Zeitung Heute : Der dicke Mann, mein Vater und ich

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Diese Welt ist voll von Missverständnissen. An einem Sonntag sitze ich mit meinem Vater beim Frühstück in einem Café in der Mommsenstraße. Wir sitzen an einem Tisch am Fenster. Freier Blick auf den Gehsteig und die Leute, die vorübergehen und den nassen Asphalt der Straße. Es fahren noch nicht viele Autos. Wir führen ein ernstes Gespräch über mein Leben. Und mein Vater versteht mich wieder mal nicht. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück und sagt: „Vielleicht haben die Mädchen nicht über dich gelacht, sondern über etwas ganz anderes.“ Ich habe ihm erzählt, dass ich gestern in einer Diskothek war.

Sie spielten dort Musik aus den siebziger Jahren. Ich tanzte, ich hatte richtig Lust zum Tanzen. Zur Erklärung: ich habe eine halbseitige Lähmung und kann mit dem linken Arm nicht so richtig mit. Das sieht großartig aus, wenn der linke Arm so komisch angewinkelt mithüpft und die Hand so herunterhängt. Ich weiß das genau, aber jetzt beim Tanzen hatte ich nicht so daran gedacht. Ich war ganz gut drauf, bis ich die beiden Mädchen sah. Die standen so ein bisschen abseits, hatten lange Gläser mit Strohhalmen in der Hand und saugten eine orangefarbene Flüssigkeit in sich hinein. Sie sahen unglaublich hübsch aus, die eine hatte ein rotes Kleid an mit einem tiefen Ausschnitt, aus dem der halbe Busen hing. Die andere brauchte keinen Ausschnitt, ihr Top war total durchsichtig. Sie steckten die Köpfe zusammen und sahen zu mir herüber. Und dann lachten sie. Und mir wurde schlecht. Sie lachten über mich. Über die Figur, die ich machte. Ich kannte dieses Lachen. Schon von der Schule, vom Pausenhof, vom Turnsaal. Von Schulbällen. Was zum Teufel willst denn du hier? sagte dieses Lachen. An deiner Stelle bliebe ich lieber zu Hause, sagte dieses Lachen. Und ich hörte auf zu tanzen und ging sofort nach Hause.

„So ist mein Leben“, sage ich zu meinem Vater. „Ich gehe am besten nirgends hin.“ Mein Vater sieht mich an. „Benni, du bist gut so wie du bist. Du musst nicht alles auf dich beziehen. Kannst du nicht cool sein?“ Ich lege mein Croissant wieder auf den Teller. Ich habe überhaupt keinen Hunger. „Jeder ist cooler als ich“, sage ich. „Jeder, der auf dieser verdammten Straße vorbeiläuft, ist cooler als ich.“ Ich schaue aus dem Fenster und deute wie zum Beweis auf den ersten Passanten, der vorbeikommt. Mein Vater schaut hin und wir müssen beide lachen. Weil dieser Passant irgendwie überhaupt nicht cool ist. Es ist ein total übergewichtiger Mann mit einem kugelrunden Kopf und einem braunen Mantel, bei dem die Knöpfe beinahe abplatzen. Er sieht unsere lachenden Gesichter und meinen Zeigefinger, der auf ihn deutet. Ich fange seinen Blick auf. Ich weiß in diesem Moment, was er denkt, was er denken muss. Er muss denken: da sind zwei, die über ihn lachen. Über seinen Bauch. Über seinen dicken Kopf. Über seine ganze unglückliche Figur.

Ich stelle mir vor, wie durch seinen Kopf geht, dass wir denken, wenn man so aussieht wie du, geht man am besten gar nicht auf die Straße. Er steckt die Hände in die Taschen und läuft weiter. Er tut mir furchtbar Leid. Ich würde am liebsten aufspringen und ihm nachlaufen, ihm sagen: „Wir haben nicht über Sie gelacht. Ganz ehrlich nicht. Es war ein Zufall. Es ist ein Missverständnis.“ Aber ich weiß, dass das nicht helfen würde. Ihm jedenfalls nicht. Verletzungen kann man nicht zurücknehmen. Ich trinke mein Glas aus. Dann sage ich zu meinem Vater: „Vielleicht hast du Recht. Vielleicht haben die Mädchen doch über etwas anderes gelacht.“ Am selben Abend bin ich wieder Tanzen gegangen.

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