Zeitung Heute : Der Computer kann den Unterricht nur ergänzen

ANJA KÜHNE

Der US-Erziehungswissenschaftler Chet Bowers berichtet über amerikanische Erfahrungen im Umgang mit Computer Based Teaching VON ANJA KÜHNE

"Die Software, die in amerikanischen Schulen verwendet wird, vermittelt den Schülern eine fragwürdige Weltsicht", meint Chet Bowers, Professor für Erziehungswissenschaften an der amerikanischen Portland University in Oregon.Über "Mythen, Vorteile und die Rolle des Lehrers" im Unterricht mit Computern sprach er am Mittwoch im Amerika-Haus. Seine Ansicht illustrierte Bowers am Beispiel der Simulationssoftware "Sim City", die auch deutsche Schulen und Universitäten einsetzen.Die Anwender gestalten dabei die gesamte Entwicklung eines Ortes.Experten schätzen das Programm durchaus, weil es das ganzheitliche Denken fördert und das komplexe Zusammenwirken gesellschaftlicher Faktoren lehrt.Für Bowers hat es aber auch Tücken: "Die Schüler werden zu autonomen Schöpfern, der Mensch wird zum Maßstab aller Dinge." Auch andere Programme kritisierte er: "Intelligenz und Kreativität - eigentlich kulturelle Leistungen einer ganzen Gesellschaft - werden ausschließlich als persönliche Merkmale eines Einzelnen erlebt, der Mensch wird hier zum Mittelpunkt des Universums." Anhand des Programms "Story Book Weaver", mit dem die Schüler ihre eigenen Geschichten erfinden sollen, erläuterte Bowers, wie Lehrer den Einsatz von Software im Unterricht flankieren können.Zur Ergänzung könnten die Schüler jemandem zuhören, der eine Geschichte erzählt, und im Anschluß eine Geschichte aus einem Buch lesen.So könnten sie die verschiedenen Medien miteinander vergleichen.Für Bowers lehren Computer nur "degeneriertes Wissen" - Daten, anstelle von Weisheiten. Die deutschen Zuhörer reagierten auf Bowers Thesen zurückhaltend: "Das hat mit unserer Schulrealität wenig zu tun", sagte die Berliner Lehrerin Ingeborg Schulze-Reckzeh.In der Tat kommt in amerikanischen Schulen auf zehn Schüler ein Computer, während beispielsweise in den deutschen Grundschulen die Lehrer noch dankbar sind, wenn überhaupt ein Computer aufgestellt wird, wie Schulze-Reckzeh berichtete.Aus ihrer Erfahrung mit dem Berliner Comenius-Projekt erzählte sie, die Schüler fühlten sich durch den Einsatz von Computern motiviert.Außerdem seien die europäischen Lehrer weitaus kritischer als amerikanische: "Wer weiß, wieviel wir bereit sind, von unserer traditionellen Lehrerrolle an den Computer abzugeben." Kritikfähigkeit als Lernziel gehöre zum Selbstverständnis aller Lehrer. Auch der Medienpädagoge Ludwig Issing von der Freien Universität glaubt, daß seine Studenten das Medium durchaus kritisch einzusetzen wissen.Er nannte Bowers Ansichten "übertrieben"."Allerdings", so Issing, "liegen unsere Schulen in der Entwicklung weit zurück.Vielleicht stimmen wir Bowers ja zu, wenn er in zehn Jahren wiederkommt."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar