Zeitung Heute : Der bekannteste Unbekannte

PETER HERBSTREUTH

Manfred Pernice, bildender Künstler aus BerlinPETER HERBSTREUTHLetztes Jahr ließen sich drei Sammler während der Kunstmesse Art Forum von einem großen architekturbezogenen Werk begeistern.Da begann der plötzliche Aufstieg des Berliner Künstlers Manfred Pernice, dessen Arbeit von der Kunstkritik bislang kaum bemerkt wurde.Wieder hat sich bestätigt, daß sie für Entscheidungen von Sammlern bedeutungslos ist.Das initiale Werk nahm die gesamte Koje der Galerie Neu ein und war in seiner spröden Merkwürdigkeit nicht zu übersehen.Und weil die Händler dafür sorgten, daß sich der Ankauf eines einflußreichen Sammlers herumsprach, galt Manfred Pernice fortan als Geheimtip.Vermittler lernten schnell den Namen mit französischem Klang zu buchstabieren. Bald darauf zeigte der Ausstellungsmacher Harald Szeemann Skulpturen von Manfred Pernice zur Biennale in Lyon.Zwar blieb das Werk auch dort bei Kritikern unerwähnt, aber Pernice hatte das Interesse des Kurators Hans Ulrich Obrist geweckt - und seine Konstruktionszeichnungen beim diesjährigen Art Forum nahezu ausverkauft.So wurde Pernice (Jahrgang 1963) zum bekanntesten unbekannten Künstler Berlins. War er nicht überrascht, daß sein Werk gleichsam erwartet wurde? Pernice überlegt.In der Paris Bar ist es laut.Am Nebentisch überbieten sich zwei Künstler mit ihren Ausstellungsterminen.Hinter uns versucht ein Kunstvereinsleiter, einem Investor ein Marketingkonzept aufzudrängen.Schließlich sagt Pernice: "Ich hatte aufgehört, Kunst zu machen und dann wieder damit angefangen." Er wiegt jedes Wort und wirkt wie ein Mann, der die Wüste durchquerte, etwas ruppig und zerzaust und bemerkenswert bescheiden an diesem Ort, wo die Leute desto bedeutender werden, je besser der Wein schmeckt. Eine gewisse Weltfremdheit sieht man auch den Skulpturen an.Pernices Einstellung entspricht genau dem, was Adorno einst von künstlerischer Wahrnehmung forderte: Sie nehme die Welt als fremde wahr oder überhaupt nicht.Die Skulpturen lassen sich auf die Liftfaßsäule zurückführen, einen Bildträger, der zum Bestand des urbanen Raums gehört.Pernice dehnt und spreizt die zylindrische Grundform, versetzt und verschachtelt ihre Innen- und Außenansichten.Geht man um die Modelle aus Pappe und Sperrholz herum, wird der Bezug zu Hans Scharoun augenfällig.Manches wirkt, als habe Pernice Fragmente und Vorstudien der Berliner Philharmonie und Staatsbibliothek als Vorbild genommen und darauf Werbeplaketten und Ansichtkarten angebracht und dem Vorbilds die Vorläufigkeit des Entwurfs zurückgegeben.Das entspricht auch dem Verhältnis seiner Konstruktionszeichnungen zum Modell.Was aber fügt er der vorgefundenen Architektur hinzu? Er versucht, ihr eine Art Gewissen des Handwerks zu geben und dem Ethos des Machens das verspielt Provisorische zu integrieren."Ich arbeite gerne mit den Händen", sagt er entwaffnend auf die Frage, woher sein Interesse an der Architektur komme. Eine kluge Interpretin sprach von einem "virtuellen Sperrholz-Space".Ein Blick auf die Modelle genügt, um zu sehen, daß sie so verweht und verloren wirken wie Liftfaßsäulen in einem verlassenen Industriegebiet.Die Zukunft, auf die sie verweisen, ist vorüber.Ihre Fremdheit rührt an künftig Vergangenes - und würde im übrigen gut zu Blade Runner passen: Melancolia, Futur II. 

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