Zeitung Heute : Der doppelteGenickbruch

UWE SCHLICHT

Die Zeit für eine Hochschulreform nach dem Scheitern der Ordinarienuniversität und der Gruppenuniversität ist reifVON UWE SCHLICHTVor dreißig Jahren war weder die Geburtsstunde der Gruppenuniversität noch der Bildungsexpansion.Aber die Tatsache, daß am 2.Juni 1967 ein protestierender Student von einem Polizisten erschossen wurde, löste einen derartigen Schock aus, daß Hochschulreform und Bildungsexpansion beschleunigt wurden.Der Staat wollte den Protest von der Straße zurück in die Hochschulen verlagern - in der Hoffnung, dort das Engagement in Reformarbeit zu verwandeln.Das bedeutete das Ende der Herrschaft der Professoren in der wissenschaftlich glänzenden Ordinarienuniversität.Als Zugeständnis an die Studenten und Assistenten wurde die Gruppenuniversität aus der Taufe gehoben.Das war opportunistisch und idealistisch zugleich.Einen Hauch von Idealismus prägte jedenfalls die Vorstellung, daß sich durch freie Diskussion in den Gremien das Gesamtinteresse der Universität herausbilden könnte. In einer ideologisch verblendeten Zeit war das eine Illusion, weil Studenten, die sich in Linksradikale verwandelt hatten, kein Interesse an einer Uni-Reform hatten, sondern eine revolutionäre Veränderung der Gesellschaft ersehnten.Die Universität sollte nur Ausgangspunkt und Rückzugsbasis für den Marsch durch die Institutionen sein.Aber Dutschkes und Marcuses Alternative, erst ein Gefängnis einzureißen und dann auf die Geburt der Freiheit in einer besseren Gesellschaft zu warten, war zu vage, als daß sie überzeugen konnte. Damit war der akademische Bürgerkrieg an den besonders politisierten Universitäten ausgerufen.Professoren gaben unterstützt von weiten Teilen der Gesellschaft ihr Feld nicht kampflos den Seminarkommunisten preis.Bürgerkriege - auch akademische - werden unerbittlich ausgetragen.Als es schließlich auf dem Schlachtfeld der Hochschulen nach Jahren des Hasses nur noch Ermattung gab, kam es in Berlin zum Burgfrieden.Die Gruppenuniversität bekam den Anstrich der Proporzuniversität: Einflußsphären wurden abgesteckt und von der jeweils anderen Seite respektiert - leider nicht als Übergangserscheinung, sondern in einigen Grundformen bis heute.Politisierte Fraktionen und Proporz waren der erste Genickbruch für die Universitäten. Parallel dazu verlief eine nicht minder verhängnisvolle Entwicklung: Zur Massenuniversität gab es mit der sich wandelnden Einstellung in der Bevölkerung und dem Qualifikationsbedürfnis moderner Gesellschaften keine Alternative.Der Königsweg führte über das Abitur zum Studium - seit den 70er Jahren nicht nur für drei bis fünf Prozent eines Jahrganges, sondern für zunächst 15, später 20 bis 30 Prozent. Der zweite Genickbruch kam mit dem kurzsichtigen Legislaturdenken der Politiker: Die Priorität für die Ausbildung der jungen Generation reichte nur für die Reformjahre von 1966 bis 1973.Das ist in den Dimensionen von Lebensentwicklungen und Wissenschaftsdynamik eine kurze Zeit.Die Finanzminister nahmen den Bildungspolitikern das Heft aus der Hand, als die ersten Wirtschaftskrisen das Wunderland erschütterten.Auf den abrupten Übergang von Millionenjahrgängen der 60er Jahre zu halbierten Jahrgängen in den 70ern wußten Ministerpräsidenten und Finanzminister keine andere Antwort als die "Untertunnelung des Studentenbergs".Die Folgen spüren wir heute noch: Für 1,8 Millionen Studenten stehen nur 900 000 Studienplätze zur Verfügung.Die Hochschulen sollten zwar Hunderttausenden pro Jahr einen akademischen Abschluß ermöglichen - 230 000 sind es allein 1995 gewesen -, aber sie wurden für den Massenbetrieb weder räumlich noch personell auch nur annähernd ausgestattet.Heute klafft eine Finanzierungslücke in Höhe von jährlich sechs bis neun Milliarden Mark im Vergleich zur Ausstattung der Hochschulen vor dem Öffnungsbeschluß der Ministerpräsidenten von 1977. In wenigen Jahren müssen erneut geburtenstarke Jahrgänge versorgt werden, und das in einer Zeit der Finanzkrise ohnegleichen.Der Staat setzt nur noch die für die Hochschulen brutalen Rahmenbedingungen - zum dritten Mal werden die Hochschulen von den Politikern im Stich gelassen.Aber es liegt jetzt an ihnen, ob sie nur jammern oder Wege aus der Krise suchen - mit neuem Profil und neuer Leistungsfähigkeit.Die Zeit für eine Hochschulreform nach dem Scheitern der Ordinarienuniversität und der Gruppenuniversität ist reif.

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