Zeitung Heute : Der beleidigte Stolz

Vom Erfolg verwöhnt, besser als die anderen: Das war immer Teil der bayerischen Identität – und der CSU-Identität sowieso. Ein Hochgefühl, das Stoiber verspielt hat und das seine Nachfolger Huber und Beckstein nicht zurückerobern konnten. Jetzt haben die Wähler die Rechnung dafür präsentiert

Robert Birnbaum[München]

Das Entsetzen ist ohne Worte. Stumme Gesichter starren auf Fernsehbildschirme. Erst als die Tortengrafik mit der künftigen Sitzverteilung im Münchner Landtag erscheint, lässt ein älterer Mann pfeifend die Luft raus. Die nackte Zahl, diese 43 Prozent, dringt bei den zwei Dutzend CSU-Anhängern noch nicht bis zum Verstand durch. Die Tortengrafik aber ist unmissverständlich. Das Schwarz der CSU füllt nicht mehr fast den ganzen Halbkreis. Es füllt nicht mal mehr die Hälfte. Draußen vor dem CSU-Saal im Landtag steht zur gleichen Zeit Hans Spitzner, CSU-Urgestein, sandfarbener Trachtenjanker, ehemaliger Staatssekretär. „Geht scho wieder weiter“, murmelt Spitzner in das Radiomikrofon vor seiner Nase. „Geht scho wieder!“

Es geht aber gar nicht scho wieder. Die CSU hat nicht nur eine Wahl verloren. Sie hat die mythischen 50 plus X verloren. Sie hat die Alleinherrschaft verloren. Sie hat so furchtbar verloren, wie sie sich das vorher nie und nimmer hat vorstellen können. Minister wie Barbara Stamm und Beate Merk müssen um den Einzug in den Landtag fürchten. 43 Prozent wären für jede andere Partei ein Traumergebnis. Für die Partei, die geglaubt hat, dass sie Bayern ist, ist es, mit dem Europaminister Markus Söder zu sprechen „ein Desaster, genauer gesagt eine Katastrophe“.

Erst mal dauert es eine ganze Weile an diesem Sonntagabend im Maximilianeum, bis die ersten Christsozialen ihre Worte wiederfinden. Innenminister Joachim Herrmann hat schon mal einen gewissen Trost für sich selbst bereit: „Jedenfalls wollen die Leute nicht, dass Bayern links regiert wird.“ Das stimmt. Die Linkspartei hat es – knapp zwar – nicht geschafft. Die SPD hat ihr historisches Tief von 2003 noch unterboten. Dem Frohsinn des Spitzenkandidaten Franz Maget tut das übrigens keinen Abbruch. Er macht sogar mit zwei Fingern das Victory-V-Zeichen, als er im Steinsaal vor die Mikrofone tritt. Es heißt aber nur „Ich hab’ zwei Minuten Zeit.“ In den zwei Minuten freut er sich. So lange hat die SPD darauf gewartet, dass die CSU einmal eine Wahl verliert. „Heute haben wir das erleben können“, sagt Maget. „Das war schön.“

Nein, die Bayern haben nicht links gewählt. Sie haben entweder gar nicht gewählt – die Wahlbeteiligung ist rekordverdächtig gering. Oder sie haben FDP gewählt, was dazu führt, dass die Landesvorsitzende Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sehr staatsfrauliche Sätze sagt wie „Wir sind für Experimente nicht zu haben.“ Ein Experiment wäre ein Viererbündnis gegen die CSU. Theoretisch ist das denkbar, praktisch hat die FDP schon vorher angekündigt, dass sie gegebenenfalls lieber mit der CSU koalieren will.

Wieder andere Bayern haben die Freien Wähler gewählt. Die Freien sind die großen Gewinner, diese „Volkspartei im Miniaturformat“, wie sie ein wichtiger CSU-Mann einmal genannt hat. Für die CSU steckt im Erfolg von Freien und Freidemokraten ein zweiter kleiner Trost: Wenigstens sind die abtrünnigen CSU-Wähler im bürgerlichen Lager geblieben. Oder, wie es die CSU-Generalsekretärin etwas nassforsch formuliert: „Wenn man das addiert, hat man ungefähr die Stärke, die die CSU 2003 gehabt hat.“

Darin steckt auch eine sehr viel weniger tröstliche Botschaft. Sie wird in der Wahlanalyse der nächsten Tage noch eine große Rolle spielen. Die Bayern haben der CSU nicht den Rücken gekehrt, weil sie eine Alternative in der Sache wollten – in der Sache sind sich CSU und Freie Wähler in vielen Fragen völlig einig. Es ging um anderes. Um das Erscheinungsbild. Um Glaubwürdigkeit. Die Partei hat immer von sich sagen können, dass sie als letzte wahre Volkspartei der Republik das Ohr ganz dicht am Volk hatte.

Wann und wo der Niedergang seinen Anfang nahm, lässt sich im Nachhinein übrigens präzise bestimmen: Am frühen Morgen des 11. Januar 2002 in der kleinen Ortschaft Wolfratshausen. Das war der Tag, an dem die CDU-Vorsitzende Angela Merkel dem CSU-Chef Edmund Stoiber die Kanzlerkandidatur auf dem Frühstücksteller servierte. Was dann folgte, katapultierte nicht nur den Oberbayern selbst auf eine Flughöhe, von der sein Mentor Strauß nur träumen konnte. Mit ihm zusammen hob auch sein Land ein bisschen ab. Da war endlich mal einer, der es den hochnäsig weltläufigen Preußen zeigte! Als die Bayern die CSU nach Stoibers knappem Scheitern mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit trösteten, lag viel trotziger Minderwertigkeitskomplex in diesem Wählervotum.

Das Problem war nur: Stoiber, einmal abgehoben, blieb da oben. Dass ihm die Hightech- und Highcost-Schwebebahn Transrapid zum Lieblingsprojekt wurde, ist von hinterhältiger Symbolik. Sein Land ließ er unsanft auf den Boden der Realität krachen. Ein an sich ja völlig harmloser Sparplan wie die Abschaffung der Lernmittelfreiheit löste derart wütenden Elternprotest aus, dass Stoiber zurückziehen musste. Verstanden hatte er damals schon nicht. Es ging nicht ums Geld. Es ging um den Stolz der Erfolgsgewöhnten, besser zu sein als die anderen. Auch die Bayern wollten noch etwas schweben. Endgültig beleidigt hat Stoiber ihren Stolz, als er 2005 vor der drohenden Verantwortung in Berlin floh.

Man muss daran schon noch einmal erinnern, weil in- wie außerhalb der CSU die Neigung zur Vergesslichkeit unübersehbar ist. „Der Stoiber wird schon wieder gefeiert als wär’ nie was gewesen“, ärgert sich ein Spitzen-Christsozialer. Stoiber selbst feiert mit. Keiner hat so nachdrücklich wie er darauf bestanden, dass die Messlatte bei „50 plus X“ liege und nicht bei der deutlich niedrigeren Marke „absolute Mehrheit der Sitze“. Dass er sich die Mühe offenbar hätte sparen können – das sich vorzustellen hat selbst Stoibers Fantasie nicht ausgereicht. Aber auch das gehört zu den hausgemachten Ursachen dieses Desasters: dass die Spitzenleute in der CSU bis zuallerletzt immer noch mit den meisten Gedanken dabei waren, wer hinterher wem welches Bein stellen und welchen Posten an sich reißen könnte.

Womit wir in der Gegenwart wären und bei dem Duo, das sich Stoibers problematisches Erbe teilte. Man kann den Anteil von Günther Beckstein und Erwin Huber an dem Desaster in einem Satz zusammenfassen: Der Stolz, den Stoiber den Bayern genommen hat, haben die zwei ihnen nicht mehr zurückgeben können.

„Die Bürger wollten uns einen Denkzettel verpassen“, sagt Erwin Huber. Der CSU-Chef hat die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Er wirkt auch sonst sehr entschlossen, wie er da im Treppenhaus des Landtags steht. „Es ist ein gewaltiger, großer Denkzettel geworden.“ Woran es lag? „Es gibt viele Ursachen.“ Huber lächelt jetzt sogar ganz leicht. „Sie sind in allen fünf Jahren entstanden.“

Ich war’s nicht alleine, soll das heißen, und Günther Beckstein war’s auch nicht alleine. Dennoch: Haben sich die Nachfolger nicht viel zu spät von Stoiber getrennt? Haben sie nicht in diesem Wahlkampf traurige Figuren abgegeben, ohne Ideen, ohne Schwung? War da nichts? „Ich will Edmund Stoiber nicht zum Sündenbock machen“, sagt Huber. „Ich flüchte aus keiner Verantwortung.“ Und Beckstein sagt, dass er die Verantwortung annimmt, die CSU jetzt erstmals in eine Koalition zu führen. „Die Menschen haben beschlossen: Es ist besser – aus ihrer Sicht –, dass wir in eine Koalition hinein müssen“, sagt Beckstein. „Wir werden in den sauren Apfel zu beißen haben.“

Was denn? Keine personellen Konsequenzen? Und was sagt Horst Seehofer dazu? Seehofer sitzt in seinem Wahlkreisbüro in Ingolstadt. „Wir müssen jetzt geeignete Schritte im Vertrauen gehen“, sagt Horst Seehofer. Von „Konsens“ spricht er jetzt, von „Wähler zurückgewinnen“. Seehofer, hieß es vorher, der wird den Huber wegfegen, wenn’s schief geht. Aber Seehofer klingt nicht nach wegfegen. „Jetzt hat niemand Grund, seine Eitelkeiten zu pflegen.“ Nein, telefoniert habe er nicht. Netzwerke gespannt hat er auch nicht.

Kein Putsch? Vielleicht wirklich kein Putsch. Wenn die CSU bei 49 Prozent gelandet wäre oder bei 48 Prozent, Huber wäre weg gewesen. Aber die CSU ist bei 43. Der Blick in den Abgrund. Das ist nicht die Zeit für Personalspiele. Es geht jetzt wirklich um alles, sonst ist da nämlich demnächst gar nichts mehr zu verteilen. Auch Söder ist infolgedessen geradezu staatstragend: „Das Schlimmste was jetzt passieren könnte wäre wenn wir uns jetzt zerfleischen.“

Deshalb also hat Erwin Huber die Hände so entschlossen in die Taschen vergraben. „Helm enger schnallen, zusammenhalten, zusammenstehen“, sagt der CSU-Vorsitzende. Er wirkt zum ersten Mal seit Wochen wirklich wie der Chef.

Und doch. Wer genau den Satz geprägt hat, liegt im Dunkel der Parteigeschichte, also wird es wohl schon wieder Franz Josef Strauß gewesen sein: Die CSU könne niemand besiegen außer sie selbst. Der Satz war zu besseren Zeiten, als sie noch mit Getöse durch die Republik stolzierte, ein Ausdruck purer Kraft. Jetzt entpuppt er sich als rabenschwarze Prophezeiung. Die CSU hat sich selbst besiegt.

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