Zeitung Heute : Der brecher Wellen

1993 zerstörte ein gewaltiger Tsunami den kleinen japanischen Ort Aonae. Heute leben die Einwohner hinter einem Wall aus Beton. Und sie wissen: Das Meer kann jederzeit wiederkommen.

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Von Nicole Bastian Genau 198 Glasbausteine sind es, durch die das Licht in die dunkle Seite der Halle strahlt. „198, für jeden Toten einer“, erklärt Chihiro, der junge Museumsführer mit dem hennagefärbten Haar. Draußen, vor dem Fenster, strahlt das Meer im eiskalten Januarwind. Drinnen zeugen Fotos vom schlimmsten Tag, den eben dieses Meer über die kleine Insel Okushiri im Norden Japans brachte, dem Tag, an dem jeder zwanzigste Bewohner starb .

Es ist spätabends, am 12. Juli 1993. Um 22 Uhr 17 bebt die Erde. Die Fischer liegen schon in ihren Futons, als ein Seebeben der Stärke 7,8 mit dem Epizentrum keine 40 Kilometer von Okushiri entfernt ihr Leben verändert. Der Strom sei sofort ausgefallen, erinnert sich Hiroko Koyama. Die 53-jährige zierliche Frau führt heute eine Pension in Aonae, dem südlichsten Ort der Insel. Damals lebte sie mit ihrer Familie dicht am Hafen. Schnell packten sie die nötigsten Dinge und liefen durch die dunkle Nacht hinauf zu den bewaldeten Hügeln, die sich parallel zur Küstenlinie im Hinterland entlangziehen. Denn dass dem Beben die Flut folgen kann, hatten viele auf Okushiri erst zehn Jahre zuvor erlebt.

Gerade einmal drei Minuten dauerte es, bis die erste Welle Okushiri erreichte – zwei Minuten vor der ersten Tsunami-Warnung. „Die Schiffsleinen rissen, und die Schiffe wurden von den Wellen weggetragen und wieder angespült“, erinnert sich Hirokos Freundin, Fumiko Mikuni. „Immer höher schaukelten die Boote auf den Wellen. Es sah irgendwie erhaben aus, ich habe an Peter Pan gedacht.“

Fast 30 Meter hohe Wogen überrollten Okushiri. Die Gemeinde Aonae traf es am härtesten. Mehr als 100 der 1400 Bewohner kamen hier ums Leben. Von 20 wurden die Leichen bis heute nicht gefunden, darunter auch die von Angehörigen aus Fumikos Familie. „Ich mag das Meer nicht mehr“, sagt die 53-Jährige, die mit ihrem Mann ein Restaurant in Aonae betreibt. Immer müsse sie daran denken, dass vielleicht noch die Körper ihrer Verwandten da draußen sind. Lange hat die so burschikos wirkende Fumiko deshalb nichts mehr aus dem Meer gegessen. Und das auf einer Insel, die auch „Schatzinsel“ genannt wird wegen ihres Fischreichtums.

Seeigel und Abalone-Muschel sind die besonderen Spezialitäten Okushiris, für die in den Sommermonaten Juli und August rund 15 000 Touristen im Monat auf die Insel kommen – zum Schwimmen, zum Schnorcheln und zum Essen. Die drei Ryokan, Hotels der gehobenen Kategorie mit 60, 70 Betten, servieren ebenso wie die sieben kleineren Pensionen in Aonae morgens wie abends frische Meeresspezialitäten. Nach dem Unglück blieben zehn Prozent der Gäste weg. Inzwischen hat die Zahl der Touristen, die vor allem von der benachbarten nördlichen Hauptinsel Hokkaido kommen, wieder die alte Höhe erreicht.

Knapp fünf Jahre dauerte es, bis die Schäden behoben waren. Die meist zweistöckigen Häuser in Aonae reihen sich an der Hauptstraße auf, die vom Tsunami-Museum an der Westküste der Insel nordwärts führt. Die Stile sind bunt gemischt, vom beigen Holzhaus, das ebensogut in Kanada stehen könnte, bis zum viereckigen Betonklotz. Nur die alten Häuser mit den traditionellen Schiebetüren, die gibt es hier nicht mehr. Alles ist noch relativ neu, auch wenn hier und da die Türbeschläge schon rosten, der Lack der Fensterrahmen dem rauen Winterwetter mit seinen Schneestürmen nicht standgehalten hat. Hokkaidos Klima ist dem deutschen nicht unähnlich.

„Wir haben damals geglaubt, die Insel sei am Ende“, sagt Takemi Nagasaki von der Gemeindeverwaltung in der Inselhauptstadt Okushiri, 20 Minuten mit dem Auto von Aonae entfernt. „Niemand hätte gedacht, dass wir das in fünf Jahren wieder aufbauen.“ Und die Insel ist nicht nur wiederaufgebaut worden. Mit umgerechnet mehr als 685 Millionen Euro ist Okushiri so Tsunami-fest wie nur irgendmöglich gemacht worden.

Von Hiroko Koyamas Pension sind es nur wenige Minuten bis zum Meer. Einmal über die Straße, zwischen den Häusern auf der anderen Seite hindurch – und schon steht sie auf der Deichmauer. Neun bis zehn Meter ist der Betonwall hoch. Rechts ist der Hafen, davor ein riesiger Hochstand, auf den die Fischer im Notfall fliehen sollen. Dahinter beginnt der südlichste Zipfel, der sich weit in die See hineinschiebt. Hier hat Hiroko früher gewohnt. Dieser Ortsteil ist nicht wiedererstanden, der Streifen blieb frei, erinnert in seiner Leere an die Katastrophe.

Man kann auf der Betonmauer nach Norden spazieren, bis zum Schleusentor. Den Strand zur Rechten, zur Linken die Häuser von Aonae, dahinter die Hügel, auf denen Kühe und Pferde grasen. Schöner hat der graue Beton die Insel nicht gemacht. Natürlich wäre es besser, direkt auf das Meer zu sehen, meint Hiroko, während wir die Mauer entlanggehen. Manche Touristen ärgerten sich über die verschandelte Aussicht. Und die Fischer vermissen den morgendlichen Blick über die See. „Aber Sicherheit geht nun mal vor.“

84 Kilometer Küstenlinie hat die Insel Okushiri. 14 Kilometer Länge davon werden durch Betondeiche geschützt, die stehen praktisch überall in den Ortschaften. Ganze Straßenzüge in Strandnähe wurden um vier bis sechs Meter angehoben, die nötige Erde von den Bergen dahinter abgetragen. Schleusen wurden errichtet, deren Sensoren die Tore bei einem Beben der Stärke drei oder darüber automatisch schließen lassen.

Abgeordnete aus ganz Japan kommen nach Okushiri, um sich die Schutzvorkehrungen anzuschauen. „Ich glaube, wir sind bei der Vorsorge gegen Tsunami am weitesten in Japan“, sagt Takemi Nagasaki in der Gemeindeverwaltung. „Wenn man einmal weiß, wie gefährlich ein Tsunami ist, bringt man auch das Geld dafür auf.“ In einem separaten Raum in der Gemeindeverwaltung stehen die Computer, die Okushiri im Ernstfall warnen sollen. Da ist ein fast mannshohes Gerät mit einem Erdbebensensor. Im Falle eines Bebens der Stärke vier oder darüber werden die Bewohner automatisch alarmiert. Dafür stehen überall Lautsprecher auf der Insel. Und jeder Haushalt hat ein Empfangsgerät erhalten, das immer eingeschaltet bleibt. Auf eine extra Tsunamiwarnung wird nicht gewartet, schließlich kam die vor gut elf Jahren zu spät. „Erdbeben heißt bei uns immer auch Tsunami-Gefahr“, erklärt Nagasaki.

Auch die Pensionswirtin Hiroko Koyama hat den Notfall-Empfänger in ihrem mit vielleicht 30 Quadratmetern für japanische Verhältnisse außerordentlich geräumigen Wohnzimmer. An der Wand hängt ein Kalender mit dem Star einer koreanischen Fernsehserie, auf dem Boden neben dem Fernseher steht Pu, der Bär. Im Fernsehen läuft eine Serie über das Erdbeben in Kobe vor zehn Jahren, die Hiroko Tränen in die Augen treibt. „Man denkt schon auch immer daran, was hier passiert ist und wieder passieren kann, gerade wenn es wieder ein Erdbeben gibt wie in Niigata im letzten Jahr.“ 39 Menschen starben dort im Oktober. Solche Ereignisse machen Hiroko Angst, wegen der Nähe sogar noch ein bisschen mehr als die Katastrophe in Südostasien im Dezember.

Aus dem Notfall-Empfänger kommen Stimmen. Kein Grund zur Aufregung, die Inselverwaltung nutzt die Verbindung auch, wenn etwa Fachärzte auf die Insel kommen oder die Gemeinde ein Fest veranstaltet. So sind die Geräte Teil des täglichen Lebens – wie die Mauer. Fühlt sie sich sicher hinter dem Wall? Eigentlich nicht. Wo soll denn das Wasser abfließen, wenn es einmal über die Mauern kommen sollte, fragt Hiroko. „Wenn es noch einmal so schlimm kommt, dann ist es mit der Insel vorbei. Noch einmal können wir das nicht aufbauen.“

Warum geht sie nicht fort, an einen sichereren Ort? Ja, sie hätten daran gedacht, noch ein Stück weiter hoch auf den Berg zu ziehen. „Aber ich wollte am Meer sein.“ Weg von Aonae, von Okushiri, das kam ihr nicht in den Sinn. Wohin auch? In ganz Japan muss man mit Erdbeben rechnen. Aber hier auf Okushiri ist Hiroko geboren, hat sie bis auf wenige Jahre nach der Schule ihr gesamtes Leben verbracht. Als ihr Haus zerstört wurde, nutzten ihr Mann und sie das neue Grundstück, um ins Touristengeschäft einzusteigen. Doch kurz bevor die Familie in die neu gebaute Pension ziehen konnte, die mit den Säulen am Eingang etwas europäisch wirkt, starb Hirokos Mann. Sie bat ihren jüngsten Sohn, zurück auf die Insel zu kommen. Er arbeitet jetzt im Fischversand. „Von der Pension allein könnte ich nicht leben“, meint die Mutter von vier Kindern. Schließlich kommen außerhalb der Sommermonate kaum Touristen.

Im Winter wirkt Aonae verlassen, unter der Schneedecke und in seiner Ruhe weit weg von Tokio, das gut 700 Kilometer Luftlinie im Süden liegt. Zweimal täglich fliegen kleine Propellermaschinen mit noch nicht einmal 20 Sitzen vom Festland rüber, über schneebedeckte Berge und die tiefblaue See zum kleinen Flughafen in Aonae. 3800 Menschen leben noch auf Okushiri, es werden ständig weniger.

„Die Menschen gehen nicht, weil es hier nicht sicher ist, sondern weil sie keinen Arbeitsplatz finden“, sagt Nagasaki in der Inselverwaltung. Ein Drittel der Bevölkerung ist schon heute über 60 Jahre alt. Den älteren Sohn und die beiden Töchter der Witwe Hiroko hat es ebenfalls in die Großstadt gezogen, sie leben in Tokio und Sapporo. Aonae hatte vor dem Tsunami 1400 Einwohner, heute sind es gerade noch 900. Unmittelbar nach der Flut hatten sogar fast 40 Prozent der Bevölkerung die Insel verlassen. Und auch, wenn viele wiederkamen, weg blieb, wer die Erinnerung an den Tod der Lieben nicht mehr ertrug oder nicht noch einmal bei Null anfangen wollten.

Damals, vor elf Jahren, hatten auch die Mikunis überlegt, wegzuziehen von Okushiri, schließlich war Fumikos Ehemann Shigeo ohnehin nicht von hier – die beiden hatten einmal in Tokio gelebt, wo er als Standardtänzer eine Profikarriere machte. Und dann nahm der Tsunami ihr Haus auf der Insel einfach weg, keine Spur fand sich mehr von Shigeos wertvoller Plattensammlung. „Wir haben gedacht, in Tokio könnten wir vielleicht besser leben“, sagt der ehemalige Tänzer, der so sanft und zurückhaltend spricht. Aber die Mutter seiner Frau wollte die Insel nicht verlassen, wollte bleiben, wo das Familiengrab war – und so blieben die Mikunis in Aonae.

In den ersten Monaten war der Kofferraum ihres Autos stets mit frischen Notrationen beladen. Das gab sich mit der Zeit. Doch noch heute haben Fumiko und Shigeo ihre wichtigsten Dokumente immer in einer kleinen Aktentasche bei sich, egal wohin sie gehen.

Der junge Museumsführer Chihiro ist im Restaurant der Mikunis zum Mittagessen vorbeigekommen. Eine Nudelsuppe soll den Kater vom letzten Abend vertreiben. Chihiro geht bei den Mikunis aus und ein. Man kennt sich schnell in Aonae. Chihiro, Ende 20, erzählt von der Techno-CD, die er vor zehn Jahren in Berlin aufgenommen hat. Verkauft hat sie sich nicht, weshalb er nach dem Studium den Job als Museumsführer angenommen hat. Shigeo zeigt CDs, zu denen er früher getanzt hat. Im Winter hat man hier viel Zeit zum Reden – zu viel Zeit, meint Fumiko. Viele Fischer sind auf Montage in den Großstädten unterwegs und kommen erst im Frühjahr wieder. Das Geschäft läuft schlecht.

Die lukrativen Sommermonate mit den großen Volksfesten dagegen gehen schnell vorbei. Und mitten in den Trubel im Juli fällt jedes Jahr die Gedenkfeier zum Tag des Unglücks. Am ersten September schließlich übt die ganze Insel den Notfall. Dann tönt der Alarm aus den Lautsprechern überall auf der Insel, jeder greift sich einen der Helme, die in Aonae in den meisten Häusern, sogar in den Schulen, ausliegen und rennt los zu den ausgewiesenen Fluchtpunkten. Das Wirts-Ehepaar Mikuni kennt den besten Fluchtweg auf einen der nahe gelegenen Hügel wie im Schlaf. Shigeo zeichnet ihn mit den Fingern in die Luft. Kleine Abkürzungen können im Notfall Leben retten. Wer hier aufwächst, muss als Kind früh die Frage beantworten: „Wohin flüchten wir bei einem Erdbeben?“

Eben dieses Bewusstsein, meint Nagasaki von der Gemeindeverwaltung, kann Leben retten, denn auch wenn die Mauern beim Taifun im letzten Jahr größere Schäden verhindert hätten, „so ein Warnsystem hat immer seine Grenzen.“ Und so erfüllt die Mauer vielleicht auch diese Aufgabe: Sie erinnert daran, dass die See noch eine andere Seite hat, die nicht so freundlich aussieht wie die lachenden Wellen unter der Sonne auf dem Bild, das Okushiri zu seinem Symbol gemacht hat. Sie erinnert daran, wie hoch die Wellen waren, die einmal über die Insel kamen.

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