele Freiheiten." Hatte: Vergangenheitsform.Im letzten Jahr ist Schwanitz 57 Jahre alt, Lehrstuhlinhaber seit 1978, mit systemtheoretischen Arbeiten in seinem Fach zur Kapazität aufgestiegen vorzeitig emeritiert.Nicht etwa, weil er vor der Macht der Apparate kapituliert hätte, sondern um künftig doppelstrategisch agieren zu können.Mit seinen Workshops bleibt er in der Uni präsent, daneben hat er Zeit für anderes.Gott sei Dank gibt es auch Dinge außerhalb des Bildungswesens, über die er sich aufregen kann.Deutsche Filme zum Beispiel: "Die finde ich sowieso alle gräßlich." Deshalb hat er das Drehbuch zu "Der Campus" gleich selber geschrieben, mit freundlicher Unterstützung von Sönke Wortmann.Mit dem Ergebnis ist er ganz zufrieden."Ich bin zwar kein Cineast, aber mit meiner Theatererfahrung habe ich eine Art absolutes Gehör entwickelt, was Szenen und Dialoge angeht." Überhaupt will Schwanitz künftig vor allem eines verstärkt tun: schreiben.Mit dem gerade erschienenen Buch "Das Shylock-Syndrom oder: Die Dramaturgie der Barbarei", einer kulturkritischen Analyse des Antisemitismus, hat er sich von der wissenschaftlichen Form freigeschwommen.300 Seiten ganz ohne Fußnoten! Im Herbst soll ein neuer Roman folgen.Noch schwankt er zwischen zwei Optionen: Wieder ein Campus-Roman, eventuell sogar mit dem Personal aus dem Erstling, oder ein Roman, der in seiner Kindheit angesiedelt ist. Mit noch mehr Verve betreibt Dietrich Schwanitz nur noch ein anderes Projekt: die Einrichtung einer Creative Writing-Schule an seiner Universität, finanziert von Sponsoren, "damit wir eine unabhängige Einheit sind".Geldgeber stehen schon parat, und der deutsch-englische Schriftsteller W.G.Sebald ist als Stiftungsprofessor auserkoren."Das wird die erste professionelle Creative Writing-Einrichtung in Deutschland", jubelt Schwanitz, "bislang gab es da ja bloß Selbsthilfe- und Volkshochschulgruppen." Womit ein Lamento über die "verquaste deutsche Betroffenheitsliteratur" anhebt.Aus dem blenden wir uns an dieser Stelle aber einfach mal aus.

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