Zeitung Heute : Der Cyberspace wird zum 3D-Museum

KURT SAGATZ

Der offizielle Startschuß für das 3D-Museum im Internet wird erst am 31.Dezember fallen.Einen ersten Blick auf LeMO, das lebendige virtuelle Museum Online, kann man indes schon jetzt werfen, denn zum 80.Jahrestag der Beendigung des Ersten Weltkrieges hat das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin einen Teilbereich des Online-Museums als technischen Testbetrieb bereits ins Netz gestellt.

Die Arbeiten zum LeMO-Projekt begannen Anfang 1997.Seither wirken das DHM und das Haus der Geschichte (HdG) in Bonn zusammen mit dem Berliner Fraunhofer Institut für Software und Systemtechnik (ISST) an der Abbildung des historischen Materials im Cyberspace.Für die Finanzierung kommt neben den drei Partnern die Telekom-Tochter Berkom auf, weitere Unterstützung erhält LeMO vom DFN-Verein.Während das Berliner Museum für die Zeitschiene von 1900 bis 1945 verantwortlich ist, hat das Haus der Geschichte den Part vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Gegenwart übernommen.

Der Transport von Museumsinhalten ins Internet ist nicht neu.Das Deutsche Historische Museum ist seit langem im Netz präsent und hat gezeigt, wie die Online-Medien gezielt genutzt werden können.Neu an LeMO ist die Zweiteilung des Angebots zum einem in die bekannten HTML-Seiten - mit Verweisen, Bildern sowie Audio- und Videodateien - und zum anderen in 3D-Welten.Basierend auf einer für das Internet konzipierten Beschreibungssprache für Virtuelle Welten, der sogenannten Virtual Reality Markup Language (VRML), wurden vom ISST völlig neue Musemsräume entworfen, die so nur im Netz zu finden sind.

Auch die jetzt im Testbetrieb befindliche Ausstellung zum Ersten Weltkrieg ist nach diesem Muster aufgebaut.Man gelangt dorthin über die LeMO-Leitseite www.dhm.de/lemo .Nach Auswahl der Zeit (1914-18) und der Darstellung (VRML) lädt die Internet-Zugangssoftware ein entsprechendes Tool zur Darstellung und Navigation in den virtuellen Welten.Dann allerdings ist erst einmal die Geduld des Nutzers gefragt, denn bis die Bilder und Hintergründe geladen sind, vergehen selbst mit ISDN einige Minuten.Doch die Mühe lohnt sich: Als Metapher für die Darstellung der Weltkriegsepoche haben sich die Historiker eines Zitates von Erich Maria Remarque bedient: "Die Front ist ein Käfig" lautet die Aussage.Dementsprechend erscheint der Austellungsbereich als dreidimensionaler Gitterkäfig, der die ausweglose Situation der Frontsoldaten eindrucksvoll wiedergibt.

Die virtuelle Weltkriegsausstellung ist nur ein Teil des LeMO-Gesamtangebots, das die verschiedenen Stationen der deutschen Geschichte in diesem Jahrhundert beleuchten will.Durch die Nutzung der neuen Medien und speziell des Internets sollen vor allem Schüler, Studenten und andere historisch und kulturell Interessierte Zugang zum Material der beiden großen deutschen Geschichtsmuseen erhalten.Erste Gespräche, wie LeMO unterrichtsbegleitend eingesetzt werden kann, laufen bereits, wie DHM-Sammlungsleiter Burkhard Asmuss erläutert.Um diese Zielgruppe erreichen zu können, wurden nur Techniken eingesetzt, die auf normalen, handelsüblichen Computern funktionieren.Wer allerdings seinen Fuß in die 3D-Welten setzen will, benötigt schon einen ISDN-Anschluß, besser noch eine breitbandige Anbindung an das Internet.Auch der Genuß der Original-Ton- und Filmdokumente ist mit einem normalen Modem sehr eingeschränkt.

Dabei besteht natürlich der Reiz gerade in den VRML-Szenarien, beispielsweise der dreidimensionalen Umsetzung des Demokratiemodells der Weimarer Republik.Das Zusammenspiel zwischen Wahlvolk, Reichstag und Präsident wird hier nicht - wie vom Schulbuch gewohnt - als bloßes Schaubild präsentiert, sondern als Ansammlung verschiedener begehbarer Räume.Auf dem Weg vom Volk zum Parlament wird im Vorbeigehen über die Beteiligung an den verschiedenen Wahlen und über die Zusammensetzung der Volksvertretungen informiert oder eine Auswahl von Wahlplakaten der damaligen Zeit präsentiert.

Zurück zum Ersten Weltkrieg und zum Testbetrieb: Die Umsetzung historischen Materials in virtuelle Ausstellungsräume ist zum einen eine technische Herausforderung.Jeder Raum muß wie im realen Leben erst mit den dazugehörigen Daten entworfen werden.Auch vom Betrachter wird einiges verlangt, denn gerade am Anfang ist die Navigation gewöhnungsbedürftig.Wie soll man schon wissen, daß der Boden im Kunst-Bereich des Ersten Weltkrieges ebenfalls ein Bild von George Grosz ist, bevor man den richtigen Button für die Aufhebung der Navigation gefunden hat und das Ensemble aus der Vogelperspektive betrachten kann.Hier die richtigen Wege zu gehen, erfordert sicherlich noch einige Zeit.Das Problem ist nur, daß die Förderung für das Projekt Ende des Jahres, also mit dem Start des Regelbetriebes, ausläuft.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben