Zeitung Heute : Der den Zorn erntet

Die Schreckensmeldungen bleiben nicht aus. Iraks Volk bangt um seine Zukunft, während sich Aufständische Gefechte mit den Besatzern liefern. Aber wer steht eigentlich hinter den Massen? Dem jungen radikalen Schiitenführer Moktada al Sadr laufen immer mehr Anhänger zu. Ein Porträt.

Andrea Nüsse[Amman]

IRAK – WER SIND DIE MÄCHTIGEN?

Der derzeitige Gegenspieler von George Bush in Irak heißt Moktada Al Sadr. Ihn wollen die Amerikaner „gefangen nehmen oder töten“, nachdem er vor zehn Tagen zum Aufstand gegen die Besatzungstruppen aufgerufen hatte. Am Dienstag haben sie die Schlinge um den jungen Schiitenführer zunächst enger gezogen: Sie nahmen seinen Vertreter in Bagdad, Scheich Hazem al Arajii, im Sheraton-Hotel fest, ließen ihn allerdings Stunden später wieder frei. In dieser von amerikanischen Truppen streng bewachten „Festung“ hatte der enge Vertraute al Sadrs der italienischen Presse ein Interview gegeben. Damit suchen die Amerikaner die offene Auseinandersetzung mit dem hitzköpfigen Moktada al Sadr. Die Festnahme eines anderen Vertrauten al Sadrs hatte die Rebellion seiner Milizionäre und Anhänger ausgelöst, in deren Verlauf sie zeitweise mehrere irakische Städte unter ihre Kontrolle brachten.

Der junge Moktada al Sadr ist der perfekte Counterpart für US-Präsident George Bush. Das ist ihm auf den ersten Blick nicht anzusehen: Ein Mann mit Kindergesicht unter dem schwarzen Turban, der ihn als Abkömmling der Familie des Propheten Mohammed kennzeichnet. Nur der lange schwarze Bart gibt ihm etwas Reiferes. Doch er teilt mit George Bush die simple Einteilung der Welt in Gut und Böse, allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen. So verkörpert die amerikanische Besatzung für ihn das Böse. Er lehnte sie von Anfang an ab hat.

Als die US-Zivilverwaltung ihm vor zwölf Tagen mit der Festnahme seines Vertrauten und der Schließung seines Sprachrohrs, der Tageszeitung Al Hawsa den Fehdehandschuh vor die Füße warf, nutzte er die Gelegenheit, sich als Märtyrer zu stilisieren. Er verschanzte sich zunächst in der Moschee von Kufa, wo er seit einem Jahr freitags predigt. An diesem für Schiiten besonders symbolträchtigen Ort sei er bereit, als Märtyrer zu sterben, ließ al Sadr verlauten. Damit stellte er sich in eine Linie mit Hussein, dem Enkel des Propheten Mohammed und Sohn des Begründers des Schiitentums, Ali, der hier gegen eine übermächtige Omayyaden-Armee den Opfertod starb. Ein Motiv, das in der schiitischen Religion bis heute eine entscheidende Rolle spielt und jährlich beim Ashura-Fest nachempfunden wird. Dem Messianismus, der das Weltbild George Bushs prägt, setzt Moktada al Sadr die emotional aufgeladenen Symbole des Schiitentums gegenüber.

Allerdings läßt er dabei die rationale und pragmatische Komponente seiner Religionsrichtung außer Acht. Dies unterscheidet ihn von den führenden schiitischen Geistlichen, welche die Hauza, das informelle Netzwerk aus Gelehrten und Religionsschulen, führen, an ihrer Spitze Großajatollah Ali Sistani. Sie lassen die Amerikaner bisher gewähren, solange sie durch regelmäßige Intervention sicherstellen, dass der eingeleitete politische Prozess der schiitischen Bevölkerungsmehrheit mittelfristig ihre Rechte sichern würde. Moktada hielt sich lange im Schatten der führenden Religionsgelehrten, mit denen er auf religiösem Gebiet nicht konkurrieren kann: Der junge Mann, dessen Alter auf Mitte zwanzig bis 31 Jahre geschätzt wird, kann auf keine religiösen Publikationen verweisen, die Voraussetzung zum Aufstieg in des Rang eines Ajatollahs oder Großajatollahs sind. Er hat also nur einen niederen Rang in der religiösen Hierarchie und kann keine Fatwas erlassen. Sein Ansehen rührte bis vor kurzem hauptsächlich von seiner Abstammung aus einer der führenden Gelehrtenfamilien Iraks her. Sein Vater, Großajatollah Mohammed Sadiq al Sadr, schuf ein weitverzweigtes soziales und wirtschaftliches Netzwerk unabhängig vom Staat. Darin sah Saddam Hussein eine Gefahr und so wurde Mohammed Sadiq al Sadr zusammen mit seinen beiden ältesten Söhnen 1999 in seinem Auto erschossen. Er bleibt eine wichtige Quelle politischer Inspiration für viele Schiiten.

Der Ruhm des Vaters

Diese Politisierung der Religion setzt sein jüngster Sohn Moktada fort. Dabei wendet er sich gezielt an die sozial schwächsten Schichten unter den Schiiten in Slums und Vororten, die in den 60er Jahren dem Kommunismus anhingen. Auch die jungen Scheichs in seinem Umkreis unterscheiden sich in Herkunft und Gelehrsamkeit von der traditionellen Elite in Nadschaf. Sie sind weit weniger tolerant was die Rechte Andersdenkender angeht als etwa Ali Sistani.

Einig ist man sich in der Ablehnung der amerikanischen Besatzung. Aus religiösen Gründen, weil ein muslimisches Land nicht von Nicht-Muslimen beherrscht werden darf. Mit dieser Haltung können sie sich von den traditionellen Schiitenführern absetzen und Punkte sammeln bei denen, die ein Jahr nach dem Krieg zunehmend von der amerikanischen Politik enttäuscht sind. Konnte man noch im Mai vergangenen Jahres in Nadschaf kaum einen jungen Mann finden, der sich als Anhänger Moktada al Sadrs bezeichnete, so hat ihn das massive Vorgehen der Amerikaner gegen seine Gruppe auch außerhalb des Millionen-Slums von Sadr-City populär gemacht.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben