Zeitung Heute : Der Cyberspace undder Rest der Welt

VOLKER GRASSMUCK

$ VON VOLKER GRASSMUCK

Natürlich ist die Karte nicht das Territorium.Borges und andere haben wunderbare Paradoxien aus der unmöglichen Deckungsgleiche von Karte und Landschaft gesponnen.In einem anderen Sinne ist sie es aber eben doch.McLuhan erinnert in der "Gutenberg Galaxis" daran, daß die Landkarte im 16.Jahrhundert zur Zeit der Mercator-Projektion etwas Neues war."Sie bildete den Schlüssel zur neuen Schau der Macht- und Reichtumshorizonte.Kolumbus war Kartograph gewesen, bevor er Seefahrer wurde." Der Cyberspace ist offensichtlich kein Raum, sondern ein Karte.Aber von was? Wir "sind" in diesem Raum, indem wir auf Bildschirme stieren und Tasten tippen.Die Zeichen, um die es dabei geht, sind zur Fernschrift geworden.Sie haben vom Kontext der Geographie abgehoben.Jeder-Zeit im Über-All.Es ist nicht wichtig, woher eine E-Mail kommt, sondern wie lange sie schon unbeantwortet in der Inbox liegt.Der Ort des Cyberspace liegt also wesentlich in der Zeit.Neben der Zeit bewohnen wir heutzutage auch das elektromagnetische Spektrum und die Dimensionen: Bilder der Welt von Nano bis Terra sind uns vertraut. Zum eigentlichen Raum unseres Seins wird jedoch der Möglichkeitsraum.Die Universalmaschine kann Text-, Bild-, Ton-, oder Videoverarbeitungsmaschine - kurz und präzise: sie kann alles mögliche sein.Im Alltäglichen stellt es sich als eine Vervielfältigung der Optionen dar.40 Millionen Kanäle statt 40.Der Begriff der Virtualität gehört hierher: das was sein könnte, aber nicht notwendigerweise auch tatsächlich ist. Die zeitliche Dimension des Möglichkeitsraums ist die Zukunft.Gegenwart und Vergangenheit sind als Raum des Wirklichen zu denken, den man natürlich frei interpretieren kann, der aber als (kontrafaktisch unterstelltes) Reales so ist, wie es ist.Das Wirkliche wird als eine realisierte Option aus dem Möglichkeitsraum gesehen.Zukunftsfähigkeit heißt daher auch möglichkeitsfähig zu sein.Wenn Cyberspace eine Karte ist, zu welcher neuen Schau der Macht- und Reichtumshorizonte bildet sie den Schlüssel? Soviel läßt sich sagen: Der globale Möglichkeitsraum wird, wie der Informatiker Wolfgang Coy formulierte, die größte Entdeêkung der Kolumbuszeit endgültig festigen: "Die Erdoberfläche ist unbeschränkt, aber endlich."

Der Autor ist Medienwissenschaftler an der Freien Universität Berlin.

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