Zeitung Heute : Der Bauernkrieger

Wenn er im Gefängnis sitzt, bekommt er Besuch von französischen Politikern. Und da sitzt er oft. Denn was José Bové tut, ist manchmal nicht legal. Als er 1999 eine McDonald’s-Filiale demontierte, wurde er zum Star der Globalisierungsgegner. Und ist immer noch aktiv - etwa zurzeit in Bombay.

Flora Wisdorff[Paris]

Auf einmal wirkt José Bové ein bisschen unsicher und schüchtern. Dabei kennt man ihn doch als einen, dem so leicht nichts die Sprache verschlägt. Aber jetzt soll er genau darüber reden: Warum er ein ganzes Leben als Dauerkämpfer verbracht hat, ins Gefängnis gegangen ist für seine Ideale? Und da fehlen ihm plötzlich die Worte. „Da gibt’s jedenfalls nichts Psychoanalytisches, so viel ist klar“, wehrt er eilig ab. Warum gerade er, der Bauer mit dem Schnauzbart, zum Helden der Globalisierungsgegner wurde, nein, „also, da bin ich wirklich nicht der Beste, um das zu beurteilen“, sagt er und flüchtet sich in Erzählungen aus seiner Jugend.

Dabei kämpft Bové gerade wieder. Dieses Mal auf dem Weltsozialforum in Bombay. Dort protestiert er noch bis Mittwoch mit rund 100000 Mitstreitern gegen die „imperialistische Globalisierung“. Eine Woche vor der Abreise kann Bové es kaum erwarten. „Das ist mein erster Freigang“, sagt er.

In der Tat ist die Reise nach Bombay Bovés erste, seitdem er im Juni vergangenen Jahres zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten verurteilt worden war – wegen der Zerstörung von gentechnisch veränderten Saaten. Präsident Jacques Chirac verringerte unter dem enormen Druck der Öffentlichkeit die Strafe um vier Monate. „Chirac en prison, Bové à la maison“ – Chirac ins Gefängnis, Bové nach Hause – war der Slogan der 800000 Franzosen, die ihn mit ihren Unterschriften unterstützten. Die Richter ließen Bové dann schon nach anderthalb Monaten wieder zurück auf seinen Bauernhof nach Südfrankreich – das Land aber durfte er bis Januar nicht verlassen.

Treffen in der Oase

50 Jahre ist Bové inzwischen, und jetzt sitzt er im dunkelroten Fleece-Pullover und beigen Jeans in der Holzküche der Pariser Zentrale der Bauerngewerkschaft „Confédération paysanne“, die für eine alternative Landwirtschaft kämpft. 1987 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern, jetzt ist er Sprecher der Confédération. Das dreistöckige Haus der Gewerkschaft, Anfang des 19. Jahrhunderts gebaut, steht in Bagnolet. Hier fangen die Vororte des Pariser Ostens an. Betonbrücken, ein riesiges Einkaufszentrum, Hochhäuser mit Sozialwohnungen. Das Haus der Confédération ist hier eine Oase, sogar einen Garten gibt es. Hier ist Bové fast öfter als in Südfrankreich.

Noch. Denn im April wird er sein Amt als Sprecher abgeben. „Ich habe mein Mandat jetzt erfüllt und eine gewisse Dynamik rund um das Thema Landwirtschaft und gutes Essen hervorgerufen.“ Man könnte auch sagen: Hunderttausende von Menschen gegen die Globalisierung mobilisiert. Ist er jetzt erschöpft, will er etwa aufhören? „Ich werde mich ganz bestimmt nicht in einer Grotte verstecken“, sagt Bové mit seiner tiefen Stimme und lacht. „Aber meine nationale Rolle wird sich verändern.“

Angefangen hat diese „nationale Rolle“ vor fünf Jahren. José Bové erinnert sich noch ganz genau an den Moment, der ihn zum Star machte. „Am 12. August um elf Uhr sind wir mit 400 Leuten zu McDonald’s gefahren. Jeder hatte ein paar Werkzeuge mitgebracht. Dann haben wir anderthalb Stunden lang Türen und Fenster abmontiert. Es war ein richtiges Fest: Die Stimmung war gut, und Leute sind mit ihren Familien gekommen. Wir haben die Teile auf einen Anhänger gelegt und sie dann vor dem Rathaus abgeladen. Von Zerstörung kann gar nicht die Rede sein“, erzählt er.

Vergeltungsschlag

Diese Aktion auf einer McDonald’s-Baustelle in der südfranzösischen Kleinstadt Millau brachte José Bové hinter Gitter – und machte ihn berühmt. Damals hatten die USA als Reaktion auf ein europäisches Importverbot für Hormonrindfleisch ausgerechnet ihre Einfuhrsteuer auf Roquefort-Käse um 100 Prozent erhöht. Denn die Importsperre verstieß gegen die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO). „Roquefort produziere ich auf meinem Bauernhof und alle meine Nachbarn auch“, sagt Bové. „Wir waren auf einmal die Geiseln dieses WTO-Konflikts zwischen Europa und den USA.“ Gerade zu dem Zeitpunkt errichtete McDonald’s eine neue Filiale, nur ein paar Kilometer von Bovés Bauernhof entfernt. Ein gutes Ziel für einen Vergeltungsschlag, fand Bové. Die Bilder des Bauern, der seine Arme in Handschellen siegessicher in die Höhe streckt, gingen um die Welt.

Es war Bovés spektakulärste Aktion. Aber nicht seine erste. Eine davon, erzählt er, fand ein paar Monate vor der McDonald’s-Demolierung statt: „Wir sind zusammen mit 50 indischen Bauern, die gerade mit einer Delegation durch Frankreich reisten, zu den Depots gefahren, in denen gentechnisch veränderte Reispflanzen lagerten. Die haben wir dann zerstört.“ Reine Notwehr, findet Bové. Schließlich sei niemand über die Gefahren aufgeklärt. Deswegen hat er auch 1998 „mit ein paar Leuten beim Pharmakonzern Novartis die Türen aufgebrochen. Dann haben wir die gentechnisch veränderten Maissaaten einfach mit normalen vermischt. Die waren richtig wütend“, erinnert sich Bové.

Seine Festnahme im vergangenen Juni war dann weniger spaßig. „Die sind mit einem ganzen Kommando zu meinem Bauernhof gekommen, maskiert, um sechs Uhr morgens, mit Hubschraubern, wirklich unglaublich“, sagt Bové. Sehr abschreckend scheint das dennoch nicht gewesen zu sein. „Wenn die Regierung im Frühling neue Freiland-Versuche mit gentechnisch veränderten Saaten erlaubt, dann wird es wieder Aktionen von uns geben. Ich habe zwar wirklich nicht vor, jeden Sommer im Gefängnis zu verbringen. Aber wir werden uns nicht zurückhalten, nur weil wir vielleicht verhaftet werden.“

Über seine persönlichen Erfahrungen im Gefängnis spricht er ungern. Lieber beschreibt er allgemein „die katastrophale Überfüllung“ der französischen Haftanstalten. Wenn er sitzt, vertreibt er sich die Zeit mit Büchern – und dem Besuch von Politikern. Kommunisten, Grüne, aber auch Sozialisten – alle haben sie ihm im vergangenen Sommer ihre Reverenz erwiesen.

Selbst in die Politik zu gehen kommt für Bové aber nicht in Frage. Trotz immer wiederkehrender Gerüchte: „Le Monde“ erhob ihn 2002 sogar zum potenziellen Präsidentschaftskandidaten. Bové bleibt aber lieber in der „Zivilgesellschaft“. „Deren Werte müssen für Wirtschaft und die Politik maßgeblich sein.“ Die Politik aber agiere längst unter dem Primat der Ökonomie und sei nicht mehr in der Lage, etwas zu verändern. Also müsse die zivile Bewegung das tun. „Dafür kämpfe ich.“

Bové hat früh angefangen mit dem Kämpfen. „Als ich 17 war, habe ich von Hiroshima erfahren. Ende der 70er Jahre habe ich mich in der Anti-Atombewegung engagiert.“ Bové ist in Bordeaux aufgewachsen, seine Eltern arbeiteten am nationalen Institut für Agrarökonomie. Zu Hause habe man immer über Politik diskutiert. In Bordeaux schrieb sich Bové auch an der Uni ein, für Philosophie, allerdings nur ein Jahr lang. Denn schnell wurde er zum Fulltime-Demonstranten: gegen Waffen, Militarismus, Wehrdienst. Als 1971 Bauern in der Larzac-Region bei Montpellier gegen den Ausbau eines Truppenübungsplatzes auf ihrem Gebiet kämpften, fand Bovet seinen Platz: Er besetzte mit seiner Frau Alice einen kleinen Hof, damals noch ohne Strom und Wasser. Es wurde ein langer Kampf. Erst 1981 war er gewonnen, seitdem ist das Land im Kollektivbesitz der Bauern.

Frankenstein-Food

Kritiker nennen Bové oft einen Populisten. Denn sein Erfolg kam auch mit den drastischen Slogans, in die Bové seine Botschaften packte. „La malbouffe“, der Dreckfraß , sagte er seinen Landsleuten, ist unser Feind, nachdem er McDonald’s demontiert hatte. Ein paar Monate später in den USA, auf dem Weltwirtschaftsforum in Seattle, sagte er den Amerikanern, mit ihren gentechnisch veränderten Lebensmitteln äßen sie „Frankenstein-Food“. Gentechnik sei eine „totalitäre Technologie“. Und überhaupt solle „jeder selbst bestimmen können, was auf den Tisch kommt“. Das kommt an bei den Franzosen mit ihrer besonders intensiven Beziehung zum Essen. Und die Amerikaner nicht besonders mögen.

„Stellen Sie sich vor, ich würde hier zu Lande ein McDonald’s zerstören“, sagt Friedrich Graefe zu Baringdorf, Biobauer, Europaabgeordneter der Grünen und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft – also am ehesten das deutsche Pendant zu Bové. „Da würde großer Aufruhr herrschen – aber keine Mobilisierung für mich. Die Franzosen lieben ihre Bauern.“

„Jeder muss das Recht haben, sich selbst aus seiner Region ernähren zu können. Dazu müssen Länder auch in der Lage sein, Handelsbarrieren wieder aufzubauen.“ Das ist Bovés Botschaft seit vielen Jahren. Eine erfolgreiche Botschaft, wie er findet. „Die Bewegung ist enorm gewachsen“, sagt er. „Jetzt haben alle verstanden, dass die wirtschaftliche Globalisierung kein Muss ist, dass man sie aufhalten kann.“ Und dieser Prozess setze sich nun in Indien fort. „Schritt für Schritt“, sagt Bové. Er lächelt geduldig.

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