Zeitung Heute : Der Aufschrei

Sie fragten sich: Ist so ein Buch zumutbar? Und wurden schon zum nächsten Fall gerufen. Michael Tsokos und Saskia Etzold haben schon zu viele Kinderleichen gesehen. Die Rechtsmediziner schlagen Alarm.

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Co-Autorin Saskia Etzold, ehemals Guddat.
Co-Autorin Saskia Etzold, ehemals Guddat.Foto: dpa

Er hat immer gehofft, dass es eines Tages weniger werden würde. Oder dass es aufhört. Aber es hört nicht auf. Michael Tsokos macht diesen Job bald 20 Jahre, und noch immer sterben in Deutschland jährlich rund 160 Kinder, weil sie misshandelt wurden. Über die vielen Jahre sei etwas mit ihm passiert: „Irgendeine Schublade in mir war voll. Das Wissen um die Katastrophe musste raus.“

Der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Charité in Berlin, 47 Jahre alt und ein anerkannter Experte auf dem Gebiet der Forensik, sagt diesen Satz mit leicht geröteten Wangen und ruhiger Stimme, aber innerlich merklich aufgewühlt. An diesem Mittwochmorgen sitzt er in seinem Büro in Moabit, er trägt Jeans, das Haar graumeliert und leicht naturkraus, die Stimme norddeutsch gefärbt. Er strahlt etwas Warmes aus, die genauen Kenntnisse vom Tod und den Abgründen des Lebens, in die er täglich schaut, haben ihm nichts Menschliches geraubt. Vor ihm an der Wand hängen Bilder seiner fünf Kinder.

Er sagt: Sein Beruf mache ihm Spaß, „zu 99 Prozent – aber Kinderleichen kann ich nicht mehr haben“.

Laut offizieller Polizeistatistik sterben in Deutschland jede Woche drei Kinder an den Folgen ihrer Misshandlung. Rund siebzig Kinder werden so massiv malträtiert, dass sie ärztlich behandelt werden müssen. Die Dunkelziffer ist hoch.

Jetzt haben Michael Tsokos und seine Kollegin Saskia Etzold gemeinsam die aufgestaute Wut rausgelassen, ihre Zurückhaltung als Rechtsmediziner aufgegeben. Sie haben ein Buch geschrieben mit einem Titel, der provokanter nicht hätte sein können. Es heißt „Deutschland misshandelt seine Kinder“, und es soll, wie Tsokos sagt, die „Öffentlichkeit über unerträgliche Missstände aufklären“.

Allerdings ist das, was seit Donnerstag zu kaufen ist und in den Räumen der Bundespressekonferenz mitten im Regierungsviertel vorgestellt wurde, nicht irgendein Sachbuch. Es ist eine fulminante Streitschrift, eine einzige Anklage gegen das, wie die Autoren sagen, „kollektive Verleugnen“. Dabei geht es in dem Buch ausschließlich um Gewaltdelikte, sexueller Missbrauch spielt hier keine Rolle.

Erst kürzlich, vor Weihnachten, starb in Hamburg-Mümmelmannsberg die dreijährige Yagmur an den Folgen der ihr mutmaßlich vom Vater zugefügten inneren Verletzungen. Yagmur steht in einer langen Reihe von unfassbaren Schicksalen, die im kollektiven Gedächtnis der Deutschen haften bleiben, wie etwa die in Hamburg verhungerte Jessica, der in Bremen getötete Kevin oder der in Berlin zu Tode geprügelte Yannik.

Ein Rechtsmediziner hat überwiegend mit Leichen zu tun, aber eben nicht nur. Bei einem Verdacht auf Kindesmisshandlung etwa wird er hinzugezogen, untersucht das Kind und erstellt ein Gutachten. Oft ist es die wichtigste Grundlage, um die Misshandlung zu beweisen.

Der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel, bei dem Michael Tsokos einst Schüler war, hielt Yagmur Monate vor ihrem Tod für „hochgradig gefährdet“. Bei Untersuchungen im Januar 2013 stellte er „massive Verletzungen“ fest und erstattete Anzeige. Obwohl die Ermittlungen gegen die Eltern nicht abgeschlossen waren, durfte das Mädchen, das eigentlich seit der Geburt in Obhut des Jugendamtes war, von Mitte 2013 an wieder bei ihnen leben.

Püschel sah das Mädchen als Leiche auf seinem Obduktionstisch wieder.

Tsokos sagt: „Gerade dieser Fall ist exemplarisch für das Versagen des Systems.“ Für ihn sind Rechtsmediziner die einzigen Anwälte der misshandelten Kinder: „Das interessiert doch sonst keinen.“

Es sind diese Momente, wenn Tsokos sich in Rage redet und aussieht wie ein Kampfsportler, der kurz vor dem Angriff steht, die tiefe Einblicke in sein Inneres zulassen. Seine fünf Kinder sind zwischen einem Jahr und elf Jahren alt, vier Jungen, ein Mädchen. Zudem hat er eine Frau, die als OP-Schwester gearbeitet hat und die er dennoch nicht in alle dunklen Geheimnisse seiner Arbeit einweiht. Weil er seine Arbeit nicht in sein Privatleben lassen will. Nicht die toten Kinder!

Aber das ist natürlich ein ziemlich unrealistischer Plan, diese totale Trennung. Das weiß er auch selbst und sagt: „Seit der Geburt meines ersten Kindes 2002 bin ich mit jedem weiteren meiner Kinder sensibler geworden. Das gebe ich zu. Aber es hat meinen professionellen Blick auf die Dinge nicht geändert, nur meine Motivation erhöht, sie zu ändern.“

Es ist noch dunkel, als Tsokos an diesem Mittwoch das Institut betritt. Um 7 Uhr 30 steht er in der Obduktionshalle, umhüllt von einem beißend-süßlichen Geruch, der sich nicht nur in der Nase, sondern auch im Magen festsetzt. Vier Leichen liegen auf historischen Marmortischen oder auf den neueren Seziertischen aus Edelstahl. Tsokos kümmert sich um einen Mann, der sich auf einem Spielplatz erhängt hat und der das rot-weiße Nylonseil noch um den Hals trägt. Er hat zwar einen Abschiedsbrief hinterlassen, aber da er sich im öffentlichen Raum getötet hat, muss es eine Sicherungsobduktion geben.

Das ist Routine, Alltagsgeschäft. Tsokos hat Blaumann und einen weißen Kittel übergestreift und steht in Clogs und mit einem kleinen Aufnahmegerät vor der Leiche. Die gesetzlich vorgeschriebene Leichenbeschau sieht die Öffnung des Schädels, der Brusthöhle und der Bauchhöhle vor. Alle Organe werden entnommen und untersucht, aber Tsokos hat bereits an Einblutungen in den Bindehäuten der Augen gesehen, dass wohl kein Zweifel am Suizid besteht.

Er spricht Befunde im Stakkato und mit Komma und Semikolon auf sein Band. „Keine konkurrierende Todesursache.“

Hier unten im Sezierbereich ist Tsokos anzusehen, dass er seinen Job mit anhaltender Neugier betreibt. Bei jeder Leiche gibt es etwas zu entdecken, und Tsokos ist nicht nur Rechtsmediziner, sondern auch Ausbilder, Professor, Doktorvater, ehrlich bemüht, sein Wissen und Können weiterzugeben. Immer auf der Suche nach besonderen Details. Um daraus zu lernen. Aber selbst in diesen konzentrierten Momenten kann sich Tsokos über „das Thema“ aufregen. „Seit dem Jahr 2000 haben wir endlich ein Gesetz“, er zitiert mitten im Sezieren das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB), „das Gewalt in der Erziehung ächtet.“ Der Assistent klappt die obere Schädeldecke des Selbstmörders hoch, es knackt, Tsokos schneidet das Gehirn in Scheiben und sagt: „Trotzdem hat sich nichts geändert. Das ist doch ein Skandal!“

In seiner Zunft gibt es andere Rechtsmediziner, die ihn skeptisch beäugen. Er ist ihnen zu forsch, zu mitteilsam. Tsokos gibt gerne Interviews oder hat für den Tagesspiegel Kolumnen geschrieben. Er hat auch populäre Bücher veröffentlicht mit Titeln wie „Der Totenleser. Neue unglaubliche Fälle aus der Rechtsmedizin“ und „Die Klaviatur des Todes“.

Er berät zudem Jan-Josef Liefers für seine Rolle als Tatort-Professor Karl-Friedrich Boerne, der wohl populärste Gerichtsmediziner im deutschen Fernsehen. Und als er davon überzeugt war, dass er die wahre Leiche von Rosa Luxemburg entdeckt hatte – was er bis heute nicht beweisen konnte – und einen Riesenstreit mit Historikern provozierte, warfen ihm seine Kritiker „Gier nach Öffentlichkeit“ vor.

Eine ganz andere Sicht auf ihn hat man bei der Berliner Polizei. Dort ist zu hören, dass die Abteilung 125 des Landeskriminalamtes (LKA), die sich als einziges Kommissariat in Deutschland ausschließlich „um Delikte an Schutzbefohlenen ohne sexuellen Hintergrund kümmert“, erst mit Tsokos’ Dienstantritt 2007 einen festen Ansprechpartner bekam.

Gina Graichen, Erste Kriminalhauptkommissarin dieser Abteilung, äußert sich nicht zum Buch, sagt aber: „Eine öffentliche Diskussion über das Thema Kindesmisshandlung kann nur zum Wohle der Kinder sein, weil so wieder einmal ins Bewusstsein rückt, was meist nur im Verborgenen stattfindet. Wir reden ja nicht über seltene Ausnahmen, sondern über weiterhin hohe Fallzahlen, die auf einem sehr hohen Niveau stagnieren.“

Wenn man Tsokos, Etzold oder Graichen einzeln zuhört, bekommt man die gleichen Geschichten erzählt, Geschichten von Richtern, die trotz rechtsmedizinischem Gutachten glauben, „das tut doch eine Mutter nicht“, Eltern, die auf Biegen und Brechen lügen oder überzeugt sind, dass es niemanden etwas angehe, „was ich mit meinem Kind mache“, Behördenmitarbeiter und Ärzte, die es richtig finden, dass das „Elternrecht im Zweifel vor dem Kindeswohl steht“.

Eines Tages wird der dreijährige Tyler Reese in eine Berliner Klinik gebracht. Er ist mit Hämatomen und Bissverletzungen unter anderem im Genitalbereich übersät. Als Saskia Etzold, Tsokos’ Kollegin, den Jungen untersucht, wird schnell klar, dass er misshandelt worden ist. Das rechtsmedizinische Gutachten ist eindeutig, der Freund der Mutter steht unter Tatverdacht, im Gericht erklären die Rechtsmediziner, dass die Verletzungen eindeutig vom Gebiss eines erwachsenen Menschen stammten. Doch der mutmaßliche Täter kommt frei, weil die Mutter behauptet, zwei Freunde ihres Liebhabers seien ja auch noch zu Besuch gewesen. Möglicherweise habe sich einer von ihnen an dem Jungen vergriffen.

Immer wieder machen Tsokos und Etzold solche Erfahrungen. Sie bilden den Kern ihrer Empörung. Er trägt als Gutachter vor und denkt, die haben das jetzt alle verstanden, „dass das Kind getötet wurde“. Oft habe er so gedacht – um eines Besseren belehrt zu werden.

Rechtsmediziner wie Tsokos oder Püschel sind nicht im Gericht, wenn das Urteil fällt, es informiert sie kein Staatsanwalt und kein Richter. Michael Tsokos erzählt: „Einmal bin ich morgens zur Arbeit gefahren und habe im Radio von einem Freispruch gehört.“ Ein anderes Mal liest es ihm seine Frau aus der Zeitung vor. In seinem Büro guckt Tsokos jetzt mit starren Augen, sehr konzentriert, man merkt, er bemüht sich um Contenance. „Es haut mich jedes Mal von den Füßen, ich kann es nicht begreifen.“ Im Buch steht, „dass Rechtsmediziner viel zu selten Gehör finden“.

Ein paar Meter von Tsokos’ Büro entfernt ist das Dienstzimmer von Saskia Guddat, der Co-Autorin, Fachärztin am Institut. Sie heißt jetzt Etzold, weil sie Ende 2013 geheiratet und den Namen ihres Mannes angenommen hat. An ihrer Tür ein Schild: „Ich bin keine Zicke!“ Im Zimmer eine Frau, blonder Pagenkopf, Designerbrille, die unverstellt fröhlich wirkt, mit feiner Ironie und auffallend präzise redet.

Während Tsokos dreimal die Woche zum Taekwondo geht, zur „Psychohygiene“, wie beide sagen, reguliert Etzold ihre Stimmung auf dem Crosstrainer. Oder geht shoppen. „Oder ich heirate!“ Sie lacht jetzt wieder, aber es ist ja ernst: „Sie müssen sich etwas Schönes gönnen, um sich zu regulieren. Sonst können sie den Job nicht machen.“ Wer Emotionen zeige, sei als Gutachter raus. So seien die Spielregeln.

Sie weiß, dass das Buch eine Zumutung ist und Angriffsflächen bietet, weil man kaum glauben kann, dass die Verallgemeinerungen zutreffen. Sie lacht schon wieder, es klingt bitter: „Sie treffen zu.“ Sie ist vollkommen davon überzeugt, dass es an der Zeit war für ein solches Buch. Sie ist da mit sich im Reinen. Und sie wird sich zu verteidigen wissen, wenn die „erwartbaren Angriffe“ kommen.

Als beide noch darüber diskutierten, ob sie der Öffentlichkeit ein solches Buch zumuten können, wird Etzold in eine Klinik gerufen: mal wieder ein Kind mit Knochenbrüchen und zahlreichen Hämatomen. Sie erfährt, dass eine Mutter auf einem Spielplatz die Familie beobachtet habe und misstrauisch wurde. Sie sprach den Vater an, der aggressiv reagierte. Daraufhin alarmierte sie die Polizei. Es ist genau das Verhalten, von dem die Polizei immer sagt, es komme viel zu selten vor.

Saskia Etzold ist vom Mut der Frau beeindruckt. Auf dem Weg zurück ins Institut denkt sie, dass sie nicht von anderen Zivilcourage verlangen und selbst nicht danach handeln könne. Sie erzählt Tsokos von dem Fall und beiden ist plötzlich klar: Wir machen das Buch jetzt! Denn die Privatsphäre der Eltern, so werden sie es später formulieren, „muss dort enden, wo sie für die Misshandlung von Kindern missbraucht wird“.

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