Zeitung Heute : Der Balkan: ein Langzeit-Protektorat

CHRISTOPH V.MARSCHALL

In Bosnien-Herzegowina haben auch die zweiten OSZE-überwachten Wahlen nach dem Krieg offenbar keine klare Mehrheit für die Versöhnungswilligen gebracht; die Rückkehr der Vertriebenen verzögert sich weiter, die Teilung in drei Gebiete unterschiedlicher Volkszugehörigkeit und Religion verfestigt sich.Im Kosovo glimmt der nächste Konflikt vor sich hin; eine Entschärfung des politischen Sprengstoffs durch Verhandlungen ist nicht in Sicht; mit dem Winter kündigt sich ein Flüchtlingsdrama an.Und nun ist auch Albanien erneut explodiert.Wie auch immer der Putschversuch des Ex-Präsidenten Sali Berisha gegen den sozialistischen Wahlsieger Fatos Nano endet: Langfristige Stabilität wird sich nicht einstellen, wahrscheinlicher ist, daß es nach spätestens anderthalb Jahren abermals zur Eruption kommt.

Dies alles kann Westeuropa nicht kalt lassen.Die Zeiten des atomwaffenbewehrten Blockgegensatzes sind vorbei - im Guten wie im Schlechten: Der Westen hat die militärische Möglichkeit, ein Blutvergießen gute tausend Kilometer vor seiner Haustür zu stoppen, ohne dafür unabschätzbare Risiken einzugehen.Den Wohlstandsraum schützt aber auch kein Eiserner Vorhang mehr vor direkten Auswirkungen der Konflikte.So wie sich das bosnische Wahlergebnis abzeichnet, werden die Zehntausende Flüchtlinge aus dem serbischen Teil, die Deutschland aufgenommen hat, nicht so rasch zurückkehren können.Gleichzeitig ist mit neuen Massenfluchten aus dem Kosovo und Albanien zu rechnen.Da heben sich im Westen sofort abwehrend die Hände: Bloß nicht zu uns, die sollen möglichst nahe ihrer Heimat abwarten, sonst bleiben sie ewig, siehe die Bosnien-Vertriebenen.Es wäre jedoch kurzsichtig, diese Last der Region aufzubürden: Die hohe Zahl der Kosovo-Flüchtlinge hat den inneren Konflikt in Albanien angefacht und die Gefahr der Spaltung des Landes heraufbeschworen.Montenegro hat bereits 40 000 Kosovo-Bürger aufgenommen, ehe es jetzt die Grenzen schloß; die Republik, die viel offener ist für Demokratie und Kooperation als das benachbarte Serbien des Slobodan Milosevic, darf jetzt keinesfalls destabilisiert werden.

Doch was tun, wenn drei Jahre internationales Protektorat über Bosnien-Herzegowina zu diesen ernüchternden Wahlergebnissen geführt haben? Ist der Balkan dazu verdammt, das sprichwörtliche Pulverfaß zu bleiben? Wo zeichnet sich eine Perspektive ab, wie sich das ethnisch-religiöse Dynamit dauerhaft entschärfen läßt und nicht nur phasenweise wegsperren durch eine autoritäre Staatsgewalt wie unter Tito oder im Osmanischen Reich? Als vor 120 Jahren der kranke Mann am Bosporus darniederlag, wurde 1878 die Berliner Konferenz einberufen, die neue Grenzen zog.Auch der albanische Staat, der nun zu zerfallen droht, erhielt 1912/13 erst durch die Intervention der damaligen Großmächte seine Lebenschance.Bedarf es einer neuen internationalen Konferenz, die womöglich die Grenzen neu zieht und die durch Kriegsgewalt begonnenen Vertreibungen durch friedliche Umsiedlung vollendet, um ethnisch-religiös homogene Nationalstaaten zu schaffen? Dies wäre jedoch eine völlige Abkehr von den bisherigen Prinzipien: Selbstbestimmung, Recht auf Heimat, Ausgleich konkurrierender Interressen durch demokratische Teilhabe.Die Zeit dafür ist vorbei.Zudem taugen die Ergebnisse der damaligen Eingriffe nicht als Argument für eine solche Radikallösung.Die heutigen Konflikte von Bosnien über Kosovo bis Albanien sind nicht zuletzt Folge der damals künstlich geschaffenen Ordnung.

Auch wenn die kurzfristigen Ergebnisse ernüchternd sind und noch manche Frustration auf die internationalen Friedenshelfer wartet: die Demokratisierung, der Aufbau einer zivilen Gesellschaft mit institutionalisiertem Interessenausgleich sind die einzige Perspektive, die dem Balkan und seinen so verschiedenenartigen Bewohnern dauerhaft Frieden sichern können.Das aber erfordert die Bereitschaft des Westens, die Region zu einem Langzeit-Protektorat zu machen.Bosnien mag die hochfliegenden Erwartung einer schnellen Besserung nicht erfüllt haben.Es ist aber auch keine Mißerfolgs-Story.Im Gegenteil: Der Vergleich mit dem Kosovo und Albanien zeigt, was bereits geleistet wurde.Bis zum vollen Erfolg auf dem ganzen Balkan ist freilich wesentlich mehr Zeit notwendig, als man sich im kurzatmigen Westen vorstellen mochte.

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