Zeitung Heute : Der Bulle von Varel

Markus Feldenkirchen

Was genau der Anfang vom Ende war, kann man nicht so recht sagen, aber so ganz unschuldig war der Fürst Bismarck sicher nicht. Auch den Grünkohl hätte er sich besser verkniffen, der auch jetzt wieder, ein Jahr nach dem Rücktritt von Karl-Heinz Funke als oberstem Bauer auf grüner Tafel gepriesen wird. Hier im Hotel "Zum Fürsten Bismarck" jedenfalls war Funke vor einem Jahr gesichtet worden, beim Grünkohlessen und "mit Zigarre", wie die Lokalzeitung stichelte. Dabei tobte gerade die BSE-Krise durch das Land, durch die Hauptstadt, das Kabinett tagte, aber Karl-Heinz Funke hatte sich krank gemeldet, war in der Heimat geblieben, im friesischen Varel. Dass er bald schon wieder mit den Kollegen vom Kreistag Grünkohl spachteln konnte, wollten weder die privaten noch die politischen Menschen akzeptieren. Auch deshalb wurde Funke, für den Deutschland bis zuletzt BSE-frei geblieben war, erstes Bauernopfer des Rinderwahns.

Nun ist das alles zwar erst ein Jahr, aber doch sehr lange her. In der Politik können ganz große Dinge ganz schnell ganz klein werden. Und auch wenn die meisten Menschen schon wieder vergessen haben, was genau noch dieses Separatorenfleisch war - so ganz gegessen ist die Affäre Funke dann doch nicht. Weder für ihn noch für die Landwirtschaft. Dabei darf Karl-Heinz Funke nun tun, was ihm schon zu Ministerzeiten viele unterstellten: einmal richtig Bauernfunktionär sein. "Ich darf jetzt sagen, was ich will", sagt er daheim im grünen Plüschsessel auf dem "Bauern- und Pferdehof" Funke, bei hausgemachter Salami "mit viel Fett drin", dann schmeckt es besser. Ab sieben in der Früh klingelt sein Telefon. Termine machen. Funke ist noch nicht weg vom politischen Fenster, gibt Interviews, und wenn er dieser Tage zur Grünen Woche nach Berlin reist, hält er dort Vorträge für Landwirtschafts-Beratungsfirmen, trifft Funktionäre, Menschen aus den Ministerien von Bund und Land, die Funke-Connection eben.

Aber man muss ihn schon hier beobachten, im friesischen Flachland, um zu verstehen, warum Funke kein Mann für die Agrarwende war, nicht der Richtige für Berlin sein konnte und wie das politische System Funke damals funktionierte. Und noch funktioniert.

Auf Hasenjagd

Am Nachmittag war Karl-Heinz Funke mit ein paar Kumpel Hasen jagen, was man sich gerne angesehen hätte, aber Funke hatte abgeraten. Er würde sonst den Jagdbrüdern empfehlen, statt auf Hasen auf den Journalisten zu schießen. Man werde dann sehen, ob der Journalist was taugt. Denn - jetzt folgt so ein Satz, der zu Karl-Heinz Funke gehört wie das Öko-Siegel zu seiner Nachfolgerin Renate Künast: "Wer nicht schussfest ist, taugt nichts!" Dabei taugte er an diesem Tag selber nichts. Kein Hase starb den Funke-Tod. Trotzdem schießt Funke am Abend weiter, auf Renate Künast, ohne Schrot, mit Worten. Diesmal vor Publikum.

Das sitzt bei Pils und Eierlikörpunsch zusammen, 150 meist ältere Herrschaften in einer Wirtschaft, die passenderweise "Lüschens Bauerndiele" heißt. Passend, weil die meisten hier Hof und Vieh besitzen und weil es an diesem Abend um die "Zukunft der Landwirtschaft" gehen soll. Podiumsdiskussion. Eingeladen hat die FDP in Ganderkesee. Kleine Größen der Lokalpolitik, vorne aufgereiht. Und eben der Minister von einst. Es ist eine dieser Veranstaltungen, von denen es Hunderte in Deutschland gibt und die deshalb wichtig sind, weil der Bauer dort den Ärger über Künast und diese Agrarwende ablassen kann. Unter der Decke schneiden Ventilatoren den Qualm der Zigaretten.

Für Funke ist dieses Luftablassen ebenso wichtig. Auch deshalb kommt er zu diesen Provinzgeschichten, für die es nichts gibt als ein paar Tropfen Genugtuung gratis. "Wenn man Politik betreibt, müsste man sich ja eigentlich ein bisschen mit den Realitäten auseinandersetzen", sagt er über die Politik im Jahr eins nach Funke. Der belesene Bildungsbauer gibt dann gerne den Ökonomen, zitiert den Weltmarkt herbei, auf dem die deutschen Bauern bestehen müssten, was aber wegen der Agrarwende mit all ihren Sonderauflagen nicht gehe. "Mädchen, warum machst du das?", frage er sich oft, wenn er Neues von Künast höre. Das hat er sich beim Kanzler auch mal gefragt.

Dezember 2000, Funke im Büro, den Kanzler am Bildschirm im Blick, der im Bundestag redet, dann, plötzlich, ohne Ankündigung dieser Satz, der für Funke und die deutsche Landwirtschaft alles ändert. Der Kanzler spricht von "Agrarfabriken", die er künftig in Deutschland nicht mehr haben will. Das hat Funke bis dahin noch nie von seinem Freund Gerhard Schröder gehört. Ich kann aus meiner Seele keine Mördergrube machen und so ein Zeug vertreten, denkt er da, kann nicht gegen meine Überzeugung argumentieren. Da fühlt sich das Ende der Amtszeit schon ganz nah an. Seit der so genannten Agrarwende habe keine der so genannten Agrarfabriken geschlossen, sagt Funke heute trotzig. Nein, er sei dem Kanzler nicht böse. Gesehen hat er ihn ein Jahr nicht.

Manchmal hat man den Eindruck, dass Stadt und Land kontinenteweit von einander entfernt sind. Gewiss, Kreuzberger Nächte sind lang, aber friesische können das auch sein. Und so wettern sie hier mit dem Ex-Minister auf dem Land viele Wortmeldungen lang über die Ministergöre aus Kreuzberg. Fein säuberlich zerpflückt Funke die Schlagworte von deren Agrarwende, wobei er allein dieses Wort schon so ausspricht, als müsse er einen Frosch die Kehle hinabwürgen: Direktvermarktung - "kann man ja machen", sagt er gönnerhaft. Doch damit bekomme man gerade ein Drittel der Produkte los. Dann das ewige Gefasele von den Öko-Betrieben, die man jetzt massiv fördern will. Erstens sei Deutschland schon zu seiner Zeit in Europa ganz vorne gewesen bei den Öko-Höfen, zweitens brauche man nicht mehr davon, weil die Verbraucher nicht bereit seien, mehr für Lebensmittel auszugeben.

Die Kneipe an sich war für Karl-Heinz Funke immer ein wichtiger Ort der Politik. Dort hat er in vertrauter Runde oder im Vier-Ohren-Gespräch die großen Linien abgesteckt, so manches Problem gelöst. Bei Pils und Korn, gern mehr als zwei. Seit Karl-Heinz Funke hat das Wort Lokalpolitik eine ganz andere Bedeutung erlangt. Auf der Grünen Woche hat er immer besondere Steherqualitäten bewiesen, Kontakte gepflegt, an jedem Stand ein gepflegtes Bier mitgetrunken. "Der Funke war ein Urviech", sagt einer seiner Wegbegleiter, "mit der Kondition eines Bullen." Oft hat er auf dem platten Land bis zwei Uhr nachts mit den Bauern am Biertisch gesessen, sich dann ins Ministerium fahren lassen, um ab sechs am Schreibtisch zu sitzen.

"Beamte taugen nichts", hat Funke in kleiner Runde gern erzählt. "Politik wird im Stall gemacht." Oder in der Kneipe. "Der Karl-Heinz war einer von uns", sagt Jochen Dettmer, ein Mann von der Landwirtebasis, Geschäftsführer des Deutschen Bauernbundes. Sicher, Funke war ein Mann vom Fach. Aber ebenso schätzte man in rustikalen Kreisen seine Weisheiten wie die über den Spargel, den man behandeln müsse wie eine Frau: "Vorsichtig am Kopf anfassen und feinfühlig nach unten streicheln." Mit dem Karl-Heinz habe man wunderbar übers Schweine füttern fachsimpeln können, sagt Dettmer. Die Künast hingegen habe keinen vernünftigen Kontakt zum Landmenschen an sich.

Praxistest im Hühnerstall

In "Lüschens Bauerndiele" ist Funke gerade bei seinem Lieblingsbeispiel mit den freilaufenden Hennen angelangt, von denen es ja künftig mehr geben soll, weil Künast ihnen die enge Käfighaltung nicht länger zumuten will. Letzte Woche, sagt Funke, habe er zu Hause mal den Praxistest gemacht, habe seine Hühner ins Freie geholt, ihnen gut zugeredet: Jetzt verteilt euch mal schön! "Das kümmert die Viecher einen feuchten Dreck." Und alle freuen sich, wie leicht es doch ist, die Agrar-Thesen aus Berlin zu widerlegen.

Man muss jetzt aber nicht befürchten, dass Funke zum Revolutionsführer der deutschen Landwirte aufsteigt. Eigentlich sitzt er ja nur noch im Kreistag, ist Ratsherr der Heimatstadt Varel und Vorstandsvorsitzender des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbandes. Und noch so einiges. Aber Funke hat andere Mittel, von denen etwa Rebecca Harms zu berichten weiß, Künasts Parteifreundin und Grünen-Fraktionschefin im Landtag von Niedersachsen. Als sie im Sommer beim Kommunalwahlkampf über das Land zog, stellte sie fest, dass Funke überall schon vor ihr da war. "Der Funke hat uns gesagt, das sei alles Mist mit der Agrarwende", berichteten ihr die Menschen vor Ort. Funke habe immer noch Einfluss, denn Funke habe seine unzähligen Kontakte. "Der ist bekannt wie ein bunter Hund", sagt Harms, ein bisschen neidisch, ein bisschen böse: "Wenn einer derart die Stimmung gegen seine Nachfolgerin anheizt, ist das schon schlimm."

"Da müssen Sie viel Aufklärung leisten, damit die Bevölkerung kapiert, wie es wirklich in der Landwirtschaft ist", ruft Funke der Versammlung in Ganderkesee zu. Jedes Mal, wenn er was sagt, wuchtet sich Funke aus dem Stuhl, wiegt dabei den Oberkörper von links nach rechts, sucht Augenkontakt, rührt mit der Faust kraftvoll durch die Luft. Jetzt gerade redet er aber über den Entwurf der grünen Landesministerin Bärbel Höhn zur Schweinehaltung. Das heißt, er lästert, weil darin der hübsche Passus enthalten ist, dass jedes Tier mindestens 20 Sekunden Zuwendung pro Tag bekommen müsse. "Dann muss sich der Eber aber auch aussuchen dürfen, von wem er gekrault wird, meine Damen und Herren", ruft Funke, blickt ins Publikum und saugt die Zustimmung wie Balsam auf. Für die Seele.

Leider ist der einzige Verbraucherschützer auf dem Podium, der den Agrarwende-Kurs verteidigen könnte, so ausgesucht, dass er nur Sätze sagt wie "also, das ist ja quasi sicherlich, also natürlich sicher richtig", so dass die Künast-Gegner quasi sicherlich unter sich sind. Und deshalb darf man sich einig sein, dass Produkte aus ökologischem Anbau "kein bisschen gesünder oder hygienischer" seien als aus der konventionellen Landwirtschaft. Und plötzlich springt ein Tierarzt auf, sagt "Moin Moin" und fasst das alles in einer Lobrede auf "den Herrn Funke" zusammen. Dem sehe man schließlich an, dass er und Fleisch möge. "Die Künast" hingegen sehe doch krank aus. "Und von so einer hängt unsere Zukunft ab." Das Ganze gipfelt in der Aufforderung: "Herr Funke, es gibt keinen kompetenteren Landwirtschaftsminister als Sie! Treten sie wieder an!"

Die alte Wunde

Nein, Minister wird er nicht mehr. In den Bundestag will er nicht. Es sind andere Gründe, warum er weiterkämpft. Ein bisschen verletzt ist er, sicherlich. Aber Funke lauscht auch gerne den eigenen Worten, will Leute unterhalten, das mögen sie, die Menschen vom Land. Der Herr vom "Delmenhorster Kreisblatt" feiert Funke am nächsten Tag mit der feurigen Überschrift: "Agrarwende bühnenreif karikiert". Das tut Funke natürlich deshalb, weil er die Agrarwende für den größten Humbug aller Zeiten hält. Und die Grünen inzwischen auch. Man kann diese Grünen-Übellaune vielleicht nachvollziehen, wenn man selbst einmal vom eigenen grünen Staatssekretär quasi aus dem Amt geputscht wurde. Wille hieß der und hatte in den BSE-Tagen mit den grünen Mitbrüdern aus dem Umweltministerium ein Reformkonzept für die Landwirtschaft verfasst, das herrlich nach Öko schmeckte und deshalb damals ganz hip war. Blöd nur, dass der Minister Funke nichts von diesem Papier erfuhr. Er hätte es wahrscheinlich aufgegessen. "Ein lang geplanter Putsch der Grünen" sei das gewesen, berichten Ministeriums-Insider. Das reichte dann endgültig zum Rücktritt.

Vielleicht ist Karl-Heinz Funke ja einer der letzten Aufrechten in der Politik. Ein Fossil, dessen Grundsätze nun mal leider dem Zeitgeist im Wege standen und der vielleicht doch Recht bekommen wird, wenn in wenigen Jahren die große Bilanz der Agrarwende gezogen wird. Vielleicht. Zu seinen Grundsätzen gehört auch der Satz, dass vom Lande sehr viel Kraft ausgehe, egal, ob das die Städter möchten oder nicht. Deshalb nennt er Heimat, Haus und Hof sein "Refugium", "verlässliche Grundlage" für alle Zeit. Deshalb hat er als Minister die Hotels so gehasst. Außer dem "Fürsten Bismarck", weil er von dort die zwei Kilometer zu Fuß nach Hause gehen kann, was er schon unzählige Male spät nachts getan hat, nach langen Abenden. Bei Grünkohl, Pils und Korn.

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