Zeitung Heute : Der Augenzeuge

Unser Autor ist der einzige Fotograf, der alle sieben deutschen Bundeskanzler porträtiert hat. Die Mächtigen und ihre Frauen – seine persönliche Analyse in Wort und Bild.

Konrad R. Müller

Von Konrad R. Müller

Seit fast vier Jahrzehnten beobachte ich die Mächtigen mit der Kamera. Bei einigen wurde aus Beobachtung Begleitung und Begegnung über Jahre, bei wenigen wurde daraus Nähe und distanzierte Freundschaft. Einer von ihnen war mir Vaterersatz und am Ende Freund: Bruno Kreisky.

Hier soll nun von meinen Erinnerungen an diese Männer die Rede sein. Erinnerungen, die fokussiert sind auf ihr Verhältnis zu Frauen. Ich beschreibe es diskreter, als es meinem Naturell entspricht.

Um den Leser gewissermaßen an das Stück zu fesseln, muss ich wohl mit dem Mann beginnen, der die Fantasie des Bourgeois derzeit so ungemein beflügelt. Gerhard Schröder kenne ich seit zwei Jahrzehnten – und da wir die Erde fast zur gleichen Zeit betreten haben, fällt es mir leicht, über ihn zu schreiben. Aber genau das ist auch mein Problem. Meine Sympathie für den Bundeskanzler ist evident, Zurückhaltung in der Beschreibung meiner Erfahrungen das Gebot.

Wenn Gerhard Schröder sein müdes Haupt zur Ruhe bettet, dann geschieht das in einer kleinen dreieckigen Mansarde, Willy-Brandt-Straße Nr. 1, Bundeskanzleramt, 8. Etage. Bewacht von tausend elektronischen Augen der Drs. Mabuse. Ein bescheidener Ort des Rückzugs ins Private. Am Morgen eine Etage zu Fuß in sein Büro. Dann geht es rund, den ganzen Tag. Person der Öffentlichkeit, immer und überall. Der Mann gehört uns – und wir nehmen ihn in Besitz. Gerhard Schröder, ein Flaneur in Sachen Erotik? Für beides braucht man Zeit und Muße, Begriffe, die Menschen in dieser Position aus ihrem Wortschatz streichen müssen.

Was bleibt, ist die Liebe. Sie kommt – und manchmal geht sie wieder. Wer weiß das besser als unser aller Kanzler?

Gerhard Schröder liebt seine Frau, auch und weil sie Hosen trägt. Am Ende wird der Mann nicht jünger, und es steht ihm, früher oder später, eine Werteänderung ins Haus. Dinge, die hier beiläufig abgehandelt wurden, erhalten erheblich mehr Bedeutung als vordem bedeutend eingestufte Rituale, irrlichtern nur noch ansatzweise durchs Gemach. Die etwas andere Erotik des Alters ist in Sicht. (Aufschrei aller Orten. Die Potenzmafia wird sich melden. Wetten?!)

Der Spießer und der Kanzler

Fazit: eine hyperventilierende Öffentlichkeit, die mangels eigener Erlebniswelt sich an der anderer abarbeitet.So repetieren deutsche Gazetten mit gespielter moralischer Entrüstung, was in Blättern auf einer kleinen Insel in der Nordsee zu lesen ist. Ein perpetuum mobile unserer Spießergemeinde.

Das war nach meiner Beobachtung nicht immer so. Die Bonner Republik war sehr viel liberaler, souveräner – und sehr viel kenntnisreicher. Wenige wussten viel, viele wussten einiges, niemand druckte es auf Zeitungspapier. Ausgenommen vielleicht die erfundenen, süffisant reportierten Frühstücksgewohnheiten von Helmut Kohl. Assistenz: Juliane Weber. Das war animierend, gar erotisch? Meine fotografische Imagination verbietet mir jedenfalls darüber zu philosophieren, was war, was ist, was sein könnte.

Eine große Ausnahme waren die innerparteilichen Intrigen beim Sturz Willy Brandts. Nie vorher wurde das vermeintliche Liebesleben eines Kanzlers einer staunenden und irritierten Öffentlichkeit so schonungslos und auf fragwürdige Weise ausgebreitet. Willy Brandt ist gegangen, erhobenen Hauptes, nicht wegen der Weibergeschichten. Ich glaube, er konnte und wollte diesen Job nicht mehr machen. Seinen Platz in der Geschichte hatte er ohnehin schon reserviert.

Natürlich war Brandt, wie wir es so nebulös ummanteln, kein Kind von Traurigkeit. Ich erinnere die Wochen vor der Bundestagswahl 1972, als der Kanzler im Sonderzug das Streckennetz der Bundesbahn austestete. Das war die Hochzeit nach der Verleihung des Friedensnobelpreises im Oktober 1971. Ein Friedensfürst, eine Lichtgestalt beglückte tagtäglich die Massen auf den Wahlkampfveranstaltungen, während bei den mitreisenden Journalisten im Zug die Fabel von der sagenhaften Schwedin die Runde machte, die post coitum Havannas im Kanzlerbett zu rauchen pflegte! Kleinfritzchen machte sich ein Bild vom Großen Deutschen. Leider hatten diese und andere schöne Geschichten keinen Bestand, denn eine zierliche, eisenharte junge Frau trieb uns die Flausen aus, in Verhältnissen zu leben, die wir nur aus anderen Ländern kannten.

Willy Brand gab sich in die Obhut von Brigitte Seebacher.

Ich selbst durfte deren konsequente Verfolgung eigener Interessen auf drastische Weise erfahren. 1978 verlegte Albrecht Knaus mein erstes Buch über Willy Brandt. Mein alter Freund Hermann Schreiber veredelte den Band mit einem kenntnisreichen Essay. Wir beide hingen sehr an Rut Brandt – und es war die natürlichste Sache der Welt, dass wir ihr unser Buch widmeten. Die Seite nach dem Haupttitel schmückte ein ganzseitiges Portrait dieser von uns verehrten Frau mit der Widmung: „Für Rut Brandt“. Die Buchveröffentlichung wurde in kleinem Kreis in der Bonner Gaststätte der sagenumwobenen Wirtin Ria Maternus gefeiert. Am Ehrentisch saßen Rut und Willy Brandt. Es war für mich ein unvergesslicher Abend, und ich wähnte mich, erfolgstrunken, auf dem Gipfel meines Könnens. Die SPD kaufte eine nicht geringe Zahl unseres Buches, um es, mit einer Widmung Brandts versehen, an verdiente Genossen zu Zelebritäten aller Art zu verschenken.

Frau Poppinga

Zu dieser Zeit war Frau Seebacher längst dabei, die Kommandobrücke im Erich-Ollenhauer-Haus, die damalige Parteizentrale der Spd, zu übernehmen. Dann geschah, was ich mir nicht hatte vorstellen können. Aus allen angekauften Exemplaren des Brandt-Buches wurde – ohne uns zu fragen – die Seite mit der Widmung für Rut Brandt herausgetrennt und durch eine leere Seite ersetzt. Dies geschah so ohne jeden Skrupel, dass sogar ein anderes Papier benutzt wurde.

Bevor ich Willy Brandt kennen lernte, durfte ich als fotografierender Zaungast die letzten 18 Lebensmonate von Konrad Adenauer verfolgen. Zu dieser Zeit arbeitete eine junge Frau mit dem schönen Namen Anneliese Poppinga für den ehemaligen Kanzler und aktiven Bundestagsabgeordneten. Frau Poppinga hatte die historische Aufgabe, Adenauer bei den Recherchen zu seinen Lebenserinnerungen zur Hand zu gehen. Dies tat sie mit Fleiß und Inbrunst. Ihr Leben bestand wohl in Gänze aus Hingabe für diesen großen alten Staatsmann. Sie promovierte über Adenauer und später, lange nach dem Tod des ersten Kanzlers der Bundesrepublik, schrieb sie einen Liebesroman. Sein Thema: die unerfüllte Liebe einer jungen Frau zu einem älteren Herrn. Meine schwarz/weiß Portraits fand sie so abscheulich, dass mein Adenauer-Buch, dieses Mal literarisch aufgewertet von Golo Mann, weder bei der Adenauer-Stiftung, noch im Museum des Adenauer-Hauses in Rhöndorf zu finden war.

Willy Brandt machte mich Ende der siebziger Jahre mit Bruno Kreisky bekannt. Der Sonnenkönig der kleinen Alpenrepublik stand im Zenit seiner Macht. Ein ungewöhnlich geistreicher und fintenreicher Mann, der im Gegensatz zu unserem derzeitigen Bundeskanzler durchaus Zeit fand für Zerstreuung der feinen Art. Bruno Kreisky hatte ein jahrelanges Verhältnis mit der Frau und späteren Witwe von Friedrich Torberg, einem großen Schriftsteller Österreichs. Die Bürger Wiens konnten den vitalen Kanzler regelmäßig beobachten, wie er seinen Jaguar vor der Wohnung seiner Geliebten parkte. Später, lange nach Torbergs Tod und nachdem auch Kreisky seine Frau Vera verloren hatte, versuchte des Dichters Witwe, Kreisky samt Haushalt in Besitz zu nehmen. Langjährige Bedienstete wurden rigoros vor die Tür gesetzt und die junge Physiotherapeutin des kranken und gebrechlichen Exkanzlers von ihr permanent unter Druck gesetzt.

Die rasende Eifersucht der alten Dame führte zu grotesken, clownesken Annäherungsversuchen, die schon deshalb so hoffnungslos sein mussten, weil sich Kreisky, seit einer Nierentransplantation mit alttestamentarischem Vollbart versehen, seit längerer Zeit in seine medizinische Betreuerin verliebt hatte, die ihm aus mitmenschlichen Gründen seit Jahren am nächsten war. Dieser schönen und klugen jungen Frau hatte der alte Kanzler mehrere Heiratsanträge gemacht – wohl auch mit dem Blick auf Willy Brandt und dessen junge Gefährtin.

Ich erinnere einen Abend in Stockholm, Mitsommer 1989, als sich Kreisky als Vizepräsident der Sozialistischen Internationale auf deren Kongress verabschiedete. Bruno Kreisky lud Margit Schmitt, seine langjährige Sekretärin, die junge Physiotherapeutin und mich zu einem Abendessen in seine Stockholmer Hotelsuite. Der alte Herr erging sich in Lobpreisungen über die physische und geistige Präsenz des Vorsitzenden Brandt. Das war emotional schwer zu ertragen für seine Gäste – und als Kreisky dann unvermittelt weinen musste ob seiner Hinfälligkeit und dem Wissen um das nahe Ende, hatte ich diesen unvergleichlichen Menschen für immer und ewig in meinem Herzen versenkt.

Ich wollte noch so vieles schreiben über François Mitterand, Wladimir Putin – vielleicht Joseph Fischer.

Ich belasse es für den Augenblick. Mir steht jetzt nicht der Sinn danach.

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