Zeitung Heute : DER BERLINER WEG IN DIE INFORMATIONSGESELLSCHAFT (4)Der direkte Draht zum Bürger wird gespannt

LEONIE LENTZ

"Berlin - Verwaltung interaktiv" setzt auf Informationstechnologie / "BürgerDienste" verspricht mehr Service und weniger BürokratieVON LEONIE LENTZEin Zukunftsszenario, das verlockend klingt: Im Berlin des Informationszeitalters könnte der Kitaplatz per Tastendruck vom Arbeitsplatz aus beantragt und die Bettlektüre der Bezirksbibliothek nachts zuhause am PC verlängert werden.Auch mit einem Anruf im 24-Stunden-Callcenter wäre Behördliches zu erledigen, in dringenden Fällen käme der Verwaltungsangestellte dann mit seinem Laptop direkt zum Bürger ins Haus.
Von der heutigen Verwaltungswirklichkeit ist diese Vorstellung weit entfernt.Doch die Berliner Verwaltungen setzen auf Informationstechnologie, weil sie sparen müssen, und wollen sich mit neuer Ausstattung auch den Bürgern zugänglicher präsentieren als bisher. Die Landesinitiative "Berliner Weg in die Informationsgesellschaft" erklärt die Berliner Verwaltungslandschaft zum Zielgebiet der geplanten informationstechnischen Innovation."Berlin - Verwaltung interaktiv" lautet die Devise.
Während sich das Fachgremium der Landesinitiative in dieser Woche konstituiert hat, wird intern bereits an Projekten gearbeitet, die den internen Informationsfluß zwischen den einzelnen Verwaltungsstellen verbessern sollen.
"Das Straßennetz ist vorhanden, aber es werden noch mehr Verkehrsregeln gebraucht", beschreibt Karl-Heinz Wiemer, Leiter des Projektes "BürgerDienste" der Berliner Innenverwaltung die anstehenden Verbesserungen bei der Nutzung des Berliner Verwaltungsnetzes MAN (Metropolitan Area Network).Sie sind notwendige Voraussetzung dafür, daß das Konzept der "BürgerDienste" im Sinne bürgernaher, dezentraler, informationstechnisch gestützter Dienstleistungen auch tatsächlich aufgehen kann.
Noch werden in den einzelnen Verwaltungsabteilungen die Daten mit jeweils unterschiedlichen, teilweise veralteten Programmen verarbeitet und können daher untereinander kaum ausgetauscht werden.Will man in Zukunft aber den Bürgern eine Anlaufstelle mit möglichst umfassendem Angebot bieten, so müssen deren Mitarbeiter über eine einheitliche Benutzeroberfläche verfügen, die den Zugriff auf alle benötigten Daten erlaubt.
Heute hat beispielsweise eine Familie, die gerade nach Berlin gezogen ist, alle Hände voll zu tun, um die erforderlichen Formalitäten abzuwickeln: Anmeldung der Kinder in Kita und Schule, Gang zur Einwohnermeldestelle, das Auto ummelden, Wohngeld beantragen - die Liste der Behördengänge ist lang.
In einigen Jahren dagegen, so planen die Mitarbeiter des "BürgerDienste"-Projektes, soll diese Familie sich mit allen Fragen an ein "Kiezbüro" in ihrer Nähe wenden können, in dem die notwendigen Anträge dann nicht nur entgegengenommen, sondern auch sofort elektronisch bearbeitet werden können. Ein Pilotprojekt im Landeseinwohneramt wird dieses Jahr den Anfang machen.Dort soll zunächst die Zusammenarbeit zwischen Meldestelle, Kraftfahrzeugsamt und Führerscheinregister getestet werden.Ein computergestütztes Informationssystem wird den Mitarbeitern die nötige Arbeitshilfe dazu geben.
Klappt es erst einmal mit dem internen Datenfluß, dann sollen auch die Verwaltungskunden von dieser neuen Infrastruktur profitieren.Ein Callcenter könnte, so Wiemer, schon innerhalb der nächsten zwei Jahren seine Dienste anbieten, auch die serviceorientierten, vernetzten Kiezbüros seien dann technisch realisierbar.Wann Berliner Bürger, wie anvisiert, die neue Benutzeroberfläche ihrer Verwaltung auch selbst im Internet werden ansteuern können, ist hingegen noch ungewiß, zumal ein Internetanschluß zuhause oder am Arbeitsplatz noch längst kein Berliner Standard ist.
Die Beteiligten der "BürgerDienste" sehen sich motiviert durch die Verwaltungsreform, nach der das Image der Verwaltung verbessert und die Bedürfnisse der Bürger stärker berücksichtigt werden soll.Gleichzeitig ist auch für sie die schwierige Berliner Haushaltslage allgegenwärtig: "Der massive Stellenabbau in der Berliner Verwaltung bestimmt die Rahmenbedingungen, unter denen wir hier organisieren", so Projektleiter Wiemer.Wenn das Dienstleistungsangebot unter den verordneten Kostensenkungen nicht leiden soll, führt am interaktiven Netzwerk Verwaltung kein Weg vorbei. Stand der Technik leo.Der informationstechnischen Modernisierung der Berliner Verwaltung komme eine doppelte Bedeutung zu, meint Eike Lancelle, Staatsekretär der Innenverwaltung und Sprecher des Fachkreises "Berlin - Verwaltung interaktiv".Zum einen sei ein verstärkter Technikeinsatz notwendig, um die geforderten Stelleneinsparungen zu realisieren: Von über 200 000 Stellen im Jahr 1992 wird die Berliner Verwaltung im Jahr 2001 voraussichtlich noch 140 000 zählen.Zweitens wolle man Bürgern und Wirtschaft effizientere und innovative Leistungen anbieten. Was die technische Ausstattung der Dienststellen betrifft, so holt Berlin mit 30 000 Computerarbeitsplätzen im bundesweiten Vergleich mittlerweile auf, hat aber immer noch Nachholbedarf, erläutert Karl-Heinz Löper, Leiter des IT-Referates der Innenverwaltung.Auf neuesten Stand sei hingegen das Glasfasernetz, das die Berliner Verwaltungsstandorte verknüpft.Die verstärkte Nutzung dieser "Stadtautobahn der Daten" soll dem Verwaltungskunden dank interaktiver Angebote Behördengänge ersparen. Der Fachkreis "Berlin - Verwaltung interaktiv", der in diesem Monat seine Arbeit aufgenommen hat, bringt Vertreter der Verwaltung, der Unternehmensinitiative Pro T.I.M.E.sowie Verwaltungswissenschaftler zusammen.Es sollen Leitgedanken und Projekte dafür entwickelt werden, wie den Herausforderungen des Informationszeitalters begegnet werden kann.Dabei wird nach übertragbaren Konzepten der Informationstechnik (IT) gesucht, aber auch nach neuen Formen der gemeinsamen Finanzierung durch öffentliche Hand und private Wirtschaft.

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