Zeitung Heute : „Der Boden ist vorläufig tot“

Klimaexperte Cramer über die Folgen der Erwärmung

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WOLFGANG CRAMER

(46)

leitet die Abteilung für Globalen Wandel am

Potsdamer Institut für

Klimafolgenforschung

Foto: R/D

Herr Cramer, am heutigen Mittwoch könnte es passieren, dass der deutsche HitzeRekord gebrochen wird, der 1983 mit 40,2 Grad Celsius in einem bayerischen Dorf gemessen wurde. Wandelt sich unser Klima oder ist dies einfach nur ein heißer Sommer?

Wir haben zur Zeit ein außergewöhnliches Wetter, das zu extremem Klima führen kann. Erst, wenn die große Hitze häufig oder über längere Zeiträume stattfindet, kann man von einer Trendwende sprechen. Zunächst ist ein extremes Wetterphänomen nichts anderes als einfach ein extremes Wetterphänomen.

Wie viele Sommer hintereinander müssen heiß sein, damit Sie von Klimawandel sprechen?

Konventionell geht man in der Klimatologie von 30-Jahre-Perioden aus. Neuere statistische Methoden können allerdings schneller einen signifikanten Trend feststellen. Dann genügt schon eine leichte Temperaturerwärmung, um den Trend auszurufen. Dieser heiße Sommer kommt ja nicht unerwartet, sondern ist logische Konsequenz einer statistischen Reihe. Die letzten fünfzehn Sommer waren überwiegend sehr warm, es wird auch in Zukunft immer wärmer in Deutschland. Allerdings übersetzt sich eine globale Temperaturänderung nicht automatisch in jeder Region in einen wärmeren Sommer, aber die Wahrscheinlichkeit von größerer Hitze im Sommer steigt.

Werden die Winter auch wärmer?

Ja, die Winter waren und werden ebenfalls wärmer, aber nicht im gleichen Maße wie die Sommer. Es gibt in unseren Breiten kaum noch geschlossene Schneedecken.

Warum?

Wir haben eine von den Menschen gemachte Klimaveränderung. Die Kohlendioxid-Emission und die damit verbundene Erwärmung ist nach wie vor der entscheidende Faktor – auch für die Ozon-Werte, die in den vergangenen Tagen wieder hoch waren. Während uns das Ozon in der Atmosphäre vor UV-Strahlung schützt, hat es in der untersten Luftschicht eine schlimme Wirkung. Die Franzosen machen es vor: in Paris muss zur Zeit jedes Auto um 30 Stundenkilometer langsamer fahren.

Welchen Einfluss hat die Hitze auf die Umwelt?

In erster Linie verdunstet mehr Wasser. Das bedeutet, dass die Böden austrocknen. Viele Pflanzen gehen ein, wir verzeichnen große Ernteausfälle. Und natürlich die Waldbrände, die jetzt auch Brandenburg erreicht haben. Es wird jeden Tag schlimmer.

Verändern die Brände wiederum das Klima?

Die Brände sind zwar groß, aber der Rußausstoß ist glücklicherweise noch zu gering, um das Klima zu beeinflussen. Verglichen damit waren die brennenden Ölquellen im ersten Golfkrieg allerdings schon klimarelevant. Und im nächsten Jahr kann man davon ausgehen, dass die Stellen, die gerade verbrennen, noch stärker ausgetrocknet sein werden – es gibt keinen Schatten mehr. Der Boden ist vorläufig tot. Besonders im Mittelmeerraum wird es dauern, bis sich wieder etwas dort ansiedelt.

Und wie sind die Wetter-Aussichten?

Die nächsten Tage wird es so bleiben.

Das Gespräch führte Esther Kogelboom.

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