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Zeitung Heute : Der bedrängelte Gigant

20.02.2012 00:00 UhrVon Carsten Stormer
Schützenswert. Foto: picture alliance / Reinhard DirsBild vergrößern
Schützenswert. - Foto: picture alliance / Reinhard Dirs

Sanfter Tourismus heißt die Idee, die den Walhai, den größten Fisch der Welt, retten sollte. Aber der Mensch hält sich wieder nicht an Abmachungen.

Bevor sie in das Boot gestiegen sind, haben die Männer ein Gebet gesprochen, aber Reynand Tarog, 30, hofft, dass die Gebete der anderen nicht erhört werden. Denn er ist nicht mehr einverstanden mit dem, was geschehen soll.

Der Kapitän wirft den Motor an, das Boot verlässt den Hafen von Donsol, einem Städtchen in der philippinischen Provinz, und fährt raus aufs Meer, das ruhig und glatt ist. Manchmal bricht die Sonne durch die Wolken. Tarog und die anderen Filipinos haben Touristen an Bord. Denen wollen sie den Walhai zeigen, den sie Butanding nennen. Er ist der größte Fisch der Welt, lang wie ein S-Bahn-Waggon, schwer wie ein Tanklastwagen.

Seinetwegen sind die Touristen hergekommen, kommen viele. Donsol rühmt sich, Walhai-Hauptstadt der Welt zu sein, Touristengespräche drehen sich nicht um die Frage, ob man einen Walhai gesehen hat, sondern wie viele. Die Begegnung mit den harmlosen, planktonfressenden Riesen ist streng reglementiert. Ein Boot pro Fisch, maximal sechs Schnorchler und niemals mehr als 30 Boote auf einmal im Meer. Tarog ist „Butanding Information Officer Guide“, einer von denen, die auf den Booten dabei sind, um die Einhaltung der Regeln zu überwachen.

Am Horizont taucht ein Vulkan auf, der weiße Rauchkringel aus seinem Krater bläst, Delfine ziehen vorbei. Die Touristen und drei Späher halten angestrengt nach Walhaien Ausschau. Plötzlich gleitet ein Schatten am Boot vorbei, eine Rückenflosse durchbricht das Wasser, taucht wieder ab. „Butanding! Butanding!“, ruft der Mann am Bug. Und die Touristen, ihre Guides und Tarog springen ins Wasser. In eine trübe grüne Welt. Die Sicht beträgt vielleicht einen Meter, und nur Tarog sieht, was zu sehen begehrt wird. Er stupst die Touristen an und zeigt mit dem Finger nach unten, wo sich eine riesige Silhouette aus dem grünen Nebel schält. Graue Punkte, eine Rückenflosse, das enorme Maul, das sich gleichmäßig öffnet und schließt und Plankton in den riesigen Körper saugt. 20 Minuten lässt der Hai sich bestaunen, verfolgen von den Touristen. Dann werden die zurück ins Boot gezogen, und machen sich auf die Suche nach dem nächsten.

Reynand Tarog war früher Fischer, heute lebt er davon, dass er in der Hochsaison von Dezember bis Mai mit Touristen Butadings hinterhertaucht. In seiner Freizeit aber arbeitet er für den Tierschutzbund WWF, der ab 1998 das Konzept eines sanften Tourismus mit angeschoben hat. 1998 erließ die philippinische Regierung ein Walhaischutzgesetz. Es entstand als Folge einer großen Kampagne von Medien und Artenschützern, die seit 1973 Anfang März einen Artenschutztag begehen. Und es ignorierte die wütenden Fischer, die auf ihre traditionellen Fangrechte verwiesen. Die Population des sich nur langsam fortpflanzenden Walhais war unter dem Fangdruck eingeknickt, der Walhai vom Aussterben bedroht. Das Gesetz verbietet seither seinen Fang, den Ver- und Ankauf sowie Transport des Fleisches. Die meisten Menschen halten sich daran; nur einige philippinische Politiker und reiche Familien bestechen Behörden, um das Meer leer fischen zu können.

Tarogs Zufriedenheit mit alldem schwankt wie die Gezeiten des Meeres: Der Pegel hebt sich, wenn die Touristen kommen, weil das sein Einkommen sichert; aber er senkt sich schnell wieder, wenn er die Auswüchse sieht. Nicht überall, wo Ökotourismus draufsteht, ist Ökotourismus drin, musste er feststellen.

Reynand Tarog ist ein scheuer, nachdenklicher Riese, Stiernacken, ein Kreuz so breit wie eine Schrankwand und ein enormer Bizeps. Die Lage in Donsol findet er furchtbar. Es gebe zu viele Touristen für immer weniger Haie. „Den Leuten geht es nur um den Profit, die Butandings sind ihnen egal“, murmelt er. Seit zwei Stunden schippert das Boot über den Ozean, und seit der ersten Begegnung hat niemand einen weiteren Hai gesehen.

In den planktonreichen Gewässern von Donsol gab es die Walhaie schon immer. Bisher kann niemand so richtig erklären, warum die Haie die Nähe des Menschen dulden, aber sie kommen Jahr für Jahr wieder in die Bucht zurück, und jedes Jahr kommen jetzt zehntausende Menschen, um mit ihnen zu schwimmen. Das ist gut für die Menschen, aber schlecht für den Fisch. Die Mengen an Besuchern, die unkontrolliert in den Lebensraum des Hais einfallen, stören dessen Gewohnheiten, so sieht es jedenfalls Tarog. Und alle merken, dass die Walhaie vor Donsol weniger werden.

Vor 1998 wurde der Riesenfisch jahrzehntelang von den Fischern gejagt, denn außerhalb der Philippinen erzielen Flossen, Fleisch und Haut des Haies hohe Preise. Die Flossen gelten als Delikatesse und Potenzmittel. Auf die Einsicht, der Hai sei schutzwürdig und eine gute Touristenattraktion, folgten ein Walhai aus Pappmaché am Ortseingang, Butanding-Graffiti an Mauern, eine mehrtägige Butanding-Fiesta. Die meisten Einwohner von Donsol leben inzwischen vom Hai-Tourismus, der für den Fisch die Überlebenschance sein sollte, aber vielleicht nicht sein wird.

Es beginnt zu regnen, die See wird rauer, Wellen schwappen über die Reling ins Boot. Das Boot klappert die Gewässer entlang der Küste ab, vor denen einst Ferdinand Magellan segelte. Erfolglos.

Tarog erzählt, dass hier früher Dutzende Butandings schwammen. Dass er als Kind auf dem Rücken der Fische geritten sei und dass deren Haut an den Oberschenkeln scheuerte.

Nach einer Weile entdecken die Späher in der Ferne einen Pulk Boote. Es hat den Anschein, als ob die um die Wette führen. Sie pflügen im Zickzack durchs Wasser, kreuzen, schneiden sich gegenseitig den Weg ab. 15 Boote sind es. Mehr als 40 Schnorchler sind schon ins Meer gesprungen. Sie hetzen einen Walhai durchs Plankton. Sie kicken sich gegenseitig ihre Flossen ins Gesicht. Sie schwimmen übereinander weg, drücken andere Schnorchler unter Wasser. Eine philippinische Touristin heult im Meer, während sich zwei deutsche Touristen im Wasser regelrecht prügeln. Und ständig kommen neue Boote hinzu, die ihre Menschenfracht ins Meer abladen.

„Hej!“, ruft Tarog den Butanding-Guides auf den anderen Booten zu. „Was macht ihr da? Es ist nur ein Boot pro Butanding erlaubt.“

Keine Reaktion.

Tarog ruft lauter, so lange, bis er eine Antwort bekommt.

„Was willst du denn? Du hast uns gar nichts zu sagen“, brüllt ihn jemand von einem der anderen Boote an.

Tarog zuckt mit den Schultern, setzt sich missmutig an den Bug und gibt dem Kapitän ein Zeichen, weiterzufahren. Dann vergräbt er die Stirn in seinen Pranken. „Die Walhaie sind jetzt schon verstört. Wir müssen sie schützen“, murmelt er. Aber er weiß, so lange jedes Jahr mehr und mehr Touristen in Donsol einfallen, wird das schwierig werden.

Tarog ist ein Gefangener seines Gewissens. O ja, er könnte petzen, Bootsführer und Guides verpfeifen; aber dann stünde er in der Stadt als Verräter da. „Das ist auch keine Lösung“, sagt er. Er hält sich am Bootsrand fest.

Sein Boot gleitet immer weiter hinaus aufs Meer, Meile um Meile. Vier weitere Butandings findet es noch. Doch in die Freude mischt sich ein schaler Beigeschmack. Reynand Tarog steht am Bug und scannt den Meeresspiegel nach Flossen ab. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Mensch die Butandings aus Donsol vertrieben hat“, sagt er, während vor dem Boot ein sieben Meter langes Walhaiweibchen auftaucht. „Genieß es, so lange es noch möglich ist“, sagt er dem Fisch. Dann setzt auch er die Taucherbrille auf und springt mit den Gästen ins Wasser.

Im Touristenbüro von Donsol sind die Mitarbeiter offiziell dafür verantwortlich, dass die Regeln zum Schutz der Walhaie eingehalten werden. Aber zuständig fühlt sich niemand. Am Eingang drängen sich einheimische und internationale Touristen. Einige klagen, dass sie den Anblick ihres Walhais mit anderen Besuchern teilen mussten und fordern ihr Geld zurück. Diejenigen, die ihren ersten Hai gesehen haben, sehen berauscht aus. Im Fernseher läuft ein Video über verantwortungsvolles Schwimmen mit den Walhaien, aber kaum jemand sieht hin. Die Touristenpolizei führt die beiden Streithähne ab, die sich eben im Wasser geprügelt haben. Nenita Pedragosa, die oberste Aufpasserin der Tourismusbehörde, hat sich seit Tagen nicht in ihrem Büro blicken lassen, Anrufe und Textnachrichten ignoriert sie wie die Eule das Tageslicht.

Ja, natürlich, man tue alles, um die Butandings zu beschützen, stottert ein Stellvertreter. Aber man könne ja nicht jedes Boot kontrollieren, das soll man doch bitte verstehen. Noch Fragen?

Nur eine: Wie lange werden sich die Fische den Stress mit den Menschen noch antun, bis sie weiterziehen?

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