Zeitung Heute : Der Chat-Knigge

Flirten, Informieren, Spaß haben: Warum es manchmal besser ist, im Internet zu flüstern

Uta-Maria Heim

Susi tut es, Karl tut es, und Lisa tut es auch. Nicht nur im Frühling. Susi versucht, mit Männern zu flirten. Karl unterhält sich über germanistische Spitzfindigkeiten, und Lisa will checken, was los ist. Alle drei werfen regelmäßig den Computer an, gehen ins Internet und chatten. Je nach Zielsetzung bewegen sie sich in unterschiedlichen Räumen, die unterschiedliche Ansprachen erfordern. Man unterscheidet zwischen Flirt-, Fach- und Fun-Chat. Jede Form hat ihre ganz eigene Chatiquette. Hier die wichtigsten Regeln, samt Beispielprotokollen.

Der Flirt-Chat

Anonymität ist ein Muss. Für Susi wäre es ein Horror, wenn die Chatter wüssten, wer sie wirklich ist. Sie baut sich im Netz keine fest umrissene Persönlichkeit auf, wie das Dauerchatter tun, sondern gibt sich immer neue Namen, „Wespe“, „Bin 31w“ oder „Sunnygirl18“. Susi findet ihre Chat-Rooms über die Suchmaschine. Beim Eintritt passt sie auf, dass nicht zu viele Chatter da sind. Sonst endet alles in einem Rein-Raus-Spiel: „Mäxchen betritt die Kuschelecke“ heißt es dann, und kurz darauf: „Mäxchen verlässt das Sofa wieder“. Susi wartet, bis einer das Wort an sie richtet. Am liebsten mag sie es, wenn ihr Gegenüber sie direkt anflüstert. Das Flüstern läuft über ein zweites Extra-Fenster. Das verhindert, dass die anderen den intimen Dialog auf dem Bildschirm sehen können.

Urknall: (flüstert zu Sunnygirl18) hiiiiiergebliebn!

Sunnygirl18: (flüstert zu Urknall) wieso?

Urknall: (flüstert) ohne dich gefällts mir hier nich.

Sunnygirl18: (flüstert) oooooooooh! * freu * kannste mir mal den rücken massieren?

Der Fach-Chat

Karl interessiert sich für einen Germanisten-Chat, weil sich dort zu festgelegten Zeiten internationale Spezialisten treffen. Sie tauschen sich zu hochinteressanten Problemen aus. Zurzeit streitet man sich gerade über die Bedeutung des von Paul Celan gebrauchten Wortes „Wolfsbohne“ im Hinblick auf ein frühes Gedicht von Ingeborg Bachmann.

Am Anfang erschien es Karl seltsam, sich mit fremden Germanisten zu unterhalten, die ihre Identität nicht sofort preisgaben. Bald merkte er allerdings, welchen Nutzen das hatte: Der Diskurs war frei von Vorurteilen. Hätte Karl vorher gewusst, dass ein entscheidender Hinweis zu seinem Habilitationsthema von einer Aussteigerin aus Texas kam, hätte er den Beitrag nicht mal gelesen. Doch im Chat wird eine Gedichtzeile, die bislang von der Fachwelt für eine absolute Metapher gehalten wurde, zweifelsfrei entschlüsselt.

Roxane:Celans Mutter hat die Lupine „Wolfsbohne“ genannt.

Charly: Du gehst also davon aus, dass die Bachmann bereits 1947 gewusst hat, was das Wort „Wolfsbohne“ für Celan bedeutet?

Roxane: Absolut.

Charly: Heißt dann „Lösch die Lupinen!“, dass aus „Lupinen“ wieder „Wolfsbohnen“ werden sollen?

Roxane:Absolut. Die Bachmann wollte mit der Gedichtzeile anregen, dass Celan bei der „Wolfsbohne“ bleibt. Aus Treue zu seiner ermordeten Mutter. Celan hat zwölf Jahre später lyrisch darauf geantwortet.

Charly:In Bachmanns Forderung, die „Lupinen“ zu löschen (und durch „Wolfsbohnen“ zu ersetzen), steckt also der unmögliche Wunsch, den Holocaust rückgängig zu machen?

Der Fun-Chat

Lisa chattet am liebsten mit dem Fanclub vom lokalen Hitradio. Die meisten Teilnehmer wohnen in der näheren Umgebung. Das hat den Vorteil, dass sie nette Leute um ihre Handynummer bitten und sich vielleicht sogar mit ihnen verabreden kann. Lisa chattet vor allem abends. Sie hört dabei das Hitradio, das den Chat ins Netz stellt.

>>>„Lisel“ betritt den Raum. Gute Unterhaltung, „Lisel“!
Tarzan: zzzzzzzzzzzzzhhhhhhuuuuuuuuuiiii

Painkiller: wie alt?

Lisel: 16

Barbie: ÄCHT???

So geht das oft stundenlang. Manchmal bewegen sich an die 100 Chatter im Raum, viele bleiben nur kurz. Es herrscht eine Atmosphäre wie am Hauptbahnhof. Da ist es kaum noch möglich, dass sich ein echtes Gespräch entwickelt. Zumal der Chat oft gestört wird von Chat-Junks wie „Tarzan“, der jede Nacht im Netz vor sich hin brabbelt. Oder von diesem nervigen Menschen, der sich „Painkiller“ nennt. Wie ein Virus hängt er sich an jeden Neuen dran und fragt ihn beim Eintreten in den Chat-Room: „Wie alt?“ Bei jeder Ankunft wird „Painkiller“ erneut aktiv, was viele Unerfahrene verjagt. Damit hat „Painkiller“ sein Ziel erreicht, denn es geht ihm darum, anderen den Spaß zu verderben.

Freunde hat Lisa über den Chat noch nicht gefunden. Aber sie hat sich einige Male verabredet. Bislang blieb es allerdings bei einem gemeinsamen Kino- oder Diskobesuch. Mit einer Ausnahme: Einmal hat Lisa zwei Stunden lang mit ihrer Freundin Anne gechattet – und es gar nicht gemerkt. Erst hinterher kam es raus, weil Anne ihr von einem „tollen Chat“ erzählte. „Wir haben uns nochmals ganz neu kennen gelernt“, sagt Lisa.

Allgemeine Regeln zum guten Ton im Internet finden sich im Netz unter den angegebenen Adressen. Überall dort, wo Menschen aufeinander treffen, sind Regeln erforderlich, um miteinander gut auszukommen. Die Chatiquette gilt unter Usern inzwischen als bindend. Jeder Chatter sollte sie kennen.

Informationen im Internet:

www.chatiquette.de

www.sprechblasen.net

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