Zeitung Heute : Der Blick ins Böse

Er ist der wichtigste Gefangene des Irak. Er hat den Terrorchef Sarkawi getroffen – und spricht darüber. Protokoll einer Vernehmung

Erwin Decker

Sein Name wird selten ausgesprochen. Wenn sie unter sich sind, nennen sie ihn nur den Scheich. Andere nennen ihn den Schlächter im Namen Allahs. Er nimmt regelmäßig Geiseln, er soll ihnen eigenhändig die Köpfe abschneiden. Auf seinen Kopf haben die Vereinigten Staaten von Amerika eine Belohnung von 25 Millionen Dollar ausgesetzt. Wenige haben ihn bisher gesehen. Fathala F. hat ihn in Falludscha getroffen und in seine Augen geschaut. Abu Mussab al Sarkawi.

Fathala F. ist 23 Jahre alt und war stellvertretender Kommandeur einer Terroristengruppe im Nordirak. Autobomben, Selbstmordattentate und die Sabotage der Erdölpipelines waren sein Geschäft. Er wurde verhaftet. Jetzt sitzt er an einem geheimen Ort im Irak und wird verhört. Er ist der wertvollste Gefangene, den sie haben, Fathala F. ist bisher der einzige Festgenommene, der Sarkawi, den Kopf des Terrornetzwerkes „Rechtgläubigkeit und heiliger Krieg“, getroffen hat.

Es ist ein karger, weiß getünchter Raum, an den Wänden links und rechts steht jeweils ein Sofa. Auf einem davon sitzt Fathala F. In der Mitte steht ein Schreibtisch. Ein Dolmetscher und ein Geheimdienstmann sind noch dabei. Oben an der Decke brennt eine Leuchtstoffröhre. Dem Gefangenen wurde eine Art Kronzeugenregelung versprochen, wenn er mit den Behörden kooperiert. „Bisher waren seine Aussagen zu 100 Prozent richtig“, sagt der Ermittler. Fathala ist Kurde und besuchte eine Koranschule, er stammt aus einer Gegend an der Grenze zum Iran. Seit die Amerikaner im März 2003 die Dörfer dort zerstörten, schlossen sich viele ihrer männlichen Bewohner der Gruppe um Sarkawi an.

Fathala F. sitzt auf dem Sofa in dem weißen Raum, es ist sehr hell, obwohl das Fenster mit Brettern vernagelt ist, die Leuchtstoffröhre. Fathala F. erzählt. Davon, dass sich die Kommandeure der insgesamt fünf Widerstandszellen im Irak – oder deren Stellvertreter – in unregelmäßigen Abständen mit der achtköpfigen „Schura“ treffen, dem Komitee. So nennt sich der Führungskreis um Sarkawi. Die Mitglieder nennen sich Emire. Hier werden die blutigsten Attentate besprochen und das Geld für den Terror verteilt.

„Wir rufen eine ständig wechselnde Kontaktperson in Bagdad an“, sagt Fathala F., „und fragen nach dem Liefertermin einer vorher abgesprochenen Ware. Der Liefertermin ist der Zeitpunkt zum Treffen. Die Treffen waren immer in Falludscha.“ Auch jenes mit Sarkawi.

Der Weg zum Komitee an diesem Tag sei wie immer gewesen, sagt Fathala. Er sei mit dem Sammeltaxi nach Falludscha gefahren, um nicht aufzufallen. Als er in ein wartendes Auto umstieg, wurden ihm die Augen verbunden. Ein Mann nahm sein Mobiltelefon an sich. Als der Wagen nach 20 Minuten hielt und Fathala die Augenbinde abgenommen wurde, stand er vor einem Haus in einem Hof mit einer drei Meter hohen weißen Mauer. Im größten Raum im Erdgeschoss saßen die Mitglieder der Schura auf dem Boden. In der Mitte ein Chromtablett mit Teetassen. Die meisten der Männer kannte er.

Er sei Sarkawi vorgestellt worden, dem Scheich. „Er nahm meine Hand und sagte: ,Allah soll dich immer beschützen.’ Ich war so aufgeregt, dass ich erst nichts sagen konnte. Ich küsste seine Hand und dachte: Hier steht das Vorbild für alle, die im heiligen Krieg kämpfen. Seine Hand hat das Schwert gegen die Ungläubigen geführt und sie geköpft, wie es der Koran vorschreibt. Dieser Mann hilft uns, die Amerikaner aus dem Land zu jagen.“

Wie Fathala später erfuhr, wollte der Scheich ihn unbedingt sehen. Sarkawi, so wurde ihm erzählt, möchte bei vielen Treffen der Schura junge Kämpfer dabei haben. Das soll sie motivieren.

Sarkawi, sagt Fathala, saß an der hinteren Wand. Er trug eine weiße Dischdascha, jenes pyjama-ähnliche Gewand, und eine weiße Kappe auf dem Kopf. Über der Dischdascha trug er eine grüne Weste mit vielen Taschen und ein Schulterholster mit einer Pistole Marke Glock. Die gleiche Pistole tragen die irakischen Polizisten. Vor Sarkawi lag die kleinste Maschinenpistole, die Fathala je gesehen hatte. „Alle in der Runde blickten auf die Waffe“, sagt er, „und keiner traute sich zu fragen, ob er sie mal in die Hand nehmen kann.“ Im Raum nebenan redeten Frauen, und im Hof spielten Kinder.

Sarkawi saß mit überkreuzten Beinen. Alles an ihm sei sehr gepflegt. Schlank soll er sein, er hat kurzes Haar und schmale Bartstreifen von den Mundwinkeln herunter zum Kinn. Am linken Arm trug er zwei Uhren aus Edelstahl. „Ich sah zuerst auf seine Beine. Im Fernsehen hatten sie gesagt, er habe eine Prothese. Gelogen. Seine Beine sind gesund. Er kann normal gehen.“

Den Vormittag über wurde über Geld geredet. Die fünf anwesenden Kommandeure bekamen für jeden Mudjahed ihrer Gruppe, so nennen sie die Kämpfer, 50000 Dinar pro Monat Unterhalt, das sind 37 Dollar. Wenn ein Kämpfer verheiratet war, gab es das Gleiche noch einmal für dessen Frau. Dann waren die Kosten für Anschläge an der Reihe.

„Es mussten Autos und Waffen gekauft und Häuser gemietet werden. Sarkawi hörte nur zu.“ Es wurde nicht gefeilscht, sagt Fathala, Sarkawi griff in die Taschen seiner Weste, zählte Bündel von Einhundertdollarscheinen ab und verteilte sie. Sein Buchhalter notierte die Summen.

Einzelne Terroranschläge interessieren den Scheich nicht. Er soll gesagt haben, für ihn ist das Gesamtbild des Widerstandes im Irak wichtig. Jede Zelle könne selbst entscheiden, er wolle nur die Strategie vorgeben. Es soll für den Feind keine Befehlsstruktur zu erkennen sein.

Besonders gelobt wurden Erschießungen von Regierungsmitgliedern.

„Sarkawi redete auch über die Schiiten im Süden des Iraks“, sagt Fathala. „Er hasst sie. Einen Bürgerkrieg im Irak sieht er als bestes Mittel einer Selbstreinigung. Die Menschen werden dann danach begehren, dass die Scharia, das islamische Recht, eingeführt wird. Er sagte, ein islamischer Irak werde die Plattform sein, um die Regierungen der benachbarten arabische Staaten zu stürzen.“

Dann habe Sarkawi sich an Fathala gewandt. „In deinem Gebiet muss mehr passieren“, soll er zu ihm gesagt haben. „Der Norden wird unsere nächste große Kampfzone werden.“ Er habe leise gesprochen, aber mit klarer Stimme. Er blicke seinem Gesprächspartner beim Reden in die Augen, sagt Fathala, oftmals bis der den Blick senkt. Er zitiere immer wieder Suren aus dem Koran.

„Ich erklärte ihm, dass wir Probleme haben, weil einige unserer Kämpfer umkamen und die Kontrollen der Iraker und der Amerikaner stärker werden.“ Sarkawi könne ihm keine von seinen Männern schicken, bekam er zur Antwort, die sprächen nicht Kurdisch und würden auffallen. „Fahr in den Iran, dort gibt es im Haus des Koran in Sanandaj genug gut ausgebildete Kurden. Ändere deine Taktik, schleuse deine Männer vor allem bei der Ölproduktion ein. Lass sie so lange dort arbeiten, dass man Vertrauen zu ihnen gewinnt.“

„Ich bekam bei diesem Treffen außer dem Sold für meine Mujahed noch 5500 Dollar für kleinere Anschläge. Das war der normale Satz, den wir sonst auch immer bekamen. Wir planten gerade keine größeren Aktionen, für die man Autos kaufen musste oder teure Technik. Und Ölpipelines sprengen, das kostet fast nichts.“

Fathala F. lebte in einer Stadt im Haus seines Bruders, zusammen mit dessen Familie. Er fiel nicht auf. Andere Terroristen haben ein Taxi oder eine Baufirma zur Tarnung.

Es wurde Mittag, erzählt Fathala. Sarkawi ging in den hinteren Teil des Raumes und betete auf einem Teppich. Die anderen beteten weiter vorn. Zwei Männer brachten danach das Essen. „Wir gingen zuvor noch zum Händewaschen in den Hof“, sagt Fathala. „Sarkawi nahm seine Waffe mit. Ich stand neben ihm und musste meine wichtigste Frage an ihn stellen: Hast du Kontakt zu Osama bin Laden?“ Er habe gesagt: „Nein, im Moment nicht, aber ich suche den Kontakt. Es ist schwierig. Wir haben vereinbart, dass wir kein Risiko eingehen.“

„Hast du versprochen, ihm zu folgen?“, sei die nächste Frage gewesen. „Ich bin nicht sein Soldat, meine Gruppe verfolgt aber die gleichen Ziele. Wir stehen fast täglich für Allah im Mittelpunkt des Weltgeschehens. Es wird bald ein ganz großes Ereignis geben. Du wirst dich mit uns freuen und an meine Worte denken, wenn es so weit ist.“ Fathala habe gefragt, ob es im Irak geschehen werde. „ Die Welt wird mehr darüber reden als über den 11. September“, war die Antwort.

Es gab Hähnchen und Vorspeisen mit Fladenbrot. Sie aßen auf dem Boden mit den Händen. Während des Essens sagte Malik, ein Saudi, der seine Terroristenausbildung in Afghanistan gemacht haben soll: „Ihr müsst euch um Geld keine Sorgen machen, wir haben für viele Jahre genug davon.“ Fathala sagt, er hat es gezählt: Aus den Taschen von Sarkawis grüner Weste wurden an diesem Tag 172000 Dollar weitergereicht.

Nach dem Essen standen alle auf und gingen durch eine Eisentür, die vorher von einem Wandteppich verdeckt war, in das Nachbargebäude. Sarkawi hing sich seine Waffe um. Es ging durch eine weitere verdeckte Tür. „Wir durchquerten so acht Häuser, es musste ein ganzer Straßenblock sein, bis wir uns in einem Haus hinsetzten. Niemand von außen konnte sehen, wo und wie wir uns bewegten.“ Der Tee stand schon auf dem Boden. Man hörte wieder Frauen im Nebenraum.

Das Gespräch drehte sich jetzt um die Hilfe aus dem Ausland. Der Scheich habe es so erklärt: „Finanzielle Unterstützung bekommen wir hauptsächlich aus Saudi- Arabien, logistische aus Syrien. Einige arabische Firmen helfen uns bei den Geldtransfers. Das ist fast das Wichtigste, weil alle Geldflüsse überwacht werden. Unsere zuverlässigsten Partner sind in Syrien. Die eifrigsten Selbstmordkandidaten kommen aus dem Jemen und Saudi- Arabien. Es wäre kein Problem, ein Jahr lang täglich zehn Männer dafür zu finden. Wir haben Kämpfer aus 16 Nationen.“ Abu Wael, ein Ex-Geheimdienstmann Saddams, habe gelacht und gesagt: „Bei vielen Selbstmordanschlägen wissen die Kandidaten gar nicht, dass sie mit in die Luft fliegen. Wir sagen ihnen, sie sollten als Mann Mut zeigen und einfach einmal mit dem Auto an einer Polizeiwache vorbeifahren. Einige haben wir an das Lenkrad gebunden, um sicher zu sein, dass sie nicht vorher aussteigen. Wir zünden dann die Sprengung per Funk. Also ist es eigentlich nur ein halber Selbstmordanschlag.“

Sarkawi stand auf, nahm seine Waffe und ging in den Nebenraum. „Ich hörte ihn mit den Kindern reden und lachen“, sagt Fathala F.

Es wurde ein neuer Alias-Name für Sarkawi vereinbart. Bis zum nächsten Treffen heißt er „Ibrahim“. Als die Männer schließlich auch aufstanden und sich verabschiedeten, habe Fathala noch einmal nach ihm gefragt, sagt er. „ Er ist schon an einem sicheren Ort“, war die Antwort.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar