Zeitung Heute : Der dänische Dandy

Als Hans Christian Andersen 1831 nach Berlin kommt, ist die Stadt für ihn das deutsche Sodom. Was er nicht ahnt: Ausgerechnet hier wird ihm der Weg zu höchster Anerkennung geebnet.

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Von Michael Bienert Wenn das Märchen von der Schneekönigin auf dem Spielplan der Volksbühne steht, geht es ruppig zur Sache. In einem knappen Höschen wandert das Mädchen Gerda durch eine bizarre Theaterwelt mit Kunststoffschneestürmen und lebenden Ziegenböcken, um ihren Kinderfreund Kay wiederzufinden. Die Schneekönigin, eine eisblonde Sexbombe, hat ihn entführt, um den Jungen zu vernaschen.

Hans Christian Andersens bittersüße Märchen von der Prinzessin auf der Erbse, von des Kaisers neuen Kleidern oder dem standhaften Zinnsoldaten hat jeder irgendwann gehört oder gelesen. Aber so scharf wie in Castorfs Inszenierung sah man den dänischen Märchenonkel, der am 2. April vor 200 Jahren geboren wurde, noch nie. Ob es ihm gefallen hätte? Er hätte von Berlin wohl nichts anderes erwartet.

„Das war all die greuliche Phantasie, die man sich nur denken kann. Die barockesten Teufel peinigten die Menschen“, schreibt Andersen 1831 in sein Tagebuch. Er hat Hieronymus Boschs Bild „Das jüngste Gericht“ in Schinkels soeben eröffnetem Museumsbau am Lustgarten gesehen. Seine Begegnung mit Boschs Horrorszenen und dem harten Realismus, den die Berliner in der Kunst so sehr schätzen, ist ein Schock – wie ihn mancher Tourist heutzutage womöglich erleidet, wenn ihn die Neugierde in die Flick-Collection verschlägt. Oder in die Volksbühne. Andersen ist zum ersten Mal in der preußischen Hauptstadt. Sechs weitere Besuche sollten folgen, und am Ende wird er hier höchste Anerkennung finden. Doch davon ist der 26-Jährige 1831 noch weit entfernt. Was er auf den Straßen sieht, scheint ihn ebenso zu verstören wie die Bilder im Museum am Lustgarten. Als „deutsches Sodom“ bleibt ihm Berlin in Erinnerung.

Er ist aus Kopenhagen ja einiges gewohnt: Armut, Schmutz, Prostitution, das Nebeneinander von Massenelend, Reichtum und hauptstädtischer Protzerei. Aber in Berlin ist das Klima härter, der Umgangston rauer, die Stadt größer. Eine Viertelmillion Menschen auf einem Fleck – Berlin stinkt zum Himmel, denn eine Kanalisation gibt es nicht. Aller Unrat fließt durch offene Rinnsteine in die Spree oder versickert irgendwo. Das hat Folgen: Der junge Däne gerät in eine Choleraepidemie, die fast 1500 Berliner dahinrafft. Nur mit einer Sondergenehmigung darf er wieder nach Dänemark einreisen, denn Preußen steht unter Quarantäne.

Der junge Andersen ist Berufsschriftsteller und Reisejournalist. Dass er als Märchendichter in die Weltliteratur eingehen wird, ist noch nicht absehbar. Er sammelt Stoff für ein Reisebuch über Deutschland, deshalb kann er um die Cholera in Berlin nicht einfach einen Bogen machen.

Das Buch „Schattenbilder“ erscheint drei Monate nach der Heimkehr und spart nicht mit Kritik am Erscheinungsbild der preußischen Hauptstadt: „Alles ist darauf angelegt, zu beeindrucken, doch die Häuser sind nicht hoch, nur langgezogen, damit die Straßen umso länger erscheinen, sie kamen mir vor wie Theaterdekorationen.“

Umso mehr regen ihn die Leute an, die er trifft. Zum Beispiel im Hotel beim Mittagessen: Da lädt ein junger Franzose den Dänen ein, mit ihm durch die Stadt zu streifen. Unterwegs erzählt der Fremde von seinem abenteuerlichen Liebesleben. Andersen bemerkt zu spät, dass ihn sein Begleiter in eine Freudengasse führt. Ein Schreck durchfährt den Dichter, als der Franzose ihn auf ein Glas Wein einlädt. „Ich schämte mich ordentlich, durch diese lange Straße der Sirenen zu gehen, die immer schmaler wurde, bis wir ihr entschlüpfen konnten“, schreibt Andersen abends ins Tagebuch. Und verfasst flugs ein paar Verse über Berlin, die verraten, was sein Blut in Wallung bringt:

Schnurgerade Straßen, Palast an Palast,

Man wird müde vom Gehen Und von der Hast,

Hübsche Soldaten – und gleich bei dem ersten

Spürte ich einen Stich im Herzen,

Und mir entfuhr’s: „Was für ein Körper, welche Bein!

Oh, mein Gott, so stattlich und fein!“

Der Märchendichter, seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein Stammgast in deutschen Kinderstuben, war er schwul? So einfach ist es nicht, meint Jens Andersen, dessen profunde und mitreißende Biografie seines Landsmanns seit kurzem auf Deutsch vorliegt. Zeitlebens verliebt sich der Dichter unsterblich in Männer und Frauen. Auf seinen Reisen flaniert er erregt durch die Hurenviertel Europas und macht ein Kreuzchen in sein Tagebuch, wenn er sich selbst befriedigt. Aber er bleibt ein Voyeur. Der Paradiesvogel fürchtet den Sündenfall. Andersen hat Angst, mit der kindlichen Unschuld sein Glück zu verlieren, auch weil er genau spürt: die Kindlichkeit ist das Geheimnis seines Erfolgs.

Wenn er den Freudenmädchen von Berlin, Neapel oder Paris widersteht, dann hält er Abstand zu einem Milieu, das ihm bekannt ist. Er nennt sich selbst einmal eine „Sumpfpflanze“. Die Insel Fünen, wo Andersen am 2. April 1805 zur Welt kommt, ist im frühen 19. Jahrhundert berüchtigt für ihre Sittenlosigkeit. Andersens Mutter ist Wäscherin, ihr Ehemann Schuster, aber ob der wirklich der Vater ist, daran bleiben Zweifel. Mit 14 bricht der Junge alle Brücken zur Vergangenheit ab. Er geht allein nach Kopenhagen, klopft bei wohlhabenden Familien an und präsentiert sich als singendes und tanzendes Naturkind – mit Erfolg.

Der Staatsbeamte Jonas Collin steckt ihn in die Schule und kümmert sich wie ein Vater um das Findelkind mit der überbordenden Phantasie. Als sich der junge Dichter unglücklich in die Verlobte eines ehemaligen Schulkameraden verliebt, sorgt Collin dafür, dass Andersen mit einem königlichen Stipendium seine erste Auslandsreise antreten kann.

Im Sommer 1831 besucht er Lübeck und Hamburg, wandert auf den Spuren Goethes und Heines durch den Harz, stellt sich in Dresden dem verehrten Märchendichter Ludwig Tieck vor und verweilt auf der Rückreise in Berlin. Es ist eine beschwerliche Fahrt in stickigen, kaum gefederten Postkutschen.

Bis zum Ende seines Lebens geht Andersen noch häufig auf Reisen. Über zehn Jahre hält er sich außerhalb Dänemarks auf, insgesamt 29 Auslandsaufenthalte zählen seine Biografen. Im Jahr 1840 benutzt er zum ersten Mal die Eisenbahn zwischen Magdeburg und Leipzig. Er ist hingerissen von der Bequemlichkeit des neuen Verkehrsmittels. Mit der Eisenbahn jagt Andersen durch Europa. Als Vorleser seiner schon zu Lebzeiten in viele Sprachen übersetzten Märchen sonnt er sich im Glanz der europäischen Fürstenhöfe. 1871 wird er von seinem amerikanischen Verleger sogar zu einer Lesereise in die USA eingeladen, die er jedoch wegen seines fortgeschrittenen Alters absagen muss. Der Märchenonkel Andersen ist der erste Jetset-Dichter der europäischen Literatur.

Wie überall in Europa knüpft Andersen auch in Berlin zielstrebig an einem karrierefördenden Netzwerk von Kontakten. Gleich beim ersten Besuch eilt er zu Adelbert von Chamisso, dem Dichter des Märchens von Peter Schlemihl, der seinen Schatten dem Teufel verkauft. Chamisso ist der einzige Dichter von Rang im damaligen Deutschland, der Dänisch kann und etwas mit Andersens Gedichten anzufangen weiß. Tatsächlich trifft der junge Däne den berühmten Kollegen in seinem Gartenhaus an der Friedrichstraße 235 an – am heutigen U-Bahnhof Hallesches Tor. Wie so oft in seinem Leben gelingt es ihm, einen einflussreichen Mann als Vaterfigur zu gewinnen: Chamisso übersetzt als Erster Gedichte des Dänen ins Deutsche und macht die literarische Welt auf das Talent aufmerksam. Zwei Tage nach dem ersten Kennenlernen nimmt Chamisso den Besucher mit zu einem Dichtertreffen im Tiergarten. Man liest sich gegenseitig Gedichte vor, die in Preußen verboten sind, danach stoßen alle auf das Wohl des Königs an.

Andersen spricht Deutsch, in Dänemark gehört das zur Bildung. Bücher von Goethe und Schiller, Heine und Hoffmann hat er schon als Schüler verschlungen. In seinem Poesiealbum aus jener Zeit finden sich mehr deutsche als dänische Gedichte. Als junger Autor orientiert er sich an der deutschen Romantik, was die dänischen Kritiker schwer irritiert, während er den deutschen Buchmarkt im Sturm erobert. Deutschland ist Andersens Sprungbrett zum weltweiten Ruhm.

Wohler fühlt er sich in Dresden und Weimar, aber das raue Berlin ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Zentrum des Literatur- und Geisteslebens, das er nicht einfach links liegen lassen kann. Seit 1840 leben die Brüder Grimm in der preußischen Hauptstadt, deren Sammlung deutscher Märchen auch Andersen inspiriert hat. Als er vier Jahre später, nach Chamissos Tod, zum dritten Mal an die Spree reist, will er sich den Koryphäen unbedingt vorstellen. Uneingeladen klopft er in ihrem Haus am Tiergarten, Lennestraße 8, an die Tür, in der sicheren Erwartung, er werde mit offenen Armen empfangen. Ganz bestimmt haben die berühmten Sprachforscher und Märchensammler seine Werke gelesen! Ein Dienstmädchen führt ihn ins Arbeitszimmer des älteren Bruders Jacob. Hier kommt es zu einem für beide Seiten peinlichen Gipfeltreffen: Grimm schüttelt ratlos den Kopf, als sich der Märchendichter vorstellt. Der nennt die Titel seiner Bücher, ohne Erfolg. Freundlich bietet der Hausherr dem Fremden an, ihn seinem Bruder Wilhelm vorzustellen, vielleicht liegt ja eine Verwechslung vor. Aber Andersen, tief beleidigt, hat nur noch einen Wunsch: Raus aus diesem Haus!

Bei anderen Geistesgrößen hat Andersen mehr Glück. Er freundet sich mit Alexander von Humboldt an, lernt den populären Schriftsteller Adolf Glaßbrenner, den Philosophen Schelling und den Salon Bettina von Arnims kennen. Um einen guten Eindruck zu machen, hat er sich gleich nach der Ankunft einen neuen Zylinder gekauft. Er benimmt sich wie ein Dandy und genießt es, in einem Erste-KlasseHotel Unter den Linden zu wohnen. Vor seinem Fenster promenieren die leichten Mädchen von Berlin, unter die er sich mischt und notiert: „Ging Unter den Linden mit Gelüsten.“

Als er im Winter 1845/46 zu seinem vierten und längsten Aufenthalt wiederkehrt, wird Berlin Schauplatz einer rasenden Leidenschaft. In Kopenhagen hat Andersen sich unsterblich in die schwedische Sängerin Jenny Lind verliebt. Die knabenhafte Diva erwidert seine Gefühle nur lauwarm, was Andersen erst recht entflammt. Je unerreichbarer die Geliebte, desto besser fürs romantische Leiden.

Andersen setzt sich in den Kopf, das Weihnachtsfest mit der Angebeteten in Berlin zu verbringen, wo sie ein Engagement an der Oper hat. Doch sie hält ihren Verehrer auf Distanz, und so sitzt Andersen an Heiligabend 1845 allein auf seinem Zimmer im British Hotel, Unter den Linden 56: „Nichts von Jenny gehört. Ich fühle mich gekränkt und wehmütig. Sie ist in Berlin nicht wie eine Schwester zu mir gewesen. Wenn ich sie hier hätte fördern können, hätte sie mir das doch nur zu sagen brauchen, und ich hätte es getan! – Sie hat meine Brust angefüllt – ich liebe sie nicht mehr! Sie hat in Berlin das kranke Fleisch mit einem kalten Messer herausgeschnitten!“ Erst zwei Tage später empfängt ihn Jenny, sie hat sogar ein Weihnachtsgeschenk für ihn: „Seife in Form eines Stücks Käse und Eau de Cologne.“

Als er geknickt ins Hotel zurückkehrt, findet er eine Einladung des Königs vor, der ihn zum Abendessen bittet. Friedrich Wilhelm IV. kennt sogar einen Roman von Andersen, aber noch keine Märchen. Er lädt den Dichter nach Potsdam ein, wo jener dem Königspaar im Stadtschloss am 3. Januar 1846 die Geschichte vom hässlichen Entlein vorliest. Am nächsten Tag ist er bei der Prinzessin von Preußen zu Gast, der späteren Kaiserin Augusta. Zur Erinnerung schenkt sie ihm eine Lithographie ihres Palais’, des später so genannten Wilhelmpalais Unter den Linden, Ecke Bebelplatz.

Drei Tage später, Andersen packt gerade seine Koffer, klopft es an der Hotelzimmertür: Ein Bote des Königs bringt einen Umschlag, darin eine Medaille und die Urkunde. Andersen ist zum Ritter des Roten Adlerordens III. Klasse ernannt worden. Außer sich vor Glück schreibt er nach Dänemark: „Oh! Ich bin ganz erschlagen! Ich halte es nicht länger aus! Ich bin ein Löwe, ich bin ein Berliner Löwe, ich bin eine männliche Jenny Lind geworden, ich bin in Mode!“ Die Ehrung in Preußen setzt den dänischen König unter Druck, der seinem Untertanen das Tragen eines ausländischen Ordens genehmigen muss. Noch im selben Jahr verleiht er ihm den angesehenen Danebrogorden. Neun weitere Auszeichnungen wird Andersen sich als alter Dichter bei gesellschaftlichen Anlässen an die Brust heften.

Der Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen bleibt süchtig nach der Anerkennung durch die Gebildeten und Mächtigen seiner Zeit. Berlin bietet ihm davon reichlich: „Einladungen folgten auf Einladungen; es gehörten förmlich körperliche Kräfte dazu, so viel Wohlwollen zu ertragen. Fast drei Wochen blieb ich in Berlin.“

Seine Liebe zu Deutschland wird von den wachsenden politischen Spannungen zwischen Preußen und Dänemark überschattet, die 1848/50 und 1864 um Schleswig-Holstein Krieg führen. Andersens Popularität in Deutschland tut das keinen Abbruch, er selbst leidet unter der Kriegspropaganda, die das Verhältnis zu den deutschen Freunden vergiftet.

Nur noch auf der Durchreise macht der Dichter in den Jahren 1855, 1856 und 1860 kurz Station in der unruhigen Hauptstadt des Kriegsgegners Preußen. Und so bleibt es beim Resümee seines ersten und einzigen Berlin-Gedichts:

Die Stadt – dreht man sie kreuz und quer, / Ist für Verse allzu groß und zu schwer. / Merk Dir: die Moral nur hauchdünn erschien, / Die man bekommt aus dem großen Berlin!

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